Kölner Fahrradstraßen

Allein in der Köl­ner Innen­stadt sol­len in den nächs­ten Jah­ren über 80 zusätz­li­che Fahr­rad­stra­ßen ein­ge­rich­tet wer­den. Eine Ver­bes­se­rung? Oder wird damit Sicher­heit für Rad­fah­ren­de nur sug­ge­riert?

fahrradstrassen

Hohn und Spott ergos­sen sich über die Stadt Köln als bekannt wur­de, dass die paar hun­dert Meter Fahr­rad­stra­ße Frie­sen­wall tat­säch­lich für den Deut­schen Fahr­rad­preis nomi­niert wur­den.
Der Frie­sen­wall ist Teil des Rad­ver­kehr­kon­zep­tes Innen­stadt, allein dort sol­len in den nächs­ten Jah­ren 83 wei­te­re Fahr­rad­stra­ßen ein­ge­rich­tet wer­den.

fahrradpreis friesenwall
Auch auf twit­ter gab es Kri­tik anläss­lich der Nomi­nie­rung – ein­fach mal nach “Frie­sen­wall” suchen …

Fahr­rad­stra­ße klingt doch gut, war­um die Kri­tik?
Fahr­rad­stra­ßen sind dem Rad­ver­kehr vor­be­hal­ten, es sei denn sie wer­den durch Zusatz­zei­chen auch für ande­re Ver­kehrs­teil­neh­mer wie Kraft­fahr­zeu­ge geöff­net. In Fahr­rad­stra­ßen dür­fen Rad­fah­ren­de neben­ein­an­der fah­ren, der Rad­ver­kehr darf weder gefähr­det noch behin­dert wer­den. Und: Wenn nötig, muss der Kraft­fahr­zeug­ver­kehr die Geschwin­dig­keit wei­ter ver­rin­gern.
So die Rechts­la­ge. Soweit, so gut. – Lei­der scheint in Köln der weit­aus größ­te Teil der Fahr­rad­stra­ßen durch Zusatz­zei­chen für den Kraft­fahr­zeug­ver­kehr frei­ge­ge­ben zu sein. Und ein gro­ßer Teil der Autofahrer*innen scheint mit den Regeln in Fahr­rad­stra­ßen nicht ver­traut zu sein. Im Gegen­teil, auch Fahr­rad­stra­ßen wer­den zuge­parkt und man­che Radfahrer*innen haben den Ein­druck, dass in die­sen erst recht gedrän­gelt wird. Eini­ge Autofahrer*innen emp­fin­den Fahr­rad­stra­ßen offen­bar als Zumu­tung. Aber selbst die erlaub­te Höchst­ge­schwin­dig­keit von 30 km/h steht im Wider­spruch zu der Sicher­heit die mit dem Wört­chen “Fahr­rad­stra­ße” sug­ge­riert wird.

Doch wie schützt die Stadt ihre Fahr­rad­stra­ßen?
In einer offi­zi­el­len Anfra­ge an die Ver­wal­tung erkun­dig­ten wir uns auch danach, ob Fahr­rad­stra­ßen eigent­lich bei den Navi­ga­ti­ons­sys­te­men gemel­det wer­den. Denn eine Fahr­rad­stra­ße die nur für Anlie­ger frei gege­ben ist, soll­te nicht in jedem Fall als Rou­te ange­ge­ben wer­den dür­fen.

Die Ant­wor­ten sind wie gewohnt ernüch­ternd.
Auch wenn die Fahr­rad­stra­ßen eigent­lich – wie es der Name sagt – nur für Fahr­rä­der da sind, muss die Ver­wal­tung zumin­dest den Anlie­gern die Erschlie­ßung mit dem KfZ ermög­li­chen. Uns hin­ge­gen erschließt sich dann aber wie­der­um nicht, war­um der Groß­teil der Fahr­rad­stra­ßen in Köln nicht nur für Anlie­ger, son­dern gleich für den gesam­ten KfZ-Ver­kehr frei­ge­ge­ben sind? Ob Autos sich in den Fahr­rad­stra­ßen berech­tigt auf­hal­ten, und sich dort an die Regeln hal­ten, hier macht sich die Stadt Köln einen schlan­ken Fuß, denn dies “obliegt der Poli­zei­be­hör­de”. – Schil­der mon­tiert, und gut ist.

Mar­kie­rungs­ar­bei­ten im Frie­sen­wall, April 2019

Die Ein­rich­tung neu­er Fahr­rad­stra­ßen ist natür­lich meist eine klei­ne Ver­bes­se­rung zum vor­he­ri­gen Zustand. Im Frie­sen­wall wur­den etwa etli­che Park­plät­ze ent­fernt, um Platz fürs Rad auf der Stra­ße und zum Par­ken zum machen. Doch das Gel­be vom Ei sind Fahr­rad­stra­ßen mit Sicher­heit nicht.
Radfahrer*innen brau­chen eige­ne Wege, auf denen sie sicher und vom Auto­ver­kehr unge­stört fah­ren kön­nen.

P.S.: Um Durch­gangs­ver­keh­re zu min­dern beschloss die Bezirks­ver­tre­tung Innen­stadt auf Initia­ti­ve Grüne/Linke/GUT die Ein­bahn­stra­ßen­re­ge­lung im Frie­sen­wall neu zu sor­tie­ren. Die Umset­zung die­ses Beschlus­ses steht noch aus.


Die Antwort (0118/2020) der Verwaltung auf unsere Anfrage:

1. „War­um sind Kölns Fahr­rad­stra­ßen nicht grund­sätz­lich (ohne Zusatzzeichen/Ausnahmen) dem Rad­ver­kehr vor­be­hal­ten?“

Ant­wort der Ver­wal­tung:
In der All­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift zur Stra­ßen­ver­kehrs-Ord­nung (VwV-StVO) wer­den die Ein­satz­kri­te­ri­en von Fahr­rad­stra­ßen defi­niert. Dar­in heißt es:
Ande­rer Fahr­zeug­ver­kehr als der Rad­ver­kehr darf nur aus­nahms­wei­se durch die Anord­nung ent­spre­chen­der Zusatz­zei­chen zuge­las­sen wer­den (z. B. Anlie­ger­ver­kehr). Daher müs­sen vor der Anord­nung die Bedürf­nis­se der ande­ren Ver­kehrs­mit­tel, auch des Kraft­fahr­zeug­ver­kehrs, ange­mes­sen berück­sich­tigt wer­den (alter­na­ti­ve Ver­kehrs­füh­rung).
Ver­kürzt zusam­men­ge­fasst bedeu­tet das, dass z. B. die Kfz-Erschlie­ßung der Anlie­ger gewähr­leis­tet blei­ben muss.

2. „Nach wel­chen Kri­te­ri­en wird ent­schie­den ob eine Fahr­rad­stra­ße ein Zusatz­zei­chen für Kfz erhält, und ob die­ses für Kfz all­ge­mein, oder nur für Anlie­ger gilt?“

Ant­wort der Ver­wal­tung:
Im Rah­men der Pla­nung und des Anord­nungs­pro­zes­ses gibt es dies­be­züg­lich einen Abwä­gungs­pro­zess. Neben der der­zei­ti­gen Bedeu­tung der Stra­ße für den all­ge­mei­nen Kfz-Ver­kehr und der ver­kehr­li­chen Ziel­set­zung wer­den z. B. auch mög­li­che Alter­na­tiv­rou­ten für den Kfz­Ver­kehr in den Abwä­gungs­pro­zess ein­be­zo­gen. Sofern die Fahr­rad­stra­ße kei­ne nen­nens­wer­te Funk­ti­on für den all­ge­mei­nen Kfz-Ver­kehr hat oder ange­mes­se­ne Alter­na­tiv­rou­ten ange­bo­ten wer­den kön­nen, wird eine Anlie­ger­be­schil­de­rung ange­ord­net.
Um eine hohe Qua­li­tät für Rad­fah­ren­de zu schaf­fen, wer­den bei jeder Fahr­rad­stra­ßen­pla­nung Maß­nah­men zur Reduk­ti­on des Kfz-Ver­kehrs geprüft. Die 2018 umge­setz­te Fahr­rad­stra­ße im Bereich der Zül­pi­cher Stra­ße konn­te bei­spiels­wei­se in einem Teil­stück für den Kfz-Ver­kehr gesperrt wer­den. Beglei­tet wur­de die Maß­nah­me von umfang­rei­chen Ver­kehrs­er­he­bun­gen, bei denen die Ver­la­ge­rungs­ef­fek­te genau unter­sucht wur­den.

3. “Bit­te stel­len Sie tabel­la­risch dar, wel­che Fahr­rad­stra­ßen es in Köln gibt, und wel­che durch Zusatz­zei­chen auch für ande­re Ver­kehrs­teil­neh­mer (Kfz, Anlie­ger, etc.) geöff­net sind?“

Ant­wort der Ver­wal­tung:

4. „Wie über­prüft die Ver­wal­tung, ob es sich bei Kfz-Nutzer*Innen in Fahr­rad­stra­ßen um jene mit einem berech­tig­ten Anlie­gen han­delt?“

Ant­wort der Ver­wal­tung:
Ver­kehrs­teil­neh­men­de, die ein „Anlie­gen“ in der Stra­ße haben, gel­ten grund­sätz­lich als Anlie­gen­de. Die Über­wa­chung des flie­ßen­den Ver­kehrs obliegt der Poli­zei­be­hör­de.

5. „Stand und steht die Ver­wal­tung mit Bereit­stel­lern von Navi­ga­ti­ons­sys­te­men im Aus­tausch, damit die­se bei Ein­rich­tung einer neu­en Fahr­rad­stra­ße infor­miert wer­den und ihre Daten­sät­ze ent­spre­chend aktua­li­sie­ren kön­nen, um das Risi­ko von Durch­fahr­ten von Kfz ohne eine Berech­ti­gung zu mini­mie­ren?“

Ant­wort der Ver­wal­tung:
Dies befin­det sich der­zeit in der Umset­zung.

gez. Blo­me


fahrradstrasse-flyer
Immer­hin ein net­ter Ver­such. Ein Fly­er zur Umwid­mung der Otto­stra­ße in Ehren­feld.

Unser Bei­trags­bild ganz oben zeigt die Beschil­de­rung an der Ecke Friesenwall/Palmstraße, Stand Febru­ar 2020. Laut Ant­wort der Ver­wal­tung soll­te dort jedoch nur für Anlie­ger frei sein – falsch beschil­dert?


Links:

Pres­se­mit­tei­lung der Stadt zur Fahr­rad­stra­ße Frie­sen­wall
Die Ant­wort der Ver­wal­tung als pdf
Nicht weni­ger als “neue Maß­stä­be” wur­den im Frie­sen­wall gesetzt – lest selbst, in einem pdf zur Deut­schen Fahr­rad­preis Nomi­nie­rung

Autor: Thor Zimmermann

Thor ist Ratsmitglied der Stadt Köln, und auch in den Ausschüssen Kultur, Stadtentwicklung, sowie dem Hauptauschuss vertreten. Am 13. September 2020 kandidiert Thor zur Oberbürgermeister*in-Wahl in Köln.

Ein Gedanke zu „Kölner Fahrradstraßen“

  1. Dan­ke für die Auf­klä­rung.
    Wobei “Anlie­ger frei” man am Frie­sen­wall defi­ni­tiv nicht bestä­ti­gen kann.
    Gera­de nicht am Sonn­tag, wo die Auto­fah­rer mit ihren noblen Karos­sen immer und immer wie­der die Stra­ße ent­lang fah­ren und ein Schau­lau­fen statt­fin­det.

    Ich bin daher schon gespannt wie sie die nächs­ten Fahr­rad­stra­ßen pla­nen wer­den. Wenn die über­haupt mal umge­setzt wer­den.

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