Wie geht es Kölns Einzelhandel?

Wie kam der Köl­ner Ein­zel­han­del durch den Coro­na-Shut­down, und wie sind nun die Per­spek­ti­ven? Wir spra­chen mit Kölns Han­dels­küm­me­rer Hans-Gün­ter Gra­we.

einzelhandel

Herr Gra­we, wie hat der Köl­ner Ein­zel­han­del die coro­nabe­ding­te Aus­nah­me­si­tua­ti­on bis­lang erlebt?

Mit Ver­kün­dung des Shut­down brach nicht nur Panik und Unge­wiss­heit aus, son­dern vor­wie­gend gab es Schock­star­ren, Exis­tenz­ängs­te und gro­ße Sor­gen um die Mitarbeiter*innen und den Erhalt der Arbeits­plät­ze. Der Ein­zel­han­del ins­ge­samt ist einer der größ­ten Arbeit­ge­ber in unse­rer Stadt, was lei­der immer wie­der von Stadt und Poli­tik so nicht wirk­lich wahr­ge­nom­men wird.
Die Zeit zwi­schen der Anord­nung durch Bund bzw. Land und schließ­lich die kom­mu­na­le Umset­zung, war eine Zeit von gro­ßen Fra­ge­zei­chen, da kei­nem so wirk­lich klar war, wie man mit den Ver­ord­nun­gen umzu­ge­hen hat bzw. wer von den Schlie­ßun­gen betrof­fen war und wer nicht.
Das alles ist aber kein Wun­der, denn schließ­lich waren und sind die­se Situa­tio­nen für alle Betei­lig­ten ein abso­lu­tes Neu­land gewe­sen. Somit gab es viel Ver­wir­rung, unend­li­che indi­vi­du­el­le Fra­gen, die es galt zu lösen bzw. zu beant­wor­ten.

Hans-Gün­ter Gra­we ist Han­dels­küm­me­rer der Köl­ner Wer­be- und Inter­es­sen­ge­mein­schaf­ten

Der Shut­down kam für den Ein­zel­han­del in einer sehr ungüns­ti­gen Pha­se. Der Umsatz in der Weih­nachts­zeit war schlecht, eben­so im Janu­ar und Febru­ar, was in Köln auch immer mit der Kar­ne­vals­zeit zu tun hat. In den Mode­ge­schäf­ten waren und sind die Lager voll mit der neu­en Früh­jahrs­mo­de, die ab März ver­kauft wer­den soll­te. März und April sind immer sehr gute Ver­kaufs­mo­na­te, wenn auch noch, wie in die­sem Jahr, das Wet­ter schön ist. Somit wur­den im März und April kei­ne bzw. sehr gerin­ge Umsät­ze gefah­ren, die man nie mehr auf­ho­len wird.
Die Umsät­ze sind auf fast 100% gesun­ken und die Kos­ten sind größ­ten­teils geblie­ben.
Vie­le Ver­mie­ter waren nicht gewillt den Mie­tern ent­ge­gen­zu­kom­men. Bevor­ste­hen­de Steu­er­zah­lun­gen und alle Neben­kos­ten konn­ten zwar gesenkt wer­den, aber man darf nicht ver­ges­sen, dass es sich hier­bei um Stun­dun­gen han­delt. Die Gel­der müs­sen in die­sem bzw. im nächs­ten Jahr nach­ge­zahlt wer­den. Das funk­tio­niert nur, wenn exor­bi­tan­te Umsät­ze in den nächs­ten Mona­ten gene­riert wer­den kön­nen, was nicht der Fall sein wird.

Wel­che Maß­nah­men zur Unter­stüt­zung aus öffent­li­cher Hand konn­ten Abhil­fe schaf­fen, wel­che nicht?

Bis heu­te hat sich gezeigt, dass kla­re Ant­wor­ten, egal, ob ja oder nein, die ein­zig wah­re Lösung sind. Mit einem viel­leicht, hät­te, könn­te etc. kam immer mehr Ver­wir­rung auf. Auch das ist eine Erkennt­nis, die man sich immer wie­der vors Auge füh­ren soll­te, gera­de die Poli­tik.
Dann kam die Pha­se, wo wir mit Mil­li­ar­den an mög­li­chen Töp­fen zuge­schüt­tet wor­den sind. Die Erkennt­nis, dass davon sehr wenig beim klei­nen und mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men ankom­men wird, war rela­tiv schnell klar. Die ange­kün­dig­ten KfW-Kre­di­te sind bis heu­te unge­eig­net für die KMU´s. Die benö­tig­ten Sicher­hei­ten sind für vie­le Unter­neh­mer und Gewer­be­trei­ben­de kaum auf­zu­brin­gen.
So blieb nur die Sofort­hil­fe. Auf­grund der Grö­ße der KMU´s, also die ers­te Stu­fe mit € 9.000, die für drei Mona­te aus­rei­chen soll, was natür­lich ein Trug­schluss war und ist, unab­hän­gig von den anfäng­li­chen Pro­ble­men bei der Antrag­stel­lung, der Schlie­ßung der Antrags­sei­te, der Über­prü­fun­gen der ers­ten Anträ­ge etc..
Unterm Strich bleibt die Erkennt­nis, dass die Abwick­lung schnell und unbü­ro­kra­tisch ver­lau­fen ist und das ein Groß­teil der Antrag­stel­ler sehr schnell die Sofort­hil­fe auf ihrem Kon­to hat­ten. Lei­der immer noch unklar und wohl auch vom Bund jetzt abge­lehnt, bleibt die Fra­ge, dür­fen die Solo­selbst­stän­di­gen die­se Sum­me auch für pri­va­te Aus­ga­ben ver­wen­den.

Wie bewer­ten Sie die Kom­mu­ni­ka­ti­on von Stadt und Land?

Die Zeit war immer wie­der sehr eng bemes­sen. So auch bei den letz­ten geneh­mig­ten Öff­nun­gen. Die Lan­des­re­gie­rung haut Daten raus, wann, wer öff­nen darf und die Coro­na-Schutz­ver­ord­nung kommt erst am frü­hen Sams­tag­mor­gen, und muss dann noch für Köln ange­passt wer­den und Mon­tag darf dann z.B. die Gas­tro­no­mie wie­der öff­nen, ohne sich auf die Ver­ord­nung vor­be­rei­ten zu kön­nen. Dann lie­ber eine Woche mehr war­ten und es geord­net rüber­brin­gen.
Hier ent­steht dann lei­der der Ein­druck, dass sich die Bun­des­län­der ver­su­chen zu über­bie­ten, um Wahl­kampf zu betrie­ben bzw. per­sön­li­che Eitel­kei­ten in den Vor­der­grund zu schie­ben.
Die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Stadt, IHK, Han­dels­ver­band, Wirt­schafts­för­de­rung und mei­ner Per­son hat jedoch immer ein­wand­frei funk­tio­niert, so dass wir uns wöchent­lich mehr­fach gemein­sam aus­ge­tauscht haben und offe­ne Fra­gen somit schnell beant­wor­tet wer­den konn­ten.

Seit rund zwei Wochen haben die meis­ten Geschäf­te wie­der geöff­net. Funk­tio­niert die Umset­zung der Hygie­ne­maß­nah­men? Wie wir­ken sich die­se auf den Umsatz aus? Kann man zum jet­zi­gen Zeit­punkt eine Pro­gno­se wagen?

Die ers­te Woche nach der Öff­nung des Ein­zel­han­dels war in den Vee­de­ln sehr, sehr gut. In der Innen­stadt aller­dings sehr ver­hal­ten, was auch nach­voll­zieh­bar ist, da die gro­ßen Geschäf­te auch noch nicht öff­nen durf­ten.
Die Vor­ga­ben der Hygie­ne­maß­nah­men wur­den sen­sa­tio­nell umge­setzt, da wir aber auch vor­be­rei­tet waren. Im Vor­feld hat­te ich schon dar­auf hin­ge­wie­sen, dass man sich mit den Mas­ken, Visie­ren, Spuk­schutz, Des­in­fek­ti­ons­mit­tel etc. aus­ein­an­der­set­zen soll, damit die Öff­nung rei­bungs­los ver­lau­fen kann. Das hat wirk­lich ein­wand­frei in jedem Vee­del funk­tio­niert.
Die zwei­te Woche begann dann mit der Mas­ken­pflicht und schlag­ar­tig gin­gen die Fre­quen­zen und somit der Umsatz stark zurück.

Per­sön­lich habe ich aber eine ande­re Mei­nung dazu. Ja, die Mas­ke ist nicht lus­tig, ver­hin­dert stark die Ver­weil­dau­er und die Shop­ping­lust in Bou­ti­quen etc., aber man muss beden­ken, dass zu die­sem Zeit­punkt die ers­ten Kurz­ar­bei­ter­gel­der aus­ge­zahlt wur­den und somit jeder erst ein­mal schau­en muss­te, wie­viel Geld habe ich jetzt noch zur Ver­fü­gung und brau­che ich die neue Blu­se, Hose Schu­he etc.

Seit 1,5 Wochen ist der Umsatz im Ein­zel­han­del also sehr ver­hal­ten und somit nur bei ca. 50% des Nor­mal­um­sat­zes bzw. des Vor­jah­res ange­langt. Das ist Ster­ben auf Raten, denn vie­le Unter­neh­men wer­den damit den Som­mer nicht über­le­ben kön­nen. Ich gehe davon aus, dass in den nächs­ten Wochen die ers­ten Unter­neh­men in den Vee­del schlie­ßen wer­den, auch wenn sie nach dem Shut­down wie­der geöff­net haben. Der Ein­druck, dass alle die Schlie­ßung ver­kraf­tet haben trügt. Ich weiß, dass vie­le gera­de ihren Insol­venz­an­trag vor­be­rei­ten und das bran­chen­über­grei­fend.

Nun dür­fen die ers­ten Gas­tro­no­mie­be­trie­be wie­der öff­nen. Sie gehö­ren zu den beson­ders stark betrof­fe­nen Betrie­ben in der Kri­se.

Hier wird es die Situa­ti­on geben, dass man maxi­mal 50% der Flä­che nut­zen kann, aber min­des­tens 80% Kos­ten zu stem­men hat. Hier ist der Per­so­nal­an­teil eben extrem hoch und das wird vie­len das Genick bre­chen. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass die guten Ent­schei­dun­gen, mehr Flä­che für die Außen­gas­tro­no­mie zur Ver­fü­gung zu stel­len und kei­ne Gebüh­ren für die Außen­gas­tro zu ver­an­schla­gen, die ich für wich­tig und rich­tig hal­te, die Umsatz­ver­lus­te kom­pen­sie­ren wer­den.
Aktu­ell fal­len alle klei­nen Vee­dels­ver­an­stal­tun­gen aus, es gibt kei­ne ver­kaufs­of­fe­nen Sonn­ta­ge, bis Anfang Juni bleibt zunächst das Kon­takt­ver­bot, wenn es auch jetzt ein wenig gelo­ckert wur­de, aber alles sind Fak­to­ren, die die Men­schen ins Vee­del geholt haben. Ich rede dabei nicht über die gro­ßen Stra­ßen­fes­te die sowie­so alle aus­fal­len wer­den und die in der bis­he­ri­gen Form auch kei­ner wirk­lich braucht, wahr­schein­lich wird es auch kei­ne Weih­nachts­märk­te in die­sem Jahr geben. Immer­hin alles Akti­vi­tä­ten im Vee­del, die Men­schen vom Sofa holen und den loka­len Aspekt för­dern.

veedelsretter
Logo der Akti­on veedelsretter.koeln

Die Gut­schein­ak­ti­on „Vee­dels­ret­ter“ war ein Ver­such, über Online­gut­schei­ne zumin­dest einen Teil­um­satz zu gene­rie­ren. Ein Erfolg?

Eine Koope­ra­ti­on zwi­schen der Köln­Busi­ness und Railslove, die zum rich­ti­gen Zeit­punkt und zur rich­ti­gen Zeit online gegan­gen ist. Aus mei­ner Sicht ein Erfolg, da von Anfang an die­se Platt­form von den IG´s, der IHK und der Köln­Busi­ness trans­por­tiert wur­de. Ohne eine sol­che Unter­stüt­zung hät­te es nicht funk­tio­niert. Gigan­tisch, wie die Umsät­ze in den ers­ten Wochen explo­diert sind und somit die Gel­der zu 100% direkt an die Unter­neh­men aus­ge­schüt­tet wor­den sind. Da jeder Cent im Shut­down zähl­te, war das eine tol­le Akti­on.
Es war abseh­bar, dass nach der Öff­nung der Geschäf­te die Umsät­ze ein­bre­chen wer­den. Jetzt gilt es zu über­le­gen, wie man das alles wei­ter­füh­ren kann.

Was muss jetzt pas­sie­ren? Las­sen sich die ver­stärk­ten Online-Akti­vi­tä­ten wäh­rend der Kri­se auch in Zukunft nut­zen?

Zunächst ein­mal wäre ich für eine ande­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tur, denn wir soll­ten doch alle gemerkt haben, dass man viel mehr mit­ein­an­der reden muss und das im Vor­feld. Auf den Han­del bezo­gen mei­ne ich kon­kret, dass es die Basis, also der Han­del, die IG´s zu der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dazu­ge­hö­ren. Es hilft nicht, wenn sich die Stadt, die Poli­tik mit den Insti­tu­tio­nen unter­hält. Letzt­end­lich muss es vor Ort umge­setzt und der gan­ze Spaß auch bezahlt wer­den.
Alle ange­reg­ten Run­den von unse­rer Sei­te wur­den lei­der bis­her nur igno­riert. Selbst wenn die Poli­tik das mal bei der Ver­wal­tung anregt, kommt immer nur: „Da haben Sie Recht, das neh­me ich mit und küm­me­re mich drum“ — lei­der bis­her nur lee­re Wort­hül­sen, die noch nicht ange­packt wur­den.

Dann muss das The­ma des digi­ta­len Vee­dels wei­ter­ge­führt wer­den. Über Lan­des­för­der­gel­der ist damit ange­fan­gen wor­den (Pilot­vee­del Lin­den­thal und Roden­kir­chen), was jetzt so erwei­tert wer­den muss, dass das für ALLE Vee­del umge­setzt wer­den kann. Dafür rei­chen die För­der­gel­der nicht aus. Ich hat­te dafür einen Betrag von € 100.000 aus dem Hilfs­pa­ket der Stadt Köln ange­regt, was aber bis­her noch nicht beant­wor­tet wur­de und wohl auch nicht wird. In der Tages­ord­nung (Punkt 3.1.2) der kom­men­den Rats­sit­zung habe ich heu­te einen Antrag der SPD gese­hen, der das alles eigent­lich alles beinhal­tet. Was fehlt ist die kon­kre­te For­de­rung nach Geld und ich hät­te mir gewünscht, dass ein sol­cher Antrag par­tei­über­grei­fend getra­gen wird. Mal sehen, was damit pas­siert. Ich hal­te das aller­dings für unab­ding­bar, damit wir die Vee­del digi­ta­li­sie­ren kön­nen.
Wich­tig, es geht dabei nicht um den Han­del und Gas­tro, son­dern um das gan­ze Vee­del, also inkl. aller Ver­ei­ne, Kir­chen etc.

In der Ehren­stra­ße hat die Stadt Hal­te­ver­bots­zo­nen ein­ge­rich­tet, um mehr Platz für War­te­schlan­gen vor Geschäf­ten zu schaf­fen. Ein Modell auch für ande­re Stra­ßen?

Ich glau­be, dass man dass immer indi­vi­du­ell betrach­ten muss. Für die Ehren­stra­ße fin­de ich das abso­lut okay. Der Nach­teil ist lei­der, dass sich nie­mand dar­an hält uns es lei­der auch nicht kon­trol­liert bzw. sank­tio­niert wird.
Was nüt­zen dann sol­che Ent­schei­dun­gen? Wie gesagt, in der Ehren­stra­ße gibt es eben lan­ge War­te­schlan­gen und auf­grund der Abstands­re­ge­lung fehlt der Platz und von daher eine gute Ent­schei­dung.

Vie­len Dank für das Gespräch!


Mit Hans-Gün­ter Gra­we sprach Tho­mas Schmeck­pe­per. Mehr zum Pro­jekt “Han­dels­küm­me­rer” auf der Web­sei­te der IHK.

Vee­dels­ret­ter ist ein Pro­jekt von Railslove in Koope­ra­ti­on mit Köln­Busi­ness Wirt­schafts­för­de­rung. Köln­Busi­ness ist ein Unter­neh­men der Stadt Köln.
Die Akti­on Vee­dels­ret­ter läuft wei­ter!

Unse­re Bei­trags­bil­der wur­den von Hans-Gün­ter Gra­we zur Ver­fü­gung gestellt, bzw. ent­stam­men der Sei­te “Presse/Downloads” von veedelsretter.koeln .

Autor: Thomas Schmeckpeper

Thomas Schmeckpeper arbeitet als Referent für unsere Ratsgruppe, zudem freiberuflich im Bildungssektor.

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