Atmen ist das neue Rauchen – von feinen Stäuben und runden Tischen

Köln diskutiert über Luftreinhaltung, der Druck zu handeln wird höher. Anmerkungen zu einem wichtigen Thema.

feinstaub

„Auto“suggestion in der Großstadtidylle

Es ist Sommer. Mit Schwung radle ich die Deutzer Brücke hinauf. Neben mir die Blechlawine, an der ich bereits seit dem Rudolfplatz gut gelaunt und schnell vorbei sause. Denn das macht Stau mit meiner Radfahrer-Psyche: ich will noch schneller fahren.

Oben angekommen und völlig außer Atem. Das Herz pocht. Es braucht mehr Sauerstoff aus der Lunge. Die Atemfrequenz schießt hoch. Es fühlt sich gut an. Ich bin schneller als alle anderen und schenke mir gleichzeitig noch ein kleines Workout. Und belohne mich selbst hier oben, wo Köln beinahe mit Großstadtcharme zu punkten weiß, mit dem schönsten Blick über die Stadt. Dazu das Siebengebirge in der Ferne, unten schippern die Kähne. Dem Himmel und Wasser so nah, mitten in der City. Beinahe idyllisch. Ich atme tief ein und denke mir noch über die geduldserprobten PKW-Pendler: „Selbst schuld!“.

Die Sache hat nur einen Haken. Mein Selbstbetrug ist keine Frage der Perspektive oder der Auslegung. Er lässt sich sehr exakt messen und berechnen, nämlich in µg/ m3. Mikrogramm pro Kubikmeter, die Messeinheit für Feinstaub und Stickoxide.

Vom Winde verweht

Laut Max-Planck-Gesellschaft sterben in Deutschland rund 35.000 Menschen jährlich an Luftverschmutzung. Zum Vergleich: die Zahl der jährlichen Verkehrstoten in Deutschland beträgt etwa ein Zehntel davon.
Weltweit unterscheiden sich die Emissionsquellen in ihrer Gewichtung. Während in urbanen Räumen hauptsächlich Industrie und Verkehr zur Luftverschmutzung beitragen, findet man außerhalb der Stadtgrenzen den weltweit verhältnismäßig größten Feinstaubverursacher, die Landwirtschaft. Als Abfallprodukt von Düngemitteln und Massentierhaltung gelangt Ammoniak in die Atmosphäre, der über chemische Reaktionen wie Bindemittel für andere Abfallpartikel wirkt. Dadurch entsteht Feinstaub.

Die MPG schätzt die Zahl der Toten in Deutschland durch die durch Landwirtschaft bedingte Luftverschmutzung auf 40 Prozent. Gerade mal die Hälfte sollen durch verkehrsbedingte Emissionen ums Leben kommen, was allerdings bedeutet, dass in Deutschland immer noch doppelt so viele Menschen an Verkehrsemissionen sterben als durch Verkehrsunfälle. Das Helmholtz Zentrum etwa konnte in einer Studie in Augsburg nachweisen, dass in einem Zeitraum von einer Stunde nach der Verkehrsexposition (unabhängig ob bei PKW oder ÖPNV-Nutzung) das Herzinfarktrisiko dreimal so hoch ist.

In seinem EURAD-Programm erstellt das Rheinische Institut für Umweltforschung an der Universität zu Köln täglich Strömungsprognosen, u.a. für Ozon3, Feinstaubpartikel PM10, Schwefeldioxid und, wie unten abgebildet, für Stickstoffdioxid. Die Graphik offenbart Luftverschmutzung als grenzübergreifendes Problem.

Strömungsprognose für Stickstoffdioxid am 2.2.2018 – Quelle: www.db.eurad.uni-koeln.de

Die aufgezeigten Werte pendeln zwischen 4,5 und rund 61 µg/ m3. Der einzuhaltende Richtwert der Europäischen Kommission liegt bei 40 µg/ m3. Nicht weil eine Belastung unterhalb dieser Grenze nicht gesundheitsgefährdend wäre. Der von der WHO empfohlene Richtwert liegt bei 20 µg/ m3. Der EU-Richtwert ist das Ergebnis zäher Verhandlungen aller Mitgliedstaaten, bei denen vor allem eines abgewogen wurde: die “ökonomische Verkraftbarkeit” von Grenzen und Richtlinien.

Discounter-Politik

Diese Geisteshaltung, also die wirtschaftliche Abwägung gegenüber juristischen Risiken, spiegelt sich auch in den Ergebnissen des Runden Tisches zur Luftreinhaltung hier in Köln. Hier landen Maßnahmen, die zwar aufwändig und mitunter teuer sind, jedoch mit einer unmittelbaren positiven Auswirkung auf die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger aufwarten könnten, in der Bewertungsmatrix eher auf den hinteren Plätzen. Keine Überraschung, wenn die Bewertungskriterien sich maßgeblich an der Kostenanalyse orientieren. Lieber billig, schnell und ungesund – Discounter-Politik.

Dieses Mal fällt es allerdings nicht so einfach, den Buh-Mann auszumachen. Die Verwaltung hat breit eingeladen. Nicht aller Tage sitzen Ford, NABU, DGB, ADFC und AGORA Köln an einem Tisch, um die Zukunft der Stadt zu diskutieren. Diese Prozessöffnung steht auch für eine Bürgerbeteiligung jenseits von Turnhallen. Einzig: unter den 36 Akteuren aus Wirtschaft, Verbänden und Zivilgesellschaft finden sich leider keine Vertreter von Ärztekammern oder Krankenkassen. Die gesundheitlichen Folgeschäden der Luftbelastung und ihre Kosten spielen somit auch keine Rolle in der Bewertungsmatrix und werden nicht den Aufwänden von Schutzmaßnahmen gegengerechnet.

Prozess und Ergebnis spiegeln eine Mischung aus Hektik, Verdrängung und Optimismus. Und wer kennt nicht dieses stille Gefühl der Irritation, wenn wir asiatische Touristen mit Schutzmasken im Gesicht sehen. Man selbst lässt allerdings seine Kinder unbekümmert am Rheinufer planschen, obwohl hier die Luftqualität hier derer einer vielbefahrenen Autobahn gleicht. Oder wir radeln mit einem Hochgefühl über die Deutzer Brücke vorbei an Blechlawinen und erfreuen uns des städtischen Panoramas.

Der Maßnahmenkatalog ist breit und ausdifferenziert. Sein Entstehungsprozess zeugt auch von einem mutigen Schritt der Verwaltung, breit und im Dialog, die Expertise der Stadtgesellschaft einzubinden. Doch am Ende landen Maßnahmen mit einem hohen Wirkungsgrad, bei geringen Verwaltungskosten und die auch zeitlich schnell umzusetzen sind, bei einer mittelmäßigen bis geringen Priorität (siehe blaue Plakette und Dieselfahrverbot). Und nun offenbart noch die vom Umweltamt in Auftrag gegebene Studie: selbst diese bislang als Ultima Ratio ausgegebenen Maßnahmen, würden nicht zur Einhaltung der NO2-Richtwerte führen. Ob das der Bezirksregierung Köln als entscheidende Instanz am Ende reicht, bleibt abzuwarten. Der Gesundheit reicht es in jedem Falle nicht.

 

 


Weitere Links zum Thema:
Antrag der Ratsgruppe GUT zur Fortschreibung Luftreinhalteplan

Gerne teilen

Autor: Thomas Schmeckpeper

Thomas Schmeckpeper arbeitet freiberuflich im Event- und Bildungssektor, u.a. als Projektleiter für Großraumveranstaltungen – und schreibt hier Referent der Ratsgruppe GUT

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.