Wald- und Wiesengürtel Köln

Gerade der 1. FC Köln, der sich gerne als eins mit der Stadt sieht, sollte auch Verantwortung für die gesamte Stadt tragen können – und auf einen Ausbau im Äußeren Grüngürtel verzichten.

Schon 1920 in den Schlagzeilen: Der Kölner Wald- und Wiesengürtel

Die Entscheidung ob der 1. FC Köln seinen Standort Rheinenergie Sportpark am Geißbockheim im Äußeren Grüngürtel ausbauen darf, oder nicht, ist eigentlich eine einfache: Der FC Köln sagt JA! – Und jeder der anderer Meinung ist, ist kein FC-Fan und hat somit Köln irgendwie nicht verstanden.
In der Tat, der FC hat seine Fans ganz gut in Stellung gebracht, und suggeriert mit seinem Petitionstitel “Für eine Zukunft am Geißbockheim – Haltet den 1. FC Köln im Grüngürtel!” als ob irgendjemand das Geißbockheim abreißen, und den FC aus dem Grüngürtel vertreiben wollen würde. Dem ist natürlich nicht so!

Der bestehende Trainingsplatz rechts gehört zum „Geißbockheim“ des 1. FC Köln
Der bestehende Trainingsplatz rechts gehört zum „Geißbockheim“ des 1. FC Köln

Die Gegner des Ausbaus, zusammengeschlossen in der Bürgerinitiative GRÜNGÜRTEL FÜR ALLE, und auch unsere Ratsgruppe, wehren sich nur vehement gegen die Vergrößerung des bestehenden Geländes auf Kosten von Natur-, Umwelt-, Landschafts- und Denkmalschutz. Das der Ausbau ein Eingriff wäre, wird auch vom FC nicht bestritten. Doch die Ausbaufreunde sprechen von nur 0,4% Fläche des betroffenen Äußeren Grüngürtels, und sichern auch von der Stadt geforderte Ausgleichsmaßnahmen zu. Diese Ausgleichsmaßnahmen sind noch nicht festgelegt, werden aber immer dann gefordert, wenn ein Vorhaben Belangen des Umweltschutzes zuwider läuft. Und das ist hier der Fall. Denn auf, und somit statt der Gleueler Wiese (echtes Gras) sollen drei Trainingsplätze und vier Kleinspielplätze entstehen, aus Kunstrasen, welches einer Bodenversiegelung gleichkommt. Weitere belastende Faktoren betreffen unter anderem Fauna, Lärm, und Klimaschutz.
Mit dem FC einen Kompromiß zu finden gestaltet sich vor allem aus zwei Gründen für schwierig. Er besteht auf den Ausbau in diesen Dimensionen an diesem einen Standort. Eine Standortteilung (wie bei anderen Vereinen) kommt für ihn genauso wenig in Frage, wie eine Standortverlagerung. Alternative Standorte scheitern alle an den Vorgaben des FC (wie selbst definierte Nähe zu den bisherigen Standorten). Aus FC-Perspektive ist diese Position irgendwie zu verstehen – wenn da nicht der Eingriff in den Grüngürtel wäre.
Kaum debattiert in der Öffentlichkeit werden die angeführten Gründe für den Ausbau. Für den FC schlicht eine “zukunftssichernde” Maßnahme, als ob der FC mit an einem anderen Standort trainierenden Mannschaften dem Untergang geweiht wäre. In diesem Zusammenhang wird auch gerne Nachwuchsförderung ins Feld geführt: “… hier leben Jungs und Mädchen den Traum, mit dem Geißbock auf dem Trikot zu spielen.” – Die FC-Nachwuchsförderung ist jedoch nicht als ein inklusives Angebot an alle Kinder und Jugendlichen zu verstehen, auch beim FC wird relativ schnell ausgesiebt. Luschen haben im Verein nichts zu suchen, Eliten werden gefördert.
Die Fans des FC haben in den vergangenen Jahren viele Höhen und Tiefen erlebt, der derzeitige Erfolg wurde ohne ein bereits ausgebautes Gelände möglich. Gerade ein Verein der sich gerne als eins mit der Stadt sieht, sollte auch Verantwortung für die gesamte Stadt tragen können – und auf einen Ausbau an diesem Standort verzichten.


Neben Umweltbelangen, steht vor allem auch der Eingriff in das Erscheinungsbild des Äußeren Grüngürtels in der Kritik. Hier geht es um Zugänglichkeit: Eine Wiese ist eine Wiese für alle – das ausgebaute Trainingsgelände würde hingegen zum weitaus größten Teil nur ein Ort für Vereinsmitglieder. Zum anderen geht es um Denkmalschutz. Unser Stadtkonservator hält die aktuell diskutierten Ausbaupläne für denkmalverträglich (ältere Pläne lehnte auch er ab), dies sehen jedoch nicht alle so.

Einen Offenen Brief an Oberbürgermeisterin Reker unterzeichnete fast das gesamte Who-Is-Who der hiesigen Konservatorenszene, darunter:
Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz e.V., Regionalverband Köln – Prof. Dr. Barbara Schock-Werner, Vorsitzende (& ehemalige Dombaumeisterin)
Fortis Colonia e.V. – Konrad Adenauer, Vorsitzender (& Enkel des namensgleichen Konrad Adenauer)
Familie Encke – Nachfahren des Gartenbaudirektors Fritz Encke: Nadja Encke, Dr. Dag Encke, Kirsten Encke, Björn Encke, Karin-Bettina Encke, Walther Lehnert, Sophie Lehnert
Deutscher Werkbund NW – Ute Becker (Landschaftsarchitektin)
Initiative Stadtoasen Köln – Dr. Henriette Meynen (Von 1978-2005 Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Stadtkonservator Köln)

Was bewegt all diese Leute? Und warum hält dagegen der amtierende Stadtkonservator Dr. Thomas Werner alles für verträglich?, sondern warnt: “Der Denkmalschutz kann nicht instrumentalisiert werden, um andere Ziele durchzusetzen.”

Das Köln überhaupt über größere Grünflächen verfügt ist kein Zufall, sondern der Weitsicht einiger ehemaliger “Stadtoberer” zu verdanken.
Um den Rahmen nicht zu sprengen, soll im Fall des Äußeren Grüngürtels hier nur der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer erwähnt werden. Je tiefer man in die Geschichte der Entstehung dieses “Wald- und Wiesengürtels” einsteigt, umso deutlicher wird wie genial Adenauer seine Idee verfolgte.
Als Verlierer des furchtbaren 1. Weltkrieges wurde auch Köln durch den Versailler Vertrag gezwungen seine Festungen zu schleifen. Vor den bis 1918 noch “in Betrieb” befindlichen Forts lag der sogenannte Rayon, eine Zone, quasi dass Schussfeld der Kanonen, aber auch Sichtfeld. Hier durfte nicht gebaut werden, lediglich Landwirtschaft war wohl in gewissem Rahmen zugelassen. Durch den Zwang die Festungen zu schleifen, wurde nun auch dieser Rayon in den Augen Adenauers überflüssig. Köln wuchs zu der Zeit stark, in anderen Teilen Kölns wurden viele Wohnungen gebaut, das heutige Gebiet des Äußeren Grüngürtels reservierte Adenauer für künftig dringend benötigte Grün-, Sport- und Erholungsflächen. Doch dieser Rayon gehörte 1918 noch zu zwei Dritteln privaten und anderen Eigentümern, nur ein Drittel gehörte der Stadt. Um sichere Planungshoheit zu bekommen, wirkte Adenauer nun am Entstehen eines Gesetzes mit, dass es ermöglichen sollte die bisherigen Eigentümer enteignen zu können. Dies alles war natürlich nicht unumstritten, vor allem die Grundstückseigentümer wehrten sich.
Die Motivation Adenauers lag in der Zukunft liegenden Bedeutung des Geländes, es sollte nicht nur hübsch aussehen. Die Deutsche Bauzeitung stellte sich begeistert hinter Adenauers Idee und beschreibt deutlich deren visionären Charakter, in der Ausgabe N° 51 vom 26. Juni 1920 wird zunächst ausgeführt:

“Die Stadt Köln will diese Möglichkeit benutzen, für sich ein “lebensnotwendiges Werk” zu schaffen, das nach den Worten des Oberbürgermeister Dr. Adenauer “unseren Kindern und Kindeskindern Kranken- und Siechenhäuser, Gefängnisse, viel körperliches und gesitiges Elend ersparen soll. Und wenn auch die finanziellen Verhältnisse trübe Aussichten bieten, es muss geschaffen werden! Denn das ist in Wahrheit kein verlorenes Geld, was dort angelegt wird: Wenn nicht für uns, so wird es doch für Geist und Körper unserer Kinder und Kindeskinder reichen Zins bringen”. Dieses Werk ist ein Wald- und Wiesengürtel um Köln.”

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Der Wald- und Wiesengürtel: Ein “lebensnotwendiges Werk”

Auch wenn der Ton für uns heute etwas martialisch wirkt, ist deutlich spürbar, dass die Pläne von dem Bewusstsein getragen wurden, dass ein wachsende Stadt, wenn sie denn gesund bleiben möchte, mehr Grün benötigt. Und heute?
Zurück zum zitierten Artikel, der unbekannte Autor der Deutschen Bauzeitung schreibt weiter: “Und nun zur Hauptsache! Was bedeutet das Gesetz [Anm.: die Möglichkeit für den Grüngürtel zu enteignen] für Köln? Mit einem Wort: Seine ganze Zukunft. […] Jetzt muß es sich entscheiden, ob Köln dereinst eine riesige Steinwüste sein wird oder aber eine Stadt, deren Bewohner ein menschenwürdiges Dasein führen können.”

Soll Köln eine Steinwüste werden?
Soll Köln eine Steinwüste werden?

Im Artikel finden sich noch viele schöne Anmerkungen, die wir hier aus Platzgründen nicht alle zitieren können, Ausführungen etwa zur Funktion des Grüngürtels als Schutz vor den Braunkohle Zechen [sic!]. Auch die Verbindungen zur Innenstadt, wie etwa der Vorgebirgs- und Blücherpark werden als notwendige “breite Ströme von Licht und Luft” erwähnt.
Die visionäre Kraft und die Bedeutung der Grüngürtel für Köln werden den Lippen nach heute auch von niemandem in Zweifel gezogen.

Eigene Montage – Quelle: TU Berlin Architekturmuseum
Eigene Montage – Quelle: http://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/index.php?p=79&Daten=205406

Die FC-Ausbaufreunde verweisen zurecht aber auf einen weiteren Aspekt der bereits ursprünglich geplanten Multi-Funktionalität des Grüngürtels. “Sportplätze, Spielplätze, Luft- und Sonnebäder, Schwimmbäder, Waldschulen, Tages-Erholungsheime für Kinder und Erwachsene soll dieser Gürtel in sich aufnehmen; […]”. Auch in alten Plänen finden sich auf der Gleueler Wiese bereits eingezeichnete Sportplätze. – Doch war da an Kunstrasen und zum großen Teil nur Zugang für Vereinsmitglieder gedacht? Ist OK, sagt unser Stadtkonservator, alles nur ein Wandel der Zeit. Könnten mit der gleichen Argumentation nicht auch Yoga-Studios und Fitness-Center Anspruch auf Flächen erheben?
Zumal mit einer Genehmigung für den FC auch ein heikler Präzedenzfall geschaffen würde. Ein ganzes Stück weiter, in der ebenfalls denkmalgeschützten Bezirkssportanlage Ehrenfelds (am Inneren Grüngürtel) erhebt ebenfalls ein Verein Ansprüche auf Modernisierung und Vergrößerung: Der DSK (Ditib Sportklub Köln) möchte ein neues Stadion, Kunstrasenplätze und ein Vereinsheim bauen, und dafür massiv in die bestehende Anlage eingreifen. Mit welchen Argumenten will man dem DSK dies verwehren, wenn wir gleiches nun dem FC zubilligen?
Man kann es drehen und wenden wie man möchte. Die Ausbaupläne des FC sind hinsichtlich der ursprünglichen Idee eines Grüngürtels für alle kritisch zu betrachten, sie greifen in den Umwelt- und Naturschutz ein, und bedrohen in gewissem Maß den Fortbestand des Äußeren Grüngürtels.

In Abwägung all dessen sagt unsere Ratsgruppe NEIN zu den Ausbauplänen. Dazu gehört natürlich auch das Bekenntnis zum Standort des FCs in seiner jetzigen Größe, und die Unterstützung bei der Suche nach Alternativen. Dabei muss der FC allerdings auch mitmachen, denn manchmal kriegt er nicht alles was er will, aber wenn der FC es versucht, bekommt er was er braucht … oder mit den Worten der Rolling Stones:

You can’t always get what you want
But if you try sometimes well you just might find
You get what you need


Linkliste:

Bürgerinitiative GRÜNGÜRTEL FÜR ALLE

Die Position des 1. FC Köln

Aktuelle Ausbaupläne der Stadtverwaltung (Reker-Kompromiß)

Zu den Plänen von Theodor Nussbaum (1930)

Deutsche Bauzeitung

Das sagt google aktuell dazu


Auch der Bezirkssportanlage “Prälat-Ludwig-Wolker” in Ehrenfeld soll es an den Kragen gehen. Informationen bei der lokalen Bürgerinitiative INNERGRÜN

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Autor: Thor Zimmermann

Thor ist Ratsmitglied der Stadt Köln, und auch in den Ausschüssen Kultur, Stadtentwicklung, sowie dem Hauptauschuss vertreten.

2 Gedanken zu „Wald- und Wiesengürtel Köln“

  1. Sport- und Spielplätze im Grüngürtel sind zu begrüßen, aber sie müssen für jeden zugänglich sein. Der Grüngürtel, Innerer wie Äußerer gehören allen. Es ist schon schlimm genug, das auch Vereine darin sind. Eine Erweiterung ist nicht Hinnehmbar.
    Wilhelm Nüsgen

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