Dancing Queen ohne Tanzfläche

Fes­ti­vals wer­den ein immer wich­ti­ge­res Kul­tur­gut. Wie sieht also die Situa­ti­on in Köln aus, einer Stadt, die sich selbst als Kul­tur­stadt bezeich­net?

Lichtershow bei einem Bandauftritt

Fes­ti­vals sind mitt­ler­wei­le ein ele­men­ta­rer Bestand­teil in der Ver­an­stal­tungs­bran­che, die regel­mä­ßig vie­le Besu­cher von über­all­her anzie­hen. Gera­de Deutsch­land ist eine abso­lu­te Fes­ti­val-Hoch­burg, es gibt weni­ge Län­der mit einem ver­gleich­ba­ren Ange­bot. Gro­ße deut­sche Fes­ti­vals wie Rock am Ring/Rock im Park, das Hurricane/Southside Fes­ti­val, das Wacken Open Air oder Paroo­ka­vil­le genie­ßen inter­na­tio­nal ein hohes Anse­hen. Da stellt sich die Fra­ge — was hat Köln eigent­lich an Fes­ti­vals zu bie­ten?

Wer gro­ße Acts sehen will, wird auf Fes­ti­vals immer häu­fi­ger fün­dig. Vie­le Künst­ler tre­ten heut­zu­ta­ge lie­ber auf Fes­ti­vals als solo auf, da hier oft höhe­re Gagen ange­bo­ten wer­den, als her­kömm­li­che Kon­zert­ver­an­stal­ter es oft kön­nen. Für klei­ne Künst­ler wie­der­um bie­ten sich Fes­ti­vals als Platt­form an — die kul­tu­rel­le Rele­vanz von Fes­ti­vals lässt sich also nicht abstrei­ten.

Quantität statt Diversität

Auch in Köln gibt es gro­ße Fes­ti­vals, wenn­gleich keins eine ähn­li­che Auf­merk­sam­keit erhält wie die oben genann­te, deutsch­land­wei­te Kon­kur­renz. Zu Kölns popu­lärs­ten Fes­ti­vals gehö­ren u.a. das Sum­mer­jam, das Amphi Fes­ti­val oder das Games­Com City Fes­ti­val. Grö­ße­re Fes­ti­vals gibt es in Köln genug, in den letz­ten Jah­ren sind es sogar noch mehr gewor­den.

Und auch im Ver­gleich zu ande­ren Städ­ten steht Köln sehr gut da, was die Anzahl an Fes­ti­vals betrifft. Gemes­sen an den Fes­ti­vals, die bei festivalticker.de, der größ­ten deutsch­spra­chi­gen Fes­ti­val­da­ten­bank

Blick auf Publikum und Bühne beim Rock Hard Festival
Eines der grö­ße­ren Metal-Fes­ti­vals in der Regi­on. Büh­ne und Publi­kum beim Rock Hard Fes­ti­val.

ein­ge­tra­gen sind, hat Köln mehr Fes­ti­vals pro Ein­woh­ner als Mün­chen und weit mehr als Ber­lin. Ham­burg liegt nur knapp vor Köln. Das hängt vor allem mit den Bevöl­ke­rungs­dich­ten in den deut­schen Metro­po­len zusam­men, die in Köln und in Ham­burg wesent­lich nied­ri­ger sind, als in Ber­lin und Mün­chen. Zudem hat man mit dem Rhein­land und dem Ruhr­ge­biet ein wei­te­res, sehr bevöl­ke­rungs­rei­ches Ein­zugs­ge­biet, wodurch Köln als Stand­ort attrak­tiv für Fes­ti­val­ver­an­stal­ter sein müss­te. In zwei Punk­ten steht Köln jedoch merk­lich zurück.

Das ist zum einen die oft sehr ein­sei­ti­ge musi­ka­li­sche Aus­rich­tung an Open-Air-Fes­ti­vals und zum ande­ren das Ange­bot an nicht musi­ka­li­schen Fes­ti­vals. Das Fes­ti­val­an­ge­bot, beson­ders im Open-Air-Sek­tor, hat sehr viel Main­stream und wenig Sze­ne zu bie­ten. Die Jazz-Sze­ne, die Coun­try-Sze­ne oder die Metal-Sze­ne bei­spiels­wei­se haben laut festivalticker.de kein ein­zi­ges Open-Air-Fes­ti­val in Köln. Auch die rasant wach­sen­de Hip Hop-Sze­ne ist stark unter­re­prä­sen­tiert. Und das, obwohl laut Niel­sen Musics Jah­res­end-Bericht von 2017 her­vor­geht, dass Rap die Rock­mu­sik sogar als meist nach­ge­frag­tes Gen­re abge­löst hat, wenn man Strea­ming- und Ver­kaufs­zah­len ver­gleicht.

Zu wün­schen übrig lässt auch das Ange­bot an nicht­mu­si­ka­li­schen Fes­ti­vals — hier kann sich die Stadt deut­lich attrak­ti­ver machen. Zwar lässt sich durch­aus berech­tigt dar­über strei­ten, was genau jetzt schon ein Fes­ti­val ist und was nicht, es geht aber um die Ver­an­stal­tun­gen an sich, nicht dar­um, wie man sie nennt. Es gibt eini­ge grö­ße­re Film­fes­ti­vals (bspw. das See The Sound, das Afri­ka Film Fes­ti­val oder das Film Fes­ti­val Colo­gne), aber danach nur ein paar klei­ne­re Food­fes­ti­vals und Kul­tur­fes­ti­vals. Aber ein gro­ßes Sport­fes­ti­val bei­spiels­wei­se mit Reich­wei­te gibt es nicht.

Und das, obwohl Köln eigent­lich eine ziem­lich pres­ti­ge­träch­ti­ge Fes­ti­val­his­to­rie auf­zu­wei­sen hat. Das Bizar­re Fes­ti­val am Butz­weil­erhof oder die Pop­komm bei­spiels­wei­se waren inter­na­tio­nal renom­miert — bis bei­de weg­zo­gen. Auch vie­le Klein­fes­ti­vals in Köln kön­nen sich nicht lan­ge hal­ten.

Das Problem Platz

Auch, wenn die Bevöl­ke­rungs­dich­te in Köln ver­gli­chen mit Ber­lin und Mün­chen gering ist, ist Köln natür­lich trotz­dem ein sehr dicht besie­del­tes Gebiet. In einer Groß­stadt wie Köln einen geeig­ne­ten Ver­an­stal­tungs­ort zu fin­den, der sowohl den Bedürf­nis­sen und Ansprü­chen der Fes­ti­val­ver­an­stal­ter, als auch denen des Anwohner‑, Umwelt- und Denk­mal­schut­zes ent­spricht, ist nicht gera­de ein­fach.

Dazu kommt, dass eini­ge Gelän­de, auf denen frü­her Fes­ti­vals statt­fan­den, heu­te nicht mehr für die­sen Zweck ver­wend­bar sind. Ein Bei­spiel ist der ehe­ma­li­ge Flug­ha­fen am Butz­weil­erhof, wo in den 1990er Jah­ren das Bizar­re Fes­ti­val sei­ne Glanz­zeit hat­te. Heu­te ist die­ses Gelän­de bekannt­lich ein zen­tra­les Gewer­be­ge­biet der Stadt. Auch, dass neue Wohn­ge­bie­te gebaut und erschlos­sen wer­den ist rich­tig und wich­tig, ob dafür aller­dings wich­ti­ge und pul­sie­ren­de Kul­tur­zen­tren ver­lo­ren gehen müs­sen, ist frag­lich. Ein Wohn­ge­biet ohne kul­tu­rel­le Ange­bo­te scheint doch eher trost­los. Dass sich an einer ent­ge­gen­ge­setz­ten Ein­stel­lung der Stadt in den letz­ten Jah­ren nichts geän­dert hat, bewei­sen die Abris­se des Under­grounds und des Jung­le Clubs in Ehren­feld.

Wenn man auch hier den Ver­gleich zu den ande­ren deut­schen Mil­lio­nen­städ­ten zieht, sieht man, dass es auch anders geht. Mün­chen bei­spiels­wei­se hat eine fast dop­pelt so hohe Bevöl­ke­rungs­dich­te wie Köln, liegt aber bei den Fes­ti­vals pro Kopf nur knapp hin­ter Köln. Könn­te man sich also als Bei­spiel neh­men.

Es ist aller­dings nichts Neu­es, dass sich Köln damit schwer tut, funk­tio­nie­ren­de bestehen­de Kon­zep­te aus ande­ren Städ­ten zu über­neh­men — ist ja total unk­ölsch.

Das Problem Großstadt

Ande­re Flä­chen, die ten­den­zi­ell schö­ne Fes­ti­val-Loca­ti­ons wären, brin­gen wie­der­um ande­re Pro­ble­me mit sich. Die Nut­zung der Jahn­wie­se bei­spiels­wei­se wür­de aus Natur- und Anwoh­ner­schutz­grün­den schwie­rig wer­den. Genau­so wie das alte Indus­trie­vier­tel im Süden Mül­heims aus Denk­mal­schutz­grün­den. Bereits bestehen­de Fes­ti­val-Loca­ti­ons, vor allem der Füh­lin­ger See, wer­den bereits mehr­fach genutzt und sind ter­min­lich aus­ge­las­tet und die Natur ist stark bean­sprucht.

Die Indoor-Fes­ti­val-Situa­ti­on ist zwar sehr gut. Aber es sind eben doch gera­de die Open-Air-Fes­ti­vals, die vie­le Besu­cher und Künst­ler anlo­cken und das klas­si­sche und immer belieb­ter wer­den­de Fes­ti­val-Fee­ling auf­kom­men las­sen. Dass sol­che Fes­ti­vals eher auf den Ackern der Repu­blik statt­fin­den, ist jetzt nicht ver­wun­der­lich und wird sich auch nicht ändern. Aber dass es in Köln ein der­art dün­nes Ange­bot an geeig­ne­ten Flä­chen zu geben scheint, ist scha­de.

Band auf der Festivalbühne beim Summerjam
Ein Köl­ner Fes­ti­val Klas­si­ker: Das Sum­mer­jam.

Köln könnte Festival

Ande­re Städ­te haben das schließ­lich auch geschafft. Ham­burg nutzt sei­nen Hafen sehr inten­siv, vie­le ande­re, auch klei­ne­re Städ­te funk­tio­nie­ren Mes­se­ge­län­de und still­ge­leg­te Flug­hä­fen um. Mit den rich­ti­gen Maß­nah­men und Kom­pro­mis­sen mit Anwoh­nern etc., ist Ähn­li­ches auch in Köln umsetz­bar. Man muss es nur wol­len. Und es dann auch umset­zen.

Auch denk­bar wären Koope­ra­tio­nen mit umlie­gen­den Gemein­den. Fes­ti­vals in unmit­tel­ba­rer Nähe Kölns wären ver­mut­lich immer noch ähn­lich gro­ße Anzie­hungs­punk­te wie Ver­an­stal­tun­gen, die direkt in der Stadt ver­an­stal­tet wer­den wür­den. Einen Ver­such wäre die Idee zumin­dest wert.

Das Potenzial ist da

Das Fazit muss also sein, dass Kölns Fes­ti­val-Sze­ne vor allem durch Musik­fes­ti­vals geprägt ist. Dazu kommt, dass die Open-Air-Fes­ti­vals Kölns sehr main­stream­las­tig aus­ge­rich­tet sind. Rich­tig bunt wird es nur bei den Indoor-Fes­ti­vals. Die Fes­ti­val­his­to­rie Kölns zeigt aber auf, dass es auch anders geht.

Die exis­tie­ren­den Fes­ti­vals haben jedoch einen guten Ruf, auch wenn sie nicht ganz mit der gro­ßen Fes­ti­val-Eli­te Deutsch­lands mit­hal­ten kön­nen. Einen halb­wegs gro­ßen, inter­na­tio­na­len Ruf hat eigent­lich nur das Sum­mer­jam, viel­leicht noch das Amphi Fes­ti­val. Dass Fes­ti­vals in Köln funk­tio­nie­ren und gut funk­tio­nie­ren kön­nen, wird also auch aktu­ell unter Beweis gestellt. Wenn sich die Stadt also Mühe geben wür­de, kann aus Köln eine bedeu­ten­de Fes­ti­val-Stadt wer­den. Dafür gibt es aktu­ell aber lei­der weni­ge Anzei­chen.


Das Titel­bild ist von pri­vat und ent­stand beim Besuch eines gro­ßen Fes­ti­vals — lei­der nicht in Köln.

Autor: Bela Schlieper

Bela arbeitet als Praktikant für unsere Ratsgruppe. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Heavy Metal und Einhörnern.

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