Wohnen für Obdachlose – Housing First

Die Zahl der wohnungslosen Menschen wird in Köln aktuell auf 6.000 Personen geschätzt. Was also tut die Stadt um diese Menschen in Wohnungen zu bringen? Insbesondere für Obdachlose können Ansätze wie Housing First eine Möglichkeit sein, endlich eine Wohnung zu bekommen – bedingungslos. Die Ratsgruppe GUT Köln hat bei der Verwaltung angefragt, inwieweit Housing First in Köln möglich ist.

Eine Hand hält einen Schlüssel. Ein Symbolbild für den Wohnungschlüssel zu Housing First für obdachlose Menschen

Das ist eine Alltagsszene: Vor dem Supermarkteingang sitzt eine obdachlose Person und bittet um ein paar Cent.
Und das wäre ein neuer Denkansatz: Statt Kleingeld gebe ich ihm einen Wohnungsschlüssel.  Und füge hinzu, dass ich ihn jederzeit besuchen komme, sollte er  in irgendeiner Form Hilfe benötigen.

So kann man sich, etwas überspitzt, die Idee hinter dem Konzept von Housing First vorstellen.

Housing First: Obdachlose Menschen bekommen eine Wohnung zur Verfügung gestellt, ohne vorher Bedingungen erfüllen zu müssen.

Die Idee stammt ursprünglich aus den USA.  Wichtig ist bei diesem Ansazt erstmal, den Menschen in eine eigene Wohnung zu bringen, in der er Sicherheit und Ruhe findet. Bedingungslos und mit normalem Mietvertrag. Alles andere, wie die Menschen ihre Leben wieder in geregelte Bahnen lenken können, folgt später und mit Hilfsangeboten auf freiwilliger Basis. Das klingt nach einem Wagnis aber die Ergebnisse des Housing First Guide Europe sprechen für sich:

Die Erfolgsquoten sind länderübergreifend erstaunlich.

Menschen, die Jahrzehnte lang auf der Straße gelebt haben, wohnen unauffällig und gut integriert Tür an Tür mit bürgerlichen Familien. In Finnland wird das Projekt Housing First bereits seit 10 Jahren erfolgreich praktiziert und politisch unterstützt.

Seit fünf Jahren gibt es Housing First Projekte in Düsseldorf.

Apropos Tür an Tür: Seit fünf Jahre wird Housing First in Düsseldorf umgesetzt. Der kleine örtliche Verein der Wohnungslosenhilfe fiftyfifty/Aspahlt e.V. initiierte und finanzierte Housing First mittlerweile für 60 Obdachlose. Nur drei Personen konnten nicht dauerhaft in der vermittelten Wohnung bleiben. Das Projekt lief so erfolgreich, dass die Initiatoren einen Housing-First-Fonds gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW eingerichtet haben. So werden Organisationen der Wohnungslosenhilfe aus ganz NRW in die Lage versetzt, den Housing-First Ansatz selbst umzusetzen. Mit den Mitteln des Fonds werden Finanzierungsgrundlagen in Höhe von 20% zum Ankauf von Wohnungen geschaffen. Das Projekt wird durch das Land Nordrhein-Westfalen bis Ende November 2020 gefördert.
Noch weiter nördlich stimmte im Frühjahr der Berliner Senat für die Unterstützung von Housing First Projekten. Bei solchen Erfolgsmeldungen kam in der Ratsgruppe GUT Köln die Frage auf:

Welche Möglichkeiten sieht die Verwaltung, Housing First auch in Köln umzusetzen?

Oder besser noch: was hindert sie daran? Und was kann die Ratsgruppe tun, um sie in die Lage zu versetzen solche Projekte zu unterstützen? So lautete unsere Anfrage an die Verwaltung. Im sogenannten Stufensystem müssen Obdachlose derzeit nacheinander erfolgreich Angebote durchlaufen, bis sie als mietfähig gelten. Viele scheitern an den zu erfüllenden Anforderungen oder schaffen erst gar nicht den Sprung auf die nächste Systemstufe. Eine Alternative wäre also sinnig.

Schöne Idee, aber….

In ihrer Antwort erklärt die Verwaltung, dass Housing First eine sinnvolle Ergänzung für das aktuelle Hilfesystem sein könnte. Aber ihrer Meinung nach eher geeignet für Menschen, die akut ihre Wohnung verloren haben. Laut Verwaltung sind Kölner Vermieter selten bereit an obdachlose Personen zu vermieten. Hinzu käme, dass obdachlose Menschen, die sucht- und psychisch erkrankt sind, Hilfen schwer annehmen würden.
Dieser Teil der Verwaltungsantwort widerspricht der Ursprungsidee von Housing First gänzlich.
Dennoch: Das Thema Obdachlosigkeit und Housing First in Köln wird wohl in der nächsten Sitzung der StadtAG für Köln abschließend beraten werden. Die Verwaltung bleibt kritisch. Die Fördervoraussetzungen durch den Housing-First-Fonds sind nach Ansicht der Verwaltung eng und es müssen 80% der Mittel für den Ankauf von Wohnungen aufgebracht werden. Der generelle Wohnraummangel in Köln ist in diesem Zusammenhang ein weiteres Problem. Hauptfragestellung wird laut Verwaltung sein: “inwieweit der Ankauf von Wohnungen durch Träger zu den Konditionen des Housing-First-Fonds für Köln eine Erweiterung der bisherigen Möglichkeiten zur Versorgung mit Wohnraum darstellen kann.”

“Viadukt” akquiriert Wohnungen für Wohnungslose

Die Verwaltung ist der Ansicht, dass ein Teilaspekt  von Housing First bereits durch bestehende Angebote umgesetzt wird. Sie bezieht sich hier auf die Angebote zum ambulant betreuten Wohnen und auf das Projekt “Viadukt – Brücke zur Wohnung”. Bei Viadukt akquiriert ein Kooperationsverbund sozialer Träger Wohnungen speziell für akut wohnungslose und obdachlose Personen. Ähnlich wie beim Housing First Ansatz erhalten die Menschen hier einen Mietvertrag und das Angebot zu ambulaten Hilfe nach § 67 SGB XII.  Das Amt für Soziales, Arbeit und Senioren kooperiert mit den Trägern und das Land NRW unterstützt das Projekt finanziell. Aufgrund der positiven Projektergebnisse prüft die Verwaltung, ob eine Regelfinanzierung nach Ablauf der Förderung durch das Ministerium nach November 2019 möglich ist.

Ein erster Schritt der Stadt Köln, den Denkansatz von Housing First zu verfolgen, scheint gemacht. Und auch die Träger bewegen sich. Nach Aussage von fiftyfifty e.V. hat vor zwei Wochen eine Kölner Organisation der Wohnungslosenhilfe eine Partnerschaft für Housing First unterzeichnet!


Hier findet ihr unsere Anfrage und die Verwaltungsantwort.

Unter anderem berichtet das Süddeutsche Zeitung Magazin über das Düsseldorfer Projekt Housing First

Im Interview mit der ehemaligen Obdachlosen Linda Rennings haben wir im Winter 2019 nachgefragt, was Köln für seine obdachlosen Menschen verbessern kann.

 

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Autor: Karin Preugschat

Karin Preugschat arbeitet als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für unsere Ratsgruppe.

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