Am Anfang war das Wort

Im SWK Skandal zog ein Verantwortlicher keine persönlichen Konsequenzen, nun ist er Aufsichtsratsvorsitzender.

Kraus

“Kinder, ich weiß ja, ihr habt es nicht leicht, bis ihr im Leben das “soll” erreicht,
Was ihr getan steht im Buche der Zeit, ob ihr nun Schmitz oder Müller seid.
Alle die Zahlen die sauber geführt, werden am Ende addiert.
Doch diese Rechnung hat keinen Verdruß sie bringt uns alle nur Plus.”

Der Kölner hat das Klüngeln nicht erfunden. Er nennt es halt nur so. Und genau das unterscheidet ihn vom Friesen oder Bayern. Er schimpft darüber, parodiert es, aber trägt’s auch mit Stolz nach außen und verkauft es als ein liebenswürdiges Stück heimatlicher DNA. Das ist sadomasochistisch. Aber gar nicht so dumm.

Denn Klüngel als Begriff funktioniert als identitätsstiftender Moment. Klüngel, das ist ein niedrigschwelliges Angebot für jedermann. Weil es auf dem Hände-Waschen-Prinzip beruht. Und wer hat nicht mal die Griffel schmutzig? Und: Klüngel als Begriff funktioniert, wenn nicht jedermann mitmachen darf, aber jedermann es auffällt – als Ventil, als moralische Orientierung, als ein augenzwinkerndes “Ist halt so!”.

Martin Börschel hat mehr als sein letztes Lebensjahrzehnt anspruchsvollen Ämtern in der Politik gewidmet. Er hat Verantwortung übernommen im System des öffentlichen Interessenaustausches. Als Anwalt hätte er in der Zeit mehr Geld bei weniger Belastung verdient. Das kann man mal anerkennen – Karenzzeit hin oder her. Aber hätte er, der Aufsichtsratsvorsitzende sich selbst als Geschäftsführer für die Stadtwerke vorgeschlagen? Eher unwahrscheinlich.

“Nacht war’s und sicher schon lang über zwei, da kam der Wachtmeister Bum vorbei.
Drinnen im Wirtshaus, da hörte er Krach, deshalb trat ein er und schaute nach.
“Macht euch nicht strafbar!” so sagte er laut. Da hab’n die andern geschaut.
Was heißt denn strafbar? Sie wissen doch, Bum, langsam spricht es sich schon rum:”

Denn das ist neben der Frage nach den Beteiligten des Deals die vielleicht noch spannendere: wer hatte eigentlich die Idee dazu? Also Börschel diesen Posten zu schaffen und ihn möglichst “ohne Umwege” dorthin zu hieven? Cui bono? Oder sah man zunächst die Notwendigkeit einer zusätzlichen operativen Geschäftsführung, dachte ne Weile nach, und kam dann erst auf ihn?

Jemand muss die Agenda formuliert, rumtelefoniert und sondiert haben. Und diese(r) jemand muss Teil des ständigen Ausschusses gewesen sein, wo die Fraktionsvorsitzenden der Bündnis Parteien CDU und Grüne mit Petelkau und Jahn, der Arbeitnehmervertreter Nolden von der Rheinenergie, sowie die Gäste Verdi-Mann Sterzl und Jörg Frank, Geschäftsführer der Grünen im Rat, als Gäste, und schließlich Harald Kraus, stellv. Vorsitzender des Aufsichtsrates, sitzen. Was “Gast” bedeutet, klärt §27 MitbestG übrigens nicht.

UND: der Deal muss für Börschel sicher geklungen haben. Anders ist sein imposanter Abgang aus Düsseldorf (kein Bock mehr auf “Hinterzimmer-Politik”) nicht zu erklären. Aber hätte der Vorschlag für ihn sicher geklungen, wäre dieser von Petelkau, Frank oder Jahn gekommen? Also von der unmittelbaren politischen Konkurrenz in Köln? Und wäre es das wert gewesen, dafür die gesamte politische Existenz auf’s Spiel zu setzen? Nen Fuffi dagegen.

Ein bisschen bluten mussten die politischen VertreterInnen bis hierhin, während ihre Parteien sich größtenteils in phlegmatischer Stille üben. Wer soll das bezahlen? Wer hat das bestellt? Lieber Schweigen, das ist ja manchmal Gold. Und damit lassen sich Rechnungen begleichen. Aufklärung ist ja schön und gut, aber wenn sie eine Wahlbeteiligung in 2020 von 35% provoziert, hat auch keiner was gewonnen. Cui Bono? F*** you! Das ist jetzt eine Krise. Da muss man mal pragmatisch denken.

“Wenn ich bedenke, was weiter geschieht, wenn aus dem Lied man die Lehren zieht.
Dann werden Freunde und Feinde vereint, bis einst die Sonne des Friedens scheint.
Alle die Türen, sie öffnen sich weit in dieser herrlichen Zeit.
Bis zu den funkelnden Sternen empor klingt dann der fröhliche Chor:”

Immerhin, die Linke und v.a. ihr Fraktionsvorsitzender Detjen (auch Mitglied im Aufsichtsrat des SWK) forderten unablässig die totale Aufklärung. “Frau Reker, Sie wussten was! Das weiß ich.” rauschte es von Detjens Tisch durch den Ratssaal hinüber zur OB. Und in einer späteren Sitzung, als Reker sich auf die Vertraulichkeit von Gesprächen berief, aber dann Detjen selbt im “kölschen Konjunktiv” fragte, was er eigentlich tat, um den Deal zu verhindern… konterte dieser mit einem “DAS KÖNNEN SIE SICH AN DEN HUT SCHMIEREN!”. Detjen, die Marianne der Entrechteten, mit der Trikolore und dem nackten Busen und so. What a picture!

Fakt ist aber, der einzige Beteiligte und damit auch Mitverantwortliche, der bislang gar keine persönliche Konsequenz gezogen hat, sondern sich mit den Stimmen von Arbeitnehmervertretern, SPD und derer von Detjen zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden befördern ließ, ist Kraus. Harald Kraus, der noch am 19. April der Rundschau erklärte, man benötige keine Ausschreibung, weil man keinen operativen Manager brauche, sondern jemanden, “der wisse wie Köln tickt”.

Was bedeutet das? Keinen operativen Manager, sondern? Und was meint Kraus mit “wie Köln tickt”, etwa so wie in dieser Affäre? Auch den Umstand, dass derselbe externe Berater nun damit beauftragt ist, den Nutzen einer zusätzlichen Geschäftsführung zu prüfen, der zuvor bereits den Vorgang als rechtens durchgewunken hatte, mag verstehen wer will – oder kann.

”Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel,
weil wir so brav sind, weil wir so brav sind.
Das sieht selbst der Petrus ein,
er sagt: “Ich laß gern euch rein,
Ihr wart auf Erden schon die reinsten Engelein!”
[“Wir kommen alle in den Himmel”, Jupp Schmitz 1952]

Die Stimmen der Linke hätte es für eine Mehrheit nicht gebraucht. Warum hat Detjen dann Kraus gestützt, obwohl sein propagiertes Ziel die Aufklärung ist? Und warum hat Börschel seine Fraktion nicht darüber informiert, so wie die Grünen es immerhin taten (auch mit dem Risiko, andere in Geiselhaft zu nehmen)? Und überhaupt: wie diskutiert man darüber in den öffentlichkeitsscheuen Trutzburgen der CDU? Auf Valium?

Ämterpatronage ist keine Bagatelle. Und Klüngel ist Klüngel ist Klüngel. Aber eine Straftat ist eben auch eine Straftat. Und um so eine hätte es sich hier gehandelt, wäre die OB nicht eingeschritten. Alle Beteiligten dürfen einen tiefen Knix vor ihr machen. Ohne Frau Reker wäre es böser geendet.

PS.: die solidarische *Faust nach oben* des guten Tons geht an: die grüne Basis Köln und Jupp Schmitz! und das *Einhorn*-Trostpflaster in metallic-magenta an die FDP *Faust nach vorne*


Mehr zum Skandal um Börschel, Kraus und die Stadtwerke Köln erfahrt Ihr unter unserem tag swk

Bild [Ausschnitt]: Harald Kraus, Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Köln – Das Bild wurde uns von den SWK zur Verfügung gestellt.

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Autor: Thomas Schmeckpeper

Thomas Schmeckpeper arbeitet freiberuflich im Event- und Bildungssektor, u.a. als Projektleiter für Großraumveranstaltungen – und schreibt hier Referent der Ratsgruppe GUT

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