Wir stehen zu Ford!

90 Jah­re Ford in Köln. Was bedeu­tet Soli­da­ri­tät heu­te? Unkri­tisch “Köln fährt Ford!” skan­die­ren? Oder vom Unter­neh­men ein Umden­ken hin zu umwelt­ver­träg­li­che­ren Model­len for­dern – um so Arbeits­plät­ze zu sichern?

Ford

Ende ver­gan­ge­nen Jah­res wag­te es der Stadt­vor­stand der Köl­ner Ver­wal­tung anzu­kün­di­gen, in Zukunft auch drei PKWs ande­rer Her­stel­ler als Ford pro­be­fah­ren zu wol­len. Hin­ter­grund ist die aktu­el­le Kli­ma­schutz-Debat­te, Model­le von Mer­ce­des des­halb, da Ford zur Zeit noch kei­ne grö­ße­ren E‑Autos anbie­tet.
Was folg­te war ein Sturm der Ent­rüs­tung. So star­te­te etwa Ford-Euro­pa Betriebs­rats­chef Mar­tin Hen­nig unter dem Titel “Wir erwar­ten ein kla­res Bekennt­nis der Stadt Köln zu Ford!” eine Peti­ti­on auf openpetition.de – gut beglei­tet von der loka­len Pres­se. Die Köl­ner SPD griff das The­ma auf, und bean­trag­te zur Rats­sit­zung am 12. Dezem­ber 2019 eine “Aktu­el­le Stun­de”.

Wir doku­men­tie­ren hier den Rede­bei­trag von Thor Zim­mer­mann (Rats­grup­pe GUT), ein Aus­zug aus dem offi­zi­el­len Wort­pro­to­koll:


Ober­bür­ger­meis­te­rin Hen­ri­et­te Reker: Jetzt hat Herr Zim­mer­mann das Wort.

(Lino Ham­mer [Bünd­nis 90/Die Grü­nen]: Als OB-Kan­di­dat musst du dich jetzt aber auch zu Ford beken­nen!)

Thor-Geir Zim­mer­mann (Rats­grup­pe GUT): Sehr geehr­te Frau Ober­bür­ger­meis­te­rin! Sehr geehr­te Damen und Her­ren am Stream und auf der Tri­bü­ne! Mir wur­de gera­de zuge­raunt, dass ich mich als Kan­di­dat doch auch zu Ford beken­nen müs­se. Das kann ich ger­ne tun. Ich beken­ne mich aber selbst­ver­ständ­lich auch zur auto­frei­en Stadt, und ich beken­ne mich dazu, dass ich kei­nen Füh­rer­schein habe und sehr, sehr ger­ne Fahr­rad fah­re.

(Bei­fall bei der Rats­grup­pe GUT und bei Tei­len des Bünd­nis­ses 90/Die Grü­nen)

Der Antrag wur­de von der SPD gestellt. Es ist aber natür­lich eine gemein­sa­me Kam­pa­gne mit dem Betriebs­rat von Ford. Las­sen Sie uns zuerst einen Blick auf die­se Kam­pa­gne wer­fen und uns auch das Auf­tre­ten bei open­Pe­ti­ti­on und die Argu­men­ta­ti­on von Herrn Hen­nig anschau­en.

Die Sor­gen der 17 000 oder 18 000 Mit­ar­bei­ter muss man selbst­ver­ständ­lich ernst neh­men. Ford in Köln schlin­gert seit Jah­ren oder Jahr­zehn­ten immer wie­der durch diver­se Kri­sen. Immer wie­der geht es um Stel­len­ab­bau. Immer wie­der weiß man nicht, was in der Kon­zern­zen­tra­le gewünscht und gewollt wird. Auch der Betriebs­rat selbst kri­ti­siert die Modell­po­li­tik von Ford immer wie­der hef­tig, zuletzt Anfang die­ses Jah­res. Des­we­gen ist es natür­lich ver­ständ­lich, dass dort gro­ße Unru­he herrscht und sich auch Sor­gen gemacht wer­den.

Nun wird die Ent­schei­dung, drei Autos, die nicht von Ford sind, über einen län­ge­ren Zeit­raum pro­be­zu­fah­ren, für einen Sturm im Was­ser­glas benutzt. Damit will ich nicht sagen — im Gegen­teil; das habe ich auch deut­lich aus­ge­führt -, dass die Sor­gen der Mit­ar­bei­te­rin­nen nicht ernst zu neh­men wären. Aber wenn der Betriebs­rat und die Köln-SPD dies schlicht und ein­fach nur dazu benut­zen, zu ver­su­chen, die Stadt­spit­ze oder in die­sem Fall die Ober­bür­ger­meis­te­rin zu beschä­di­gen, dann ist das doch etwas arm­se­lig, und es ist auch ein­fach nicht klug.

Ich hät­te es klug gefun­den, wenn der Betriebs­rat einen Brief an die Kon­zern­zen­tra­le geschrie­ben hät­te und gesagt hät­te: Hopp­la, wir brau­chen drin­gend neue Model­le; wir brau­chen drin­gend eine öko­lo­gi­sche Ver­kehrs­wen­de auch in unse­rer Modell­po­li­tik und in unse­rer Stra­te­gie­po­li­tik, da uns hier lang­sam die Kun­den absprin­gen. — Das hät­te ich ver­stan­den.

(Bei­fall bei der Rats­grup­pe GUT und bei Tei­len des Bünd­nis­ses 90/Die Grü­nen)

Was ich wirk­lich nicht ver­ste­he, ist das Bild­chen bei open­Pe­ti­ti­on — Herr Hen­nig, das ist immer­hin mit Ihrem Namen gezeich­net; es soll höchst­wahr­schein­lich wit­zig sein -, auf dem erfun­de­ne Tages­zei­tun­gen mit erfun­de­nen Schlag­zei­len dar­ge­stellt sind. Ich möch­te Ihnen nur ein­mal drei vor­le­sen:

Der Por­zer Spie­gel: Frau Reker tritt ab. Wir wün­schen Ihnen in Stutt­gart alles Gute!

Ehren­fel­der All­ge­mei­ne Sonn­tags­post: Frau Reker-Trump: Mer­ce­des first — Wer ist FORD?

Oder noch bes­ser — oder viel­mehr schlim­mer -:

Chor­wei­ler Mer­kur: Wenn Hen­ry noch erle­ben müss­te, wie Hen­ri­et­te ihn betrügt …

Im Grun­de genom­men ist das am Ende sogar sexis­tisch. Es ist ein­fach nur däm­lich und der Sache über­haupt nicht dien­lich. Es ist eine dum­me, dum­me, dum­me Kam­pa­gne.

(Bei­fall bei der Rats­grup­pe GUT, der CDU, dem Bünd­nis 90/Die Grü­nen und der FDP)

Die SPD greift das natür­lich ger­ne auf — immer auf der Suche nach Soli­da­ri­sie­run­gen mit allem Mög­li­chen.

Dann habe ich ein­mal geschaut, wie denn die Kam­pa­gne der SPD auf Face­book läuft. Ich lese Ihnen jetzt ein­mal die drei am bes­ten bewer­te­ten Kom­men­ta­re vor.

Die meis­te Zustim­mung erhielt eine Frau mit Vor­na­men Loni. Sie schreibt:

Als Aller­ers­tes muss die Stadt­spit­ze Fahr­zeu­ge nut­zen, die mög­lichst CO2-neu­tral sind. Ist es ein Ford, umso bes­ser. Ansons­ten soll­te der Her­stel­ler egal sein. Und Nobel­ka­ros­sen müs­sen schon mal gar nicht her — auch das fal­sche Signal.

Auf Platz zwei ist Thors­ten — wohl­ge­merkt ein SPD-Mit­glied -:

Kli­ma­not­stand! Also E‑Autos? Okay, Ford hat kei­ne. Scha­de, ver­schla­fen! Was pas­siert dem Miss­ma­nage­ment? Nichts. Wer muss blu­ten? Die Arbei­ter. Das ist das The­ma, mei­ne lie­be SPD, in der ich immer noch Mit­glied bin. Die­se Peti­ti­on unter­schrei­be ich nicht. Unse­re Wor­te: Wir müs­sen mit der Zeit gehen.

Gera­de haben Sie mich sehr irri­tiert und ver­wun­dert, Herr Detjen. Ich dach­te immer, Sie sei­en ein Lin­ker. Was Sie jetzt gesagt haben, klang aber über­aus devot gegen­über der Kon­zern­zen­tra­le. [Anmer­kung: gemeint ist die Rede Detjens kurz zuvor, in der er u.a. zur Kri­tik an der Modell­po­li­tik von Ford sag­te: “Uns steht es nicht zu, hier sol­che Kri­tik zu äußern.”. Nach­zu­le­sen Sei­te 6ff des Wort­pro­to­kol­les.]

(Hei­ter­keit und Bei­fall bei der Rats­grup­pe GUT, der CDU, dem Bünd­nis 90/Die Grü­nen und der FDP)

Jetzt muss ich Ihnen ein­fach ein­mal vor­le­sen, was das SPD-Mit­glied Sascha auf Face­book schreibt:

Ford ist nicht Köln, son­dern Ford ist das Kapi­tal. Kapi­tal gehört ver­ge­sell­schaf­tet. Was die Stadt­spit­ze fährt, ist egal — Haupt­sa­che, es ist ohne Emis­sio­nen, und die Stadt­spit­ze ist von der SPD.

(Hei­ter­keit bei der Rats­grup­pe GUT, der CDU, dem Bünd­nis 90/Die Grü­nen und der FDP)

In einem zwei­ten Kom­men­tar führt er fort:

Von Soli­da­ri­tät erklä­ren wird kei­ner der Leu­te bei Ford auch nur das gerings­te biss­chen haben. Ein Kon­zern über­nimmt kei­ne Ver­ant­wor­tung, son­dern kas­siert den Pro­fit. Men­schen und Schick­sa­le sind dem egal. Dar­auf muss auch die SPD wie­der eine Ant­wort fin­den. Aber es darf kei­ne Unter­wer­fungs­ges­ten gegen­über denen geben, die es rui­nie­ren.

Mei­ne Rede­zeit ist lei­der abge­lau­fen. Wir müs­sen Ford in der Tat — und das ist auch mein Bekennt­nis zu Ford — durch die­sen Pro­zess der Trans­for­ma­ti­on hin zu einer öko­lo­gi­schen Ver­kehrs­wen­de beglei­ten. Wir brau­chen aber nicht ein­fach nicht durch­dach­te Soli­da­ri­täts­er­klä­run­gen zu einer voll­kom­men fal­schen Modell­po­li­tik. — Vie­len Dank.

(Bei­fall bei der Rats­grup­pe GUT und dem Bünd­nis 90/Die Grü­nen)


Vor 90 Jah­ren wur­de im Okto­ber der Grund­stein zum Köl­ner Ford-Werk gelegt. Was ist Eure Mei­nung? Geht die Ära des Auto­mo­bils zu Ende, oder brau­chen wir wei­ter­hin jede*r ein Auto? Bit­te hin­ter­lasst Eure Kom­men­ta­re!

Autor: Thor Zimmermann

Thor ist Ratsmitglied der Stadt Köln, und auch in den Ausschüssen Kultur, Stadtentwicklung, sowie dem Hauptauschuss vertreten. Am 13. September 2020 kandidiert Thor zur Oberbürgermeister*in-Wahl in Köln.

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