Unter der Straße, über dem Fluss und auf dem Fluss

Am 10. Oktober luden wir zur Führung ins Innere der Deutzer Brücke und zur anschließenden Bootsfahrt auf dem Rhein. Auf dem Fluss hielt Boris Sieverts, Spezialist für Stadtlandschaften und -räume und Mitkurator unseres Festivals „Leben in der Stadt“, einen Vortrag zum Thema „System und Ort“. Ein Expeditionsbericht von Christine Schilha.

In der Deutzer Brücke

„Als System wird allgemein eine Gesamtheit von Elementen bezeichnet, die miteinander verbunden sind und dadurch als eine aufgaben-, sinn- oder zweckgebundene Einheit angesehen werden können, als strukturierte systematische Ganzheit“, erklärt Wikipedia. Der Verkehr ist ein solches System. Am dritten Festivaltag ging es um die positiven und negativen Spannungen an den Grenzen dieses Systems. Was passiert dort, wo System und Umgebung aufeinandertreffen? Und wie ist der Konflikt zwischen Straße als Systemelement und Straße als Lebensraum zu lösen?

Das Knirschen und das Rauschen

Zum Auftakt begeben wir uns quasi in das Systeminnere: Den Hohlraum der Deutzer Brücke. Genauer gesagt, in einen der Hohlräume, denn es handelt sich eigentlich um zwei Brücken mit je drei begehbaren Räumen zwischen den Pfeilern, wie der Leiter des Amts für Brücken, Tunnel und Stadtbahnbau der Stadt Köln Gerd Neweling erklärt.

Amtsleiter Gerd Neweling vom Kölner Amt für Brücken und Stadtbahnbau
Amtsleiter Gerd Neweling

Auf den Überresten der 1945 eingestürzten Kettenhängebrücke von 1915 war 1947/48 eine 20,6 Meter breite Stahlkastenträgerbrücke erbaut worden, zu erkennen an der typischen grünen Farbe. Daneben entstand zwischen 1976 und 1980 ein Zwilling aus grauem Spannbeton. Beide Brücken wurden so miteinander verbunden, dass zwischen den Autofahrbahnen die Straßenbahn einen eigenen zweigleisigen Gleiskörper erhielt und die Gesamtbreite nun 31,5 Meter betrug. Neweling erinnert sich, wie in einem spektakulären Akt die fertige neue Brücke an die alte „drangeschoben“ wurde: „Das kam sogar in der Tagesschau. Ein Querverschub einer Rheinbrücke ist ja nichts Alltägliches.“
Käme es zu dem vieldiskutierten Tunnel unter dem Rhein für die Ost-West-Achse der U-Bahn, dann könne dieser auf keinen Fall unter der Deutzer Brücke entlangführen, erläutert Neweling auf die Frage eines Führungsteilnehmers. In der neuen Haltestelle Heumarkt ist die Quervertunnelung schon angelegt, allerdings für eine überirdische Lösung. „Von da käme man nicht schnell genug runter, da würde man voll vor den Strompfeiler hier brummen. Man müsste südlich oder nördlich daran vorbei.“ Gemäß einem Ratsauftrag würden diese Möglichkeiten derzeit untersucht. Weitere Ratsaufträge sähen die Überprüfung der Verbreiterung der Hohenzollernbrücke sowie des Baus einer eigenen Brücke für den Fuß- und Radverkehr vor.
In Newelings Verantwortung liegen Deutzer, Mühlheimer, Zoo- und Severinsbrücke. Die Süd- und die Hohenzollernbrücke fallen in den Zuständigkeitsbereich der Deutschen Bahn, mit Ausnahme der Fußwege. „Darum muss sich wiederum die Stadt kümmern, weil es dazu uralte Verträge mit der königlich preußischen Eisenbahnverwaltung gibt“, erzählt der Amtsleiter, „kommt man nicht raus.“ Sein Kollege Vjeran Buric leitet die Projektgruppe Sanierung Rheinbrücken, die sich aktuell vor allem mit dem Großprojekt Mülheimer Brücke beschäftigt: „Das ist wie mit Überraschungseiern. Wenn man Bauteile öffnet, weiß man nie, was man vorfindet.“

Expedition in die Brücke
Expedition in die Brücke

Wir befinden uns im linksrheinischen Brückenkopf, gleichsam die Eingangshalle, von der aus man in die Hohlräume der Deutzer Brücke gelangt. Hier lagern die Hochwasserschutzelemente für die Altstadt. Deutlich sichtbar auch die Nutzung der Brücke für Versorgungsleitungen – Strom, Gas, Telekommunikation. Eine alte großformatige Zigarettenreklame an einer mittleren Stützwand zeugt von der Zeit vor der Vereinigung der Zwillinge – dies muss einst eine Außenwand gewesen sein.

Über eine Treppenleiter und durch eine niedrige Öffnung gelangen wir schließlich in den ersten Hohlraum und vernehmen ein beängstigendes Knirschen, das jedoch völlig normal ist, ebenso wie das von Autos und Bahn verursachte Vibrieren. Das eigentümliche Grundrauschen des Verkehrs, der über unsere Köpfe hinwegrollt, und das phänomenale Echo locken von Zeit zu Zeit Künstler*Innen an: Ton-, Licht- und Tanzperformances oder Videoinstallationen gab es hier schon. Bis Buric schließlich den Schalter für die Deckenbeleuchtung findet, bewegen wir uns im Licht unserer Handy-Taschenlampen fort. Durch kleine in den Beton eingelassene Löcher fällt spärliches Tageslicht. Wenige größere Luken geben den Blick auf den fließenden Rhein frei. Und der wartet bereits auf uns. Es wird Zeit umzukehren.

Das Tuckern und das Plätschern

Zuerst durch die Deutzer Brücke – später unten durch

„Das Schiff ist ja eine schillernde Konstellation aus System und Ort“, sagt Boris Sieverts zu Beginn seines Vortrags auf dem 80 Personen fassenden „Stromer“, „es ist ein geselliger Ort, wo man zusammen kommt, und gleichzeitig ist man Systemelement auf einem Gefährt für die Wasserstraße Rhein. Der wiederum ist gleichzeitig Naturelement – ein Strom der durch halb Europa fließt.“ Gerade fährt das nostalgische Ausflugs- und Party-Bötchen unter der Deutzer Brücke durch, in der wir uns eben noch befanden. Statt des Rauschens dort hören wir nun das Tuckern des Schiffsmotors und das leise Plätschern des Wassers.
Sieverts gründete vor 18 Jahren das „Büro für Städtereisen“, das „Exkursionen in die unerforschten inneren und äußeren Randgebiete unserer Metropolen und Ballungsräume“ unternimmt (Infos unter www.neueraeume.de). Zur Einstimmung seiner Führungen in Köln sowie auch jetzt liest er eine Passage aus dem Buch „Das neue Köln – ein Vorentwurf“ des Leiters der Wiederaufbaugesellschaft Rudolf Schwarz von 1948 – mehr poetische Literatur als städteplanerische Schrift: „Was da mit lautloser Gewalt unsere Städte zu verformen beginnt, ist das neue Ereignis des Verkehrs […] Die großen Fließbänder des Verkehrs müssen in freier Bewegung die Länder durchströmen und mit all dem ausgestattet sein, was der Verkehr zu seinem glatten Abfluss braucht. Man muss ihnen weite und offene Räume vorsehen.“ Dagegen stellt Sieverts ein Zitat aus dem 1945 erschienenen „Neuaufbau der Stadt Köln“ des späteren Pressesprechers der Stadt Hans Schmitt-Rost: „Aber eine Stadt müsste heute andere Zwecke erfüllen wie vor hundert vor zweihundert Jahren? Wieso? Die Menschen wollen leben und glücklich sein.“

Boris Sieverts
Boris Sieverts während des Vortrages

Im heutigen Köln, so Sieverts, treffe man häufig auf eine Gleichzeitigkeit von Autogerechtigkeit und mittelalterlich anmutenden Straßen, wie etwa im Bereich Eigelstein und Tunisstraße. An weiteren Beispielen erläutert er, wie es nach dem Krieg zu dieser Entwicklung des eigentümlichen Nebeneinanders von System und Ort kam. Ein Foto des Barbarossaplatzes aus den 80er Jahren zeugt davon, dass der Wiederaufbau sich über einen sehr langen Zeitraum hinzog. „Der ist zwar heute bebauter, aber noch genau so kaputt“, kommentiert Sieverts. Nach einer Phase der Bemühungen um Verkehrsberuhigung und mehr Fahrrad- und Fußgängergerechtigkeit, setzte um die Jahrtausendwende eine unerwartete Entwicklung ein: „Plötzlich wurden die Autos immer fetter.“ Für Sieverts ein Backlash und Zeichen einer Spaltung der Gesellschaft.
„Die Eisenbahn ist fast noch systemischer als das Auto – niemand kann einfach abbiegen“, sagt Sieverts. Welchen Einschnitt sie im Stadtbild bedeutet, zeigt er anhand eines Luftbilds. Die Chancen, die sie auch als Ort bietet, kann der Referent nur anhand einer Fotomontage erläutern – fast alle Pläne, Bahnbögen mit Geschäften, Cafés oder kulturellen Treffpunkten zu beleben, sind in Köln bisher im Sande verlaufen.
Es folgen Bildbeispiele für ineinander liegende Systemelemente: Ein Schienenbus in der Mitte der A40, das Fußwegsystem zwischen Straßenbahn und Autofahrbahn am Kölner Barbarossplatz, ein Radweg unter der Hochstraße quer durch das Siegtal. Auf seinen Exkursionen hat Sieverts auch außergewöhnliche Fälle des Aufeinandertreffens von System und Ort entdeckt und bildlich festgehalten: Eine der Länge nach von einer Autobahn durchschnittene Wohnstraße etwa oder ein Unterstand für Kühe unter einer Autobahnbrücke.

Schiff Stromer
Ungewöhnliche Reihe – ungewöhnlicher Vortragsort: Auf dem Schiff “Stromer”

„Tolle Momente entstehen, wenn man Systemelemente umwidmet“, findet Sieverts. Auch hierfür liefert er Beispiele, wie ein Pop-Up-Restaurant auf dem Dach eines Parkhauses im Gereonsviertel oder das „Still-Leben Ruhrschnellweg“ im Rahmen von „RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas“, als die A40 für Autos gesperrt wurde und rund zwei Millionen Menschen dort spazierten, Rad fuhren und picknickten.

straße
18. Juli 2010, Still-Leben Ruhrschnellweg – Bild: Rainer Knäpper, Free Art License

System und Ort können aber auch dauerhaft zu einer freundlichen neuen Einheit verschmelzen. Belege dafür: Die Umwandlung des New Yorker Times Squares in eine Fußgängerzone, ein Fahrrad- und Fußgängertunnel unter dem Bahnhof in Amsterdam, der 23 Kilometer lange Fahrradweg auf der ehemaligen Nordbahntrasse in Wuppertal oder der Umbau eines historischen Gebäudes zum „Indoor-Radfahr-Bürohaus“ in London.
Als erstes Bundesland bekommt Berlin ein Fahrradgesetz. „Da wird jetzt genau so viel Geld investiert, wie vorher in den Autoverkehr“, meint Sieverts. Und wo steht Köln? In der Studie „Köln mobil 2025“ aus dem Jahr 2014 zeige sich die Zaghaftigkeit der Ziele: „Der motorisierte Individualverkehr soll von 40 auf 33 Prozent gesenkt werden – eine Wende ist das nicht“. Und eine Fortführung in Form eines konkreten Verkehrskonzeptes sei bis heute ausgeblieben. In der Diskussion stecken blieb auch das Vorhaben, den Fluss nach dem Vorbild Hamburgs in das öffentliche Nahverkehrssystem einzubinden. Einzige Ausnahme: Von Ostern bis Ende Oktober verkehrt der „Strolch“ regelmäßig zwischen Altstadt und Messegelände. Sein Bruder „Stromer“ hat indes gewendet und nähert sich wieder dem Anleger am Musical Dome.
Auf den letzten Metern erläutert Ratsmitglied Thor Zimmermann die Schwierigkeiten verkehrspolitische Ziele im Stadtrat durchzusetzen: „Man spürt die Autolobby natürlich, wir haben ja mit Ford hier einen großen Arbeitgeber“. Dass auf Drängen der Bürgerinitiative „Ring frei“ nun nach und nach Fahrradstreifen auf der Fahrbahn der Ringe eingerichtet würden, sei ein kleiner Fortschritt. „Aber von den Visionen, wie sie andere Städte entwickeln, sind wir in Köln leider Lichtjahre entfernt. Da sind dicke Bretter zu bohren, und da muss man einfach immer weitermachen.“


Text: Christine Schilha – Bilder (wenn nicht anders angegeben): Ratsgruppe GUT


Die hier besprochene Veranstaltung System & Ort fand am 10. Oktober 2018 in Köln statt, und ist Teil unserer Reihe Leben in der Stadt. Informationen zu unserer Stadtentwicklungsreihe hier.
Weitere Berichte über unsere Veranstaltungen im Rahmen dieser Reihe findet Ihr unter dem tag: Leben in der Stadt

Gerne teilen

Autor: Gastautor*in

Dieser Autorenname steht für Autor*innen die für uns Gastbeiträge schreiben. Wer dies ist erfahrt Ihr im Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.