Die Kölner Unfallstatistik 2016 – Wie man aus Zahlen Mythen macht

Ein Kommentar von Thomas Schmeckpeper

27 % mehr verunglückte Radfahrer*innen in Köln! Die erschreckenden Zahlen des Polizeiberichtes 2016 ließen uns aufhorchen. Unsere Ratsgruppe bat Thomas Schmeckpeper sich den Bericht mal genauer anzuschauen …


Es ist Sonntag. Die Familie hat zum Essen geladen. Tante I. tischt „Königsberger Klopse“ auf – mit Kapern und Pimentkörnern, die sie beiläufig „Liebeskügelchen“ nennt. Onkel W. entkorkt den Riesling. Auch dabei ein Fläschchen Essig-Essenz zum Nachwürzen.
Das Amen des Tischgebets hallt noch nach, da ist das Thema des Abends gefunden: die Kölner Unfallstatistik für das Jahr 2016. Oder nein,  eigentlich geht es um die Stellungnahme des Polizeipräsidenten Mathies zu dieser Studie. Oder noch präziser: es geht um die Überschrift des KSTA-Artikels über die Stellungnahme des Polizeipräsidenten zu dieser Studie: „Betrunkene Radfahrer, unaufmerksame Autofahrer“.
Ja, es braucht nicht einen Satz, um das auf den Punkt zu bringen, was Tante I. und Onkel W. tagtäglich auf ihrem Weg zwischen der Sülzer Tiefgarage und jener in der Komödienstr. bzw. der Düsseldorfer Kö ertragen müssen: den anarchischen Straßenkampf mit degenerierten Radlern.
Jenen volltrunkenen Verkehrsguerilleros, die sich weder eine flotte Limousine leisten können noch sich an das hundertjährige Vormachtsrecht des Verbrennungsmotors erinnern wollen. „Links,rechts, auf dem Bürgersteig – die sin’ all’ bekloppt! Und dann saufense auch noch. Ja natürlich bin ich da abgelenkt und nicht aufmerksam. Sacht der Mathies och!“.
Und ich? Ich hasse Pimentkörner. Das erste steckt mir sogleich im Hals. Aber so ist das mit Liebeskügelchen. Manchmal landen sie dort, wo sie nicht hin sollen – so wie ich etwa vor drei Monaten in der Tür eines 2.Reihe-Parkers auf der Berrenratherstraße.
Mögen die Spiele beginnen, hier im familiären Mikrokosmos, dem ehrlichsten aller gesellschaftlichen Spiegelbilder. Liebe gegen Hass. Verstand gegen Schilddrüsen. Generationen gegeneinander. Ring Frei! Alles besser als Stille. Und Danke, Herr Mathies!
5772 Verunglückte hat uns der Verkehr 2016 in Köln beschert, 10,7% mehr als noch im Vorjahr. Damit liegen wir im Bundestrend (der kommt ja nicht von irgendwo her). Das Statistische Bundesamt spricht vom  „unfallreichsten Jahr seit der Wiedervereinigung“.

Den vollständigen Bericht haben wir als pdf unten auf dieser Seite hinterlegt

Platz 1 bei den Unfallgründen mit Verunglückten macht in Köln bei Abstand der „Abstand“ (764 Unfälle).
Ihm folgen Unfälle aufgrund falschen, voreiligen oder kopflosen „Abbiegens“ (671).
„Vorfahrt ohne Rotlicht“ auf Platz 3 (435), dann „Geschwindigkeit“ (365) und den geteilten Platz 5 holen sich die „Fehler von Fußgängern“ bzw. die „Fehler gegenüber Fußgängern“ (jew. 347).
Es folgen ebenfalls mit einer Doppelplatzierung der etwas mysteriöse Grund „Straßennutzung“ sowie „Rotlicht“ (jew. 261) auf Platz 6.
Und dann, als abgeschlagener 9. Grund auf Platz 7, mit nüchternen 173 Unfällen, der „Alkohol“.
Und was sagt die Erhebung „Unfallursache Alkohol“ explizit dazu?

Den vollständigen Bericht haben wir als pdf unten auf dieser Seite hinterlegt

Beigefügte Graphik „Verkehrsbeteiligung der Unfallverursacher“ meint: PKW (362), LKW (152), Fußgänger (152), und dann – vor Bussen (27) und mot. Zweirädern (19) – die Radfahrer mit 59 beteiligten Verursachern.
Spätestens hier darf man rätseln. Deswegen also 27% Prozent mehr verunglückte Radfahrer (insg.1880)? Und was ist eigentlich mit den 18,8% mehr verunglückten Senioren (insg. 652) in unseren Straßen? Kaum auszudenken, wenn uns Ömsche auf ihrem Pedelec auch noch zum Smartphone greifen würde – mit Piccolöchen im Körbchen…
Natürlich darf man auf kritikresistente Radfahrer hinweisen. Aber ist das eine Erklärung für diese Zahlen? Die Kampagne „Köln steht bei Rot“ (man erinnert sich, die KVB-Werksstudenten kostümiert als rote und grüne Ampelmännchen) solle nun auch auf Radfahrer ausgeweitet werden, so Herr Mathies. Also Erziehung durch Vermeidung auf Basis einer Ampelschaltung des letzten Jahrhunderts. Gute Idee.
Nein, Polemik scheint nicht die beste Antwort auf staatlichen Zynismus. Genug Öl im Feuer. Es sind nicht die „bösen Autos“ oder ihre Fahrer und Halter, die den Polizeipräsidenten in Erklärungsnot oder mich in Autotüren katapultieren. Keine Macht den Quacksalbungen, welche,
sämtliche Infrastrukturmängel ausblendend, das Verhalten der Verkehrsteilnehmer als übersäuerte Sau durchs zu enge Dorf treiben. Wir brauchen weder Rot-Kampagnen noch die präsidiale Essigflasche im exekutiven Nadelöhr. Auch die Kampagne „Köln steht bei Rot“ scheint mehr als überflüssig. „Köln steht ja schon bei Rot, nur meistens eben die Fußgänger oder Radfahrer“, so Roland Schüler vom VCD.
Die Probleme sind hausgemacht. Die Zahl der Radfahrer steigt kontinuierlich. Längst sind es nicht mehr nur Studenten oder andere Geringverdiener, die das Velo für sich als das Transportmittel der Wahl tnutzen. Die Erkenntnis über Raum-, Immissions- und Zeiteinsparung vollzieht sich milieuübergreifend. Professoren, Familien, Senioren und Handwerker inkl. Ausrüstung steigen um.
Lastenfahrräder und elektronische Trittunterstützung schaffen mehr Lastkapazitäten, größere Distanzen und höhere Geschwindigkeiten. Auch hier machen wir den Trend. Bundesweit stieg im Zeitraum zwischen Januar und September 2016 die Zahl der Unfälle mit Pedelecs um 39% im Vergleich zum Vorjahr. Also mal alle etwas vorsichtiger (runter) fahren?
Vorsicht ist jedem Verkehrsteilnehmer geboten innerhalb der ihm zur Verfügung stehenden Infrastruktur und dem geltenden Recht. Nur hier ist der Haken. Wer in Köln sein Rad täglich nutzt, wird zwangsweise in die Illegalität getrieben. Manch ein benutzungspflichtiger Radweg ist derart eng, dass die 50cm Sicherheitsabstand zur DooringZone der geparkten Autos mitnichten möglich wären. Das Haftungsrisiko aber liegt beim Radfahrer. So auch im Falle des Ausweichens auf Gehwegen, sofern der Radweg wieder einmal zugeparkt ist.

Wo soll ich denn sonst parken?

Auf Straßen ohne angelegten Schutzstreifen (Bsp. Luxemburger Straße) scheinen Radler nicht nur nicht erwünscht, sondern für manchen Autofahrer auch nicht erlaubt. Die Folge: Hupkonzerte und schärfste Überholmanöver, die bei Tempo 70 und weniger als einer Armlänge Abstand als physische Gewalt zu verstehen sind. Man ahnt wie sich die Kapern zwischen den Klöpsen fühlen.
Doch die gefährlichsten Situationen schaffen nach wie vor jene durch missachtete Vorfahrt von Rechtsabbiegern. Wer hier als Radfahrer blind auf sein Recht pocht, darf getrost als lebensmüde tituliert werden. Schwer einsehbare Radwege durch parkende Autos, zusätzlich installierte Reklametafeln (die größten an den gefährlichsten Kreuzungen!), der fehlende Schulterblick. Man ist geübt von 30 km/h auf 5 km/h runter zu bremsen, sich vorsichtig ran zu tasten, um sich dann dankend an der Motorhaube vorbei zu schieben. Dafür gibt’s keinen Verdienstorden. Höchstens entsprechende Kommentierung, punktgenau zusammengefasst in einer DuMont-Headline.
Dabei mangelt es weder an guten Vorschlägen noch an guten Vorbildern, die eben nicht die Auseinandersetzung mit den Ursachen für solche Statistiken scheuen. Radverbände wie der VCD und ADFC kämpfen seit Jahren für eine verbesserte Radinfrastruktur sowie auch die längst etablierte und wachsende Critical-Mass-Bewegung. Man ist sich nicht in allem eins, ob Zwei- oder Einrichtungsradwege, Separation oder Eingliederung in die bestehenden Fahrbahnen. Aber im Kern bleiben die Forderungen dieselben: Mehr Raum und verbesserte Sichtbarkeit für den Radverkehr und v.a. konsequentes Ahnden von Parken auf Radwegen oder in zweiter Reihe, nicht eingehaltenen Überholabständen und missachteter Vorfahrt.
Metropole sein bedeutet mehr als nur Dörfer eingemeinden. Man schaue nach Oslo, Paris, New York, Chicago, Kopenhagen, Amsterdam, Barcelona oder Sevilla.
Szenenwechsel: Donnerstagabend, Pfarrsaal St. Nikolaus in Sülz. Die SPD lädt zum offenen Bürgergespräch. Thema: „Sülzburgstraße als Fußgängerzone?“. Ein Anwohner stellt seine Idee einer vom MIV befreiten Flaniermeile auf der Sülzburgstraße vor.
Die örtliche Interessengemeinschaft der Einzelhändler hat mobilisiert. Die Stimmung ist aufgeladen. Was für ein Quatsch, und die 90 Parkplätze die wegfallen, und wo sollen die Hürther Kunden parken? Wer soll dann überhaupt noch bei uns einkaufen, wo die Sülzer doch mit ihrem Auto raus auf die sogenannte „Grüne Wiese“ fahren?
Hier sitzen sie. Die Tante I’s und Onkel W’s dieser Stadt. Und sie haben Angst. Angst vor noch mehr Veränderung. Angst vor eingeschränkter Mobilität. Angst vor beschnittener Freiheit. Sie malen Schreckenszenarien an die Wand, grummeln und grölen. Ihr Veedel sei in Gefahr. Hier, wo sowieso schon die Mietpreise steigen durch junge Gutverdiener, die nur noch ihren Laptop und das Fahrrad brauchen. Die den Alteingesessenen ihre Lebensweise vorschreiben wollen. Es hat ein Geschmäckle von Klassenkampf. Mobilitätswende bedeutet hier vor allem: Brandbeschleuniger für die fortschreitende Gentrifizierung. Als wäre es ein Duell zwischen Buttermilch und ClubMate.
Hinweise auf die zahlreichen Studienergebnisse, nach denen der lokale Einzelhandel von einer geförderten Radinfrastruktur erheblich profitiert (Radfahrer kaufen lokal ein, entwickeln eine stärkere Kundenbindung) werden müde belächelt. Gewöhnung und Stimmung zählen und
artikulieren sich dabei recht laut. Zumindest laut genug für alle anwesenden Lokalpolitiker, die mit meinungsbefreiten Floskeln brillieren. Man wolle nur mal hören, wie denn so die Stimmung sei!?
Nein. Man möchte es sich vor Mai nicht mit dem Einzelhandel verscherzen. Aber gut. Ein paar Stimmen eingesackt. Aufklärung dann nach der Wahl. Weiter im Text.
Und in eben jenes lodernde und emotionalisierte Feuer des Straßen- und Generationenkampfes gießt Herr Mathies mit seiner Stellungnahme und Kraft seines Amtes noch ein Tröpfchen Spiritus.

Sogenannte „Geisterräder“ erinnern inzwischen weltweit an im Straßenverkehr getötete Radfahrer*innen – hier eines an der Oskar-Jäger-Straße in Ehrenfeld (Bild: Ratsgruppe GUT)

Er stigmatisiert Verkehrsteilnehmer und schürt Feindbilder mit der pädagogischen Feinfühligkeit eines Königsberger Klopses. Und Tante I., als Kind einer Voreifeler Arbeiterfamilie, die sich mühsam zu ihrem Sportwagen mit Tiefgaragenplatz im bürgerlichen Teil Kölns hochkämpfte? Die applaudiert, aber kräftig.
Das Radverkehrskonzept Innenstadt spricht von seinen Big FIVE. Konkrete Schritte in der Umsetzung zum Ausbau der Infrastruktur, wie z.B. die Einrichtung einzelner Fahrradstraßen. Dabei wünscht man sich die vorgelagerten Big SIX, die die Grundlagen für künftige Entscheidungen neu konstituieren, indem sie den Diskussionen an der Basis den Schleier der Ideologie nehmen und allen Entscheidungsträgern die Probleme wie auch deren Lösungen durch sinnliche Erfahrung einflößen.

1) Verwaltung – the Big Picture
Wie fließen der Ausbau des ÖPNV, die Umstrukturierung des  Straßenraumes, die Förderung von inklusorischer Rad- und  Fußgängerinfrastruktur, Parkraumbewirtschaftung für Anwohner und die verbesserten P+R Angebote für Pendler ineinander?
Die gefühlte Stagnation im Ausbau des Umweltverbundes wird zu oft als Grund für einen Nicht-Umstieg aus dem Hut gezaubert. Die  Stadtverwaltung selbst muss proaktiv in die Öffentlichkeitsarbeit gehen. Kampagnen, die die einzelnen Schablonen der Verkehrswende
übereinander legen und so nicht nur „den großen Plan“ verständlich, sondern auch die Fortschritte sichtbar machen, motivieren mehr Menschen umzusteigen – ein Teil des Planes zu werden.
Denkbar wäre eine eigens eingerichtete Homepage, in der Fortschritte dokumentiert, aber auch Herausforderungen kommentiert werden. Hier muss die Verkehrswende als das präsentiert werden, was sie ist: ein notwendiger Schritt hin zum Besseren für alle – und nicht die
Einschränkung oder Ausgrenzung weniger. Dabei spielt die Sprache eine wichtige Rolle. Mit dem Begriff „Verbot“ weckt man nur schwerlich Begeisterung.

2) Politik auf Rädern
Für Autofahrer gibt es VR-Brillen, die das Fahren unter Alkoholeinfluss simulieren. Vielleicht braucht es für die Entscheidungsträger in der kommunalen Politik eine Simulationsbrille, die einem eine Radfahrt über die Luxemburger Straße während der RushHour oder eine Rollstuhlfahrt durch Ehrenfeld simuliert? Denkbar wäre auch ein obligatorischer Wandertag, an dem sämtliche Ratsfrauen und -herren, und gerne auch Vertreter*innen der Verwaltung, besonders beanspruchte Pendlerstrecken abfahren – natürlich nicht im Verbund.
Das Rad ist mehr als nur Freizeitbeschäftigung. Jedes einzelne mehr ist ein Gewinn für die Stadt (übrigens auch für jeden, der wirklich auf sein Auto angewiesen ist). Wer sich über Rambo-Radler echauffiert und das Velo gemeinhin als geduldetes Objekt versteht, dem mangelt es an der sinnlich-subjektiven Erfahrung, was ein Tag auf dem Rad in Köln bedeuten kann.

3) Verbandsstillleben
Der Vorteil von Verbänden: ihre Akteure sind Vollprofis in der Thematik, gut vernetzt und können frei von parteipolitischer Färbung aufspielen. Ihr Nachteile? Das Ehrenamt prägt maßgeblich die Strukturen. Gremien und Arbeitskreise, Orts-, Kreis- und Landesverbände müssen häufig langwierig weil statutentreu mit einbezogen werden. Für die meisten Engagierten ist es ein bisschen mehr als Freizeit und wer sich derart intensiv in teils sehr technische Themen reinfuchst und zusätzlich den Unmut der eigenen Peer-Group absorbiert, büßt mitunter die Chance zu neuen, kreativen Ansätzen ein. Die pathologische Folge? „Rudelleiden“.
Mehr Bewegungsmentalität in der Verbandswelt kann neue und agile Bündnisse fördern. Wer einen Brief vom VCD und ADFC bekommt, der ahnt schon, was ihm schwant. Was aber, wenn ein Brief von VCD, ADFC, Sportvereinen, Seniorenvertretungen, dem Studierendenwerk und der örtlichen Interessengemeinschaft der Einzelhändler ins Postfach flattert? Hierin liegt der Erfolg von RingFrei, hierin könnte auch der Erfolg neuer Lobbyarbeit liegen.
Eine milieuübergreifende Ansprache und Mobilisierung wird den folgenreichen Auswirkungen verkehrstechnischer Maßnahmen gerecht. Breite Koalitionen, die eintrainierte Bündnis-Formate neu definieren, tragen zur Versachlichung und „Entmilieuifizierung“ bei, setzen politische Entscheidungsträger unter Druck und mobilisieren die Verwaltung.

4) (Raum)Handel
30% aller Einkäufe im urbanen Raum sind Zieleinkäufe. 70% Umsatz hingegen werden durch eher spontane Gelegenheitseinkäufe generiert. Wem bieten sich mehr Gelegenheiten im Alltag vor Ort „mal eben reinzuspringen“? Automobilnutzern? Oder doch Fußgängern und
Radfahrern?
Hier ist der Einzelhandel gefragt und mit ihm die örtlichen  Interessengemeinschaften, derer politischer Einfluss gerne unterschätzt wird. Aber gerade hier sitzt auch die Furcht um die eigene Existenz bei jedem wegfallenden PKW-Stellplatz auffallend tief. Dass diese Furcht jeder faktischen Grundlage entbehrt, zeigt die wachsende Anzahl in- wie ausländischer Studien.
Nein, es geht nicht um das Schreckensgespenst der 70erJahre-Fußgängerzone, sondern um eine Infrastruktur, die die ökonomischen Beziehungen auf Veedelsebene wieder lokalisiert – nicht trotz, sondern mit Hilfe neu durchdachter Verkehrsinfrastruktur. Hier können Verbände und Politik Workshops und Diskussionsabende initiieren, welche weniger die ökologische Notwendigkeit, sondern mehr die ökonomischen Chancen beleuchten.

5) Zivilgesellschaft
Auch auf die Gefahr hin der pädagogischen Plattitüde bezichtig zu werden, aber gerade dort, wo’s klingelt und hupt, zählt doch der Ton. Manch einschlägige FB-Gruppe, wo sich alltäglich der angestaute Druck erlebter Nahtoderfahrungen entlädt, zeugt vom automatisierten Gruppenduktus, der schnell seinen Feind gefunden hat. So wird das Amt für Straßen und Verkehrstechnik nur noch liebevoll „Amt 666“ genannt (eigentlich das Amt 66). Ja, Pawlov macht auch vor Radlern nicht halt.
Man ahnt, welch Beschwerde-Mails zwischen Mo. und Fr. in der Verwaltung eintrudeln. Aber bei allem Verständnis für die Wut, helfen tut dies meist nicht.

Nur zu erahnen. Der Schutzstreifen für Radfahrer*innen am rechten Rand (inzwischen gibt es ein paar Rad-Piktogramme)

Man wünscht sich den Überraschungsmoment auf „seiner Seite“, die konstruktive Hinwendung, den Gruß und Dank an den Autofahrer für das Beachten der Vorfahrt in unübersichtlicher Situation.
Es tut nicht weh und bringt doch viel. Also, Contenance Motherfuckers!

6) Polizei und Ordnungsdienst
Ja, ihr ihr seid immer schnell die Buhmänner und -frauen, werdet an Karneval angepinkelt oder bei Fahrzeugkontrollen angespuckt. Ihr müsst herhalten für eine Politik der Verwaltung, die die Abwägung im Einzelfall proklamiert hinter der Maskerade eines missinterpretierten Utilitarismus,
doch am Ende die Verantwortung auf euch da draußen als Bauernopfer des Straßenkampfes abwälzt. Dass das Stimmung und Verhalten im Verkehr kaum verbessert, merkt ihr ja selbst.
Deswegen an Sie, Herr Matthies und Herr Rummel, die Hauptunfallursachen in ihrer und unserer Statistik sind Geschwindigkeit, Abstand und Vorfahrtsmissachtung. Warum? Weil ihre Kontrollen und Sanktionen sich lieber auf die Stellen konzentrieren, wo man mehr und einfacher „abfangen“ kann. Z.B. an Fußgänger- und Radüberquerungen, bei Rotlichtverstößen und Alkoholkonsum. Zugeparkte Radwege, missachtete Überholabstände, fehlender Schulterblick? Warum wird dies nicht oder kaum kontrolliert? Warum gibt es hier keine Kampagnen? „Köln fährt mit sicherem Abstand?“
Harr Mathies und Herr Rummel, Radfahrer und Fußgänger brauchen ihren Schutz, nicht ihre Vorwürfe.
Gesetzlich vorgegebene Mindestabstände brauchen keine Interpretation. Sie sind keine Handlungsempfehlung, genauso wenig wie Weggucken eine kölsche Lösung ist. Wenn ein Polizist 30 cm Abstand für einen „guten Kompromiss“ hält (true story), wenn Falschparken ein Kavaliersdelikt ist und außer an Events nie, aber wirklich nie abgeschleppt wird, wenn jede
Geschwindigkeitskontrolle für Autos öffentlich angekündigt und beworben wird, dann produziert das harte Fakten in ihrer Statistik.
Den Radlern dann die rote Karte hinzuschieben – irgendwas zwischen victim blaming und Tätigkeitsverweigerung im Amt. Die Critical Mass als verkehrspädagogisches Institut in einer Stadt, wo Ordnungsamt und Polizei Autofahrern mit einem „du Schlingel du“ entgegentreten – das funktioniert so nicht.
Herr Mathies und Herr Rummel – wir brauchen sie. Schauen sie nochmal in ihre Statistik, hören sie uns zu, reden sie mit statt über uns Radfahrer und Fußgänger, und handeln sie endlich.


Hier als pdf: Der Bericht Verkehrsunfallentwicklung 2016 des Polizeipräsidium Köln, Direktion Verkehr

Unser erster Beitrag zum Unfallbericht

In unserem Arbeitskreis Verkehr und Soziales mitmachen?!

Bildquellen: Titelbild (Polizisten im Auto) und Grafiken dem besprochenen Bericht entnommen, die weiteren Fotos wurden vom Autor zur Verfügung gestellt.

Gerne teilen

Autor: Thomas Schmeckpeper

Thomas Schmeckpeper arbeitet freiberuflich im Event- und Bildungssektor, u.a. als Projektleiter des "Tag des guten Lebens" – und schreibt hier als Gastautor der Ratsgruppe GUT

Ein Gedanke zu „Die Kölner Unfallstatistik 2016 – Wie man aus Zahlen Mythen macht“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.