Gentrifizierung ist ein weltweites Problem

Am 7. Okto­ber star­te­te unse­re Rei­he Leben in der Stadt mit der Ver­an­stal­tung Eigen­art und Hype. Wir baten Chris­ti­an Schy­ma um einen Bericht.

Gentrifizierung

Es war schon frü­her das Herz von Köln. Ein lebens­fro­hes, lie­bens­wer­tes Vee­del. In dem alle Kul­tu­ren in bes­ter Gemein­schaft zusam­men­leb­ten. Die Markt­frau neben dem tür­ki­schen Händ­ler und dem Köbes in der Kölsch-Knei­pe. Die Süd­stadt ver­sprüh­te immer schon ein beson­de­res Flair. Doch wäh­rend sei­nes sati­ri­schen Streif­zu­ges durch den Stadt­teil ent­deck­te Schau­spie­ler Hein­rich Pachl im Doku­men­tar­film „Süd­stadt in Aspik“ auch schon Mit­te der 80er Jah­re alar­mie­ren­de Ten­den­zen einer Ver­än­de­rung – deren Höhe­punkt der Abriss des lan­ge besetz­ten Stoll­werck-Fabrik­ge­bäu­des war.
Der legen­dä­re Film von Chris­tel Fomm bil­de­te einen amü­san­ten Ein­stieg in die Ver­an­stal­tungs­rei­he „Leben in der Stadt“ – das Fes­ti­val der Rats­grup­pe GUT zur Stadt­ent­wick­lung. „Eigen­art & Hype“ war der ers­te von vier Info­aben­den über­schrie­ben, den rund 50 Köl­ner im Film­fo­rum des Muse­ums Lud­wig ver­folg­ten. Dem doku­men­ta­ri­schen Appe­tit­an­re­ger folg­te eine Dis­kus­si­ons­run­de mit Jür­gen Fried­richs, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Köln, GUT-Rats­mit­glied Thor Zim­mer­mann und Mar­tin Schmitts­ei­fer von Jack in the box, einem gemein­nüt­zi­gen Ver­ein für Beschäf­ti­gungs­för­de­rung. Mode­riert wur­de die Podi­ums­dis­kus­si­on von Dr. Chris­tia­ne Kuch.
Jür­gen Fried­richs nahm den etwas sor­gen­vol­len Blick von Hein­rich Pachl am Ende des Films ger­ne auf. „Das ist kein Köl­ner Pro­blem, son­dern viel­mehr ein welt­wei­tes.“ Die Fra­ge sei nur, ob man den Pro­zess der Gen­tri­fi­zie­rung stop­pen kön­ne. Die Ver­än­de­rung eines Stadt­teils, so Fried­richs, erken­ne man dar­an, dass eine höher ein­zu­stu­fen­de Bevöl­ke­rungs­schicht die nied­ri­ge ver­drän­ge. Öko­no­misch ist das an Boden­wer­ten fest­zu­ma­chen, die Infra­struk­tur ver­än­dert sich durch mehr Geschäf­te und Loka­le. Dadurch steigt das Image des Vier­tels. Fried­richs unter­schei­det dabei vier Gebiets­ty­pen – den Stadt­teil aus der inner­städ­ti­schen Grün­der­zeit, das Quar­tier mit viel­schich­ti­gen Pro­blem­la­gen, die stark per­fo­rier­ten Gebie­te mit sta­gnie­ren­den Geschäfts­zen­tren und eine his­to­risch gewach­se­ne Innen­stadt. In Köln sei­en der­zeit beson­ders die Grund­stü­cke auf links­rhei­ni­scher Sei­te begehrt – hier bei­spiels­wei­se ein altes Haus abzu­rei­ßen und ein Mehr­fa­mi­li­en­haus neu zu bau­en ver­spre­che Inves­to­ren die größ­ten Wachs­tums­ra­ten. Im Wey­er­tal bei­spiels­wei­se wur­de zuletzt eine Dach­ge­schoss­woh­nung mit einem Zim­mer und 71 Qua­drat­me­tern zu einem Preis von knapp einer hal­ben Mil­lio­nen Euro ange­bo­ten. Die neue Mit­tel­klas­se wer­de getra­gen von der Suche nach Authen­ti­zi­tät, aus hohem kul­tu­rel­len Kapi­tal wer­de hohes öko­no­mi­sches Kapi­tal.
Fried­richs unter­schei­det fünf Pha­sen der Gen­tri­fi­zie­rung. Zunächst zie­hen Pio­nie­re wie Künst­ler und Stu­den­ten in ein Gebiet mit lee­ren Woh­nun­gen und lee­ren Fabrik­ge­bäu­den, mit nied­ri­gen Mie­ten. Trotz einer Moder­ni­sie­rung ist aber die künf­ti­ge Ent­wick­lung unsi­cher – wie in der Dort­mun­der Nord­stadt. Die zwei­te Pha­se kenn­zeich­net einen stär­ke­ren Zuzug von Pio­nie­ren, wobei die Mie­ten aber nur gering­fü­gig stei­gen, das Vier­tel aber dank ver­stärk­ter Bericht­erstat­tung in den Medi­en einen Image­wan­del erfährt. Es sie­deln sich mehr Geschäf­te und Loka­le an.
In Pha­se drei gibt es einen Zuzug von Gen­tri­fie­rern, Boden­wer­te und Mie­ten stei­gen, der Stadt­teil wird zum In-Gebiet, zum Sze­ne-Vier­tel. Kon­flik­te zwi­schen Pio­nie­ren und Gen­tri­fie­rern sind mög­lich, Ver­drän­gungs­pro­zes­se von Senio­ren und Min­der­hei­ten eben­so. Die Zahl der Eigen­tums­woh­nun­gen nimmt zu. Danach wer­den inter­na­tio­na­le Inves­to­ren auf­merk­sam, es gibt mehr Luxus­woh­nun­gen, mehr Rei­che und immer weni­ger Pio­nie­re. Letzt­end­lich ist Pha­se fünf von sehr rei­chen Haus­hal­ten gekenn­zeich­net, das Umfeld bil­den Luxus­ap­par­te­ments und Luxus­ge­schäf­te. Die Kur­ve der Hete­ro­ge­ni­tät kön­ne, so Fried­richs, nur schwer auf dem Höhe­punkt gehal­ten wer­den. „Die Mög­lich­kei­ten, das Niveau zu hal­ten, sind begrenzt. Am Ende nimmt sie ab – und es gibt nur noch Rei­che.“ So sei­en in Köln die Preis­stei­ge­run­gen bei den Mie­ten wie auch bei den Eigen­tums­woh­nun­gen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren beträcht­lich. In Deutz sei der Anteil von Eigen­tums­woh­nun­gen noch deut­lich höher als bei­spiels­wei­se in Mül­heim. Erkenn­bar sei aller­dings, dass in Köln der Wan­del lang­sa­mer von­stat­ten gin­ge und die ein­zel­nen Pha­sen län­ger andau­ern als in Metro­po­len wie New York oder Tokio. Doch ist der Pro­zess umkehr­bar? „Ein kla­res Nein.“ Abzu­schwä­chen sei er aber doch. Durch Milieu­schutz und Miet­preis­brem­sen. Dem­ge­gen­über steht aber eine Zuwan­de­rung mit einem hohen Anteil an inner­städ­ti­schem Wohn­be­darf.
Film-Autorin Chris­tel Fomm saß im Publi­kum. „Man denkt viel­leicht, ‚Süd­stadt in Aspik’ sei ein böser Film. Aber heu­te ist es noch viel schlim­mer im Vier­tel. Es geht immer wei­ter.“ Anders als Jür­gen Fried­richs sei sie aber der Mei­nung, dass man die­se nega­ti­ve Ent­wick­lung durch­aus stop­pen kön­ne. Denn man­che wür­den, so ihre Beob­ach­tung, wie­der weg­zie­hen. Weil sie das Span­nen­de im Vier­tel irgend­wann als zu span­nend emp­fin­den wür­den. „Gibt es die­se Pha­se 6?“, frag­te ein Gast im Audi­to­ri­um. Den Weg­zug aus einem Sze­ne-Vier­tel. „Ich befürch­te“, so Fried­richs, „dafür fin­den Sie kein Bei­spiel.“ Denn heu­te sei der Bil­dungs­stand höher, das Ein­kom­men höher – und damit der Lebens­stil ein ande­rer. Chris­tel Fomm woll­te indes wis­sen, wo und wie die Stadt regu­lie­re. „Es gibt Auf­la­gen, Miet­preis­brem­sen und ande­re Instru­men­te“, sag­te Thor Zim­mer­mann. „Man ver­sucht es, aber es funk­tio­niert nicht.“ Mög­lich­kei­ten gäbe es aber doch, beton­te Jür­gen Fried­richs und nann­te das Bei­spiel Mün­chen. „Dort wird viel über den Genos­sen­schafts­bau abge­wi­ckelt.“
Der Vor­schlag eines Zuhö­rers: Köln sol­le ver­stärkt nicht an den Höchst­bie­ten­den, son­dern den, der eine sinn­vol­le Fol­ge­nut­zung vor­schlägt – wie den Bau von Sozi­al­woh­nun­gen – ver­kau­fen.
Mar­tin Schmitts­ei­fer berich­te­te davon, dass sein Ver­ein kurz vor dem Exitus ste­he. Sämt­li­che Ver­spre­chun­gen des Inves­tors Aure­lis inklu­si­ve Kauf­op­ti­on auf dem Gelän­de in Ehren­feld „sind nicht gehal­ten wor­den. Im Moment sind wir kom­plett raus.“ Die Poli­tik ste­he zwar hin­ter dem Ver­ein, „aber das Kapi­tal ist schnel­ler.“
Doch auch der Stadt sei­en bis­wei­len die Hän­de gebun­den, wie Thor Zim­mer­mann erklär­te. „Man kann beim Inves­tor Wün­sche äußern, aber oft war­tet der Inves­tor ab, bis die Ver­wal­tung die Plä­ne abän­dert und es ihm dann passt. Wie beim Heli­os-Gelän­de.“ Jür­gen Fried­richs erin­ner­te aber auch an die Bedeu­tung von Inves­to­ren für eine Stadt. „Man kann Inves­to­ren nicht zu etwas zwin­gen. Auf der ande­ren Sei­te kann man Flä­chen nicht brach­lie­gen las­sen.“ Auch in Köln bräuch­te man drin­gend Wohn­raum, müss­te im Umkehr­schluss Inves­to­ren sogar Grund­stü­cke anbie­ten.
„Aber war­um muss die Stadt über­haupt ver­kau­fen“, kam die Fra­ge aus dem Audi­to­ri­um. Statt­des­sen kön­ne man eine Erb­pacht abschlie­ßen – mit kla­rer Nut­zungs­vor­ga­be. Zumin­dest das Vor­kaufs­recht habe die Stadt wie­der ein­ge­führt – wie Ger­hard Brust (Grü­nes Rats­mit­glied) aus dem Publi­kum her­aus beton­te. „Wir haben viel zu wenig bebau­ba­re Grund­stü­cke, brau­chen aber unbe­dingt Wohn­raum.“ Denn der Flä­chen­be­darf pro Per­son habe stark zuge­nom­men, inzwi­schen sei­en über 50 Pro­zent in Köln Sin­gle-Haus­hal­te.

Im Foyer gab es Musik mit Mr. B-Town
Im Foy­er gab es Musik mit Mr. B‑Town

Boris Sie­verts, der die Rei­he zusam­men mit Tho­mas Schmeck­pe­per ent­wi­ckelt hat­te, trieb eine beson­de­re Fra­ge um: „Wie kann man die Eigen­art eines Vier­tels ent­wi­ckeln, ohne dass die Bevöl­ke­rung weg muss? Und wel­che Stra­te­gie gibt es, bezahl­ba­ren Wohn­raum zu schaf­fen?“ Die Ant­wort des Exper­ten war eher ernüch­ternd. „Ich sehe da kei­ne, jeden­falls nicht die eine“, sag­te Jür­gen Fried­richs. Und auch auf die Fra­ge von Thor Zim­mer­mann, ob man Gebie­te nicht auch „ent­mi­schen“ kön­ne, gibt es kei­ne Ant­wort. „Das ist die 100000-Dol­lar-Fra­ge“, so Fried­richs. „Wie mischen wir und wie sehr mischen wir? Und wo liegt die Gren­ze?“ Am bes­ten mische man doch inner­halb einer Stra­ße – das för­de­re die Tole­ranz.
Nach knapp zwei­ein­halb Stun­den zogen die Exper­ten in ihrem Schluss-State­ment ein durch­weg posi­ti­ves Fazit. „Ich habe eine sehr span­nen­de und anre­gen­de Dis­kus­si­on erlebt“, beton­te Jür­gen Fried­richs. Viel­leicht kön­ne die Stadt ver­mehrt Grund­stü­cke auf­kau­fen, mehr in die Offen­si­ve gehen. „Aber den Uni­ver­sal­schlüs­sel für alle Pro­ble­me gibt es nicht.“ Und Thor Zim­mer­mann wünsch­te sich, dass „sich am Ende der Rei­he die Leu­te ver­net­zen und orga­ni­sie­ren.“ Und es einen „klas­si­schen Wider­stand wie beim Stoll­werck gibt.“ Mar­tin Schmitts­ei­fer erkann­te, dass offen­bar doch viel Power zur Ver­fü­gung ste­he. „Aber es gibt noch viel zu bewäl­ti­gen.“


Text: Chris­ti­an Schy­ma – Bil­der: Rats­grup­pe GUT


Die hier bespro­che­ne Ver­an­stal­tung Eigen­art & Hype fand am 7. Okto­ber im Film­fo­rum des Muse­um Lud­wig statt, und ist Teil unse­rer Rei­he Leben in der Stadt. Infor­ma­tio­nen zu unse­rer Stadt­ent­wick­lungs­rei­he hier.
Wei­te­re Berich­te über unse­re Ver­an­stal­tun­gen im Rah­men die­ser Rei­he fin­det Ihr unter dem tag: Leben in der Stadt

Autor: Gastautor*in

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