HURRAD – Feiern? Ja! Ausruhen? Nein!

Tempo 30 Zonen, neue Fahrradspuren, Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht, ausgewiesene Fahrradstraßen – es tut sich was in Köln. Grund für Jubel oder Tropfen auf den heißen Stein?

Die Ratsgruppe GUT lud Fahrradaktivist*innen und den Fahrradbeauftragten der Stadt Köln zur Podiumsdiskussion „Hurrad!“. Christine Schilha hat zugehört und mitgeschrieben.

„There are nine-million bicycles in Beijing“ klingt es aus den Lautsprechern während sich im Konzertsaal des Alten Pfandhauses etwa 80 Interessierte einfinden, die der Einladung zum „Feier-Abend für den Radverkehr“ gefolgt sind. Auf neun Millionen Fahrräder, die es laut Katie Melua in Peking gibt, wird die vergleichsweise kleine Metropole Köln niemals kommen. Aber die Zahlen können sich dennoch sehen lassen: Wie die Stadt in ihrem Strategiepapier zur Mobilität 2014 feststellte, nutzen rund 15 Prozent der Kölner*innen das Fahrrad für ihre täglichen Wege, in manchen Stadtteilen sind es bis zu 25 Prozent, Tendenz steigend. Das „Radverkehrskonzept Innenstadt“ geht davon aus, dass hier nur noch 23 Prozent auf das Auto setzen – der Rest bewegt sich per Rad, Bahn oder zu Fuß fort. Seit zwei Jahren setzt das Team um den Fahrradbeauftragten der Stadt Köln Jürgen Möllers Maßnahmen um, die diesen Zahlen Rechnung tragen und die nun mehr und mehr im Straßenbild sichtbar werden.

Jürgen Möllers, Fahrradbeauftragter der Stadt Köln am Mikro mit Harald Schuster, RADKOMM

Die richtige Richtung

„Ein ganz kleiner Schritt in einem riesen Projekt“, sagt der Moderator des Abends Martin Herrndorf zu Beginn, „und zwar in dem Projekt, die autogerechte Stadt zu einer menschengerechten Stadt umzubauen, in der alle am Verkehr Teilnehmenden gleichberechtigt sind“. Thor Zimmermann, Ratsmitglied und Öffentlichkeitsreferent der Ratsgruppe GUT, zeigt im Laufe der Veranstaltung Bilder der bereits umgesetzten Veränderungen. An mehreren Orten sind etwa Autospuren komplett für den Radverkehr umgewidmet worden. „Die Cäcilienstraße war der absolute Durchbruch in der Wahrnehmung“, sagt Möllers, „da kommen so gut wie alle, die in Köln wohnen, irgendwann im Laufe eines Monats mal vorbei“.

Carolin Ohlwein vom ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) freut sich, dass nun endlich die Konzepte Gestalt annehmen, in die sich viele im Raum Anwesende mit zivilgesellschaftlichem Engagement eingebracht haben: „Wir haben alle lange gewartet“. Auch Wolfgang Kissenbeck vom Umweltverband VCD (Verkehrsclub Deutschland e.V.) in NRW hebt die wichtige Rolle der vielen aktiven Streiter*innen für den Radverkehr hervor, er ist sich sicher: „Ohne deren Einsatz hätte sich bis heute nichts geändert“.

Für Reinhold Goss vom Aktionsbündnis #RingFrei ist es ein wichtiger Teilerfolg, dass es nun einen Radfahrstreifen auf dem Theodor-Heuss- und dem Hansaring gibt. Er fahre sogar manchmal extra einen Umweg, um das zu nutzen: „Einfach weil es mich so freut.“ Seit Jahren kämpft der Aktivist darum, dass die gesamten Kölner Ringe von der Raser-Meile zum Bummel- und Radfahr-Boulevard umfunktioniert werden. Er fordert: „Wir müssen jetzt das Puzzlewerk zu etwas Ganzem machen.“

Reinhold Goss #RingFrei erhält die HURRAD-Auszeichnung. Rechts im Bild Carolin Ohlwein, ADFC Köln

Das Auto in den Köpfen

„Viele Menschen denken noch in Auto, auch in der Verwaltung“, sagt Harald Schuster vom Kölner Forum für Radverkehr Radkomm, „wir müssen das Kleinhirn erreichen und den Kopf autofrei kriegen“. Auch Gunda Wienke,  Die Linke, Mitglied im Verkehrsausschuss, beklagt die verkrusteten Denkmuster. Die Verwaltung sperre sich zum Beispiel ganz massiv dagegen, Parkraum zugunsten des Fahrradverkehrs abzubauen. Dabei gäbe es für jedes Auto, das in die Innenstadt fährt, mindestens drei Stellplätze in Parkhäusern, Tiefgaragen oder auf privaten Parkplätzen. „Im gesamten öffentlichen Raum müsste kein Auto am Straßenrand stehen“, sagt Wienke und erntet dafür Applaus.

Angesichts der genannten Widerstände erscheint es um so erstaunlicher, was der Fahrradbeauftragte auf die Beine gestellt hat, seit der Verkehrsausschuss 2016 das „Radverkehrskonzept Innenstadt“ als Handlungsrahmen für die zukünftige Verkehrsplanung beschloss. „Wir brauchen den Druck der Initiativen, um Dinge zeitnah durchsetzen zu können“, sagt Möllers, der im Übrigen selbst seit 30 Jahren aus Überzeugung autofrei lebt. Verzögerungen hätten allerdings manchmal auch unerwartete Gründe: In geplanten Fahrradstraßen wie dem Friesenwall solle die Aufstellung von Fahrradständern dafür sorgen, dass Autos nur noch auf einer Seite parken können, aber die beauftragte Firma sei durch das große Auftragsvolumen heillos überlastet.

Die Zukunft

„Immer wenn hier in der Innenstadt jemand sagt, ich fahre lieber mit dem Rad, kommt einer aus Kerpen und füllt mit seinem Auto die Lücke“, erklärt Goss etwas salopp das Problem des Pendlerverkehrs. Täglich fahren rund 330.000 Menschen nach Köln rein und über 150.000 aus Köln raus zur Arbeit – rund 47 Prozent davon nutzen dazu das Auto. „Wir können nicht so weitermachen“, sagt Goss und mahnt zugleich, dass Fortschritt in der Stadtentwicklung in Zukunft wesentlich schneller und nicht immer nur auf Druck von Aktivist*innen erfolgen müsse.

Auch die Nachfragen aus dem Publikum machen deutlich, dass die derzeitigen Bemühungen der Stadt für den Radverkehr zwar positiv wahrgenommen werden, es aber dennoch viel Aufhol- und Ausbesserungsbedarf gibt. Mehr Park- & Ride-Angebote müssen her. Es muss mehr gegen Autos getan werden, die auf Radwegen parken. Ein holländischer Immi findet: Die Radspur auf der Deutzer Brücke ist zu schmal, Radfahrer*innen laufen Gefahr, mit dem Gegenverkehr zu kollidieren oder von den Rückspiegeln kleinerer LKWs am Kopf getroffen zu werden.

Die Nutzung der Pilot-Fahrradspuren auf den Ringen wird übrigens überprüft. Der Fahrradbeauftragte empfiehlt deshalb: „Fahren Sie, fahren Sie, fahren Sie da, damit wir Sie zählen können!“ Möllers ist zuversichtlich, dass der weitere Ausbau des Innenstadt-Radnetzes zügig weitergeht. Der „südliche Ast“ von der Rhein-Ufer-Straße bis zum Barbarossaplatz soll bis Ende kommenden Jahres fertiggestellt sein. Wenn auch die derzeitigen Maßnahmen wie Stückwerk erscheinen mögen, nach und nach sollen alle Lücken geschlossen werden. Innerhalb der kommenden anderthalb Jahre sollen außerdem Konzepte für die anderen Bezirke sowie für Radschnellwege entwickelt werden. Wem das alles zu langsam geht, der oder die sollte sich einer der auf dem Podium vertretenen Initiativen oder der Wählergruppe GUT anschließen – um den Druck zu erhöhen.


Text: Christine Schilha – Bilder: Piotr Mazar


Weitere Informationen zu unseren Podiumsgästen und den Radverkehrsthemen findet ihr hier:

Fahrradbeauftragter der Stadt Köln
https://www.stadt-koeln.de/service/adressen/fahrradbeauftragter?kontrast=schwarz

Radverkehrskonzept Innenstadt
https://www.stadt-koeln.de/artikel/60927/index.html#

Verkehrssauschuss der Stadt Köln
https://www.stadt-koeln.de/artikel/06898/index.html

#RingFrei
https://ringfrei.chayns.net/news

ADFC Köln
https://www.adfc-nrw.de/kreisverbaende/kv-koeln/adfc-koeln-ev.html

Radkomm
https://www.radkomm.de/

VCD Landesverband NRW
https://nrw.vcd.org/startseite/

Gerne teilen

Autor: Gastautor*in

Dieser Autorenname steht für Autor*innen die für uns Gastbeiträge schreiben. Wer dies ist erfahrt Ihr im Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.