Hafengespräch

Am Mon­tag, den 8. Okto­ber setz­ten wir unse­re Rei­he mit einem Gespräch im Mül­hei­mer Hafen fort. Eine Zusam­men­fas­sung des Abends von Chris­ti­an Schy­ma.

Hafengespraech

Nach dem inter­es­san­ten Auf­takt der Rei­he „Leben in der Stadt“ der Rats­grup­pe GUT, bei dem die Gen­tri­fi­zie­rung eines Stadt­teils am Bei­spiel der Süd­stadt the­ma­ti­siert wur­de, stand am zwei­ten Tag die Ästhe­tik im Mit­tel­punkt. In den Räu­men des Tauch­un­ter­neh­mens Moissl Bau­tau­cher am Auen­weg im Mül­hei­mer Hafen ging Boris Sie­verts unter dem Titel „Schrott­platz und Milch­af­fee“ nun der Fra­ge nach, wie Indus­trie, wie pro­du­zie­ren­des Gewer­be, und Woh­nen mit­ein­an­der har­mo­nie­ren kön­nen. „Ich habe noch kei­nen Ort erlebt, wo so viel neben­ein­an­der geht, wie hier“, lei­te­te Sie­verts sei­nen Bea­mer-Vor­trag ein. Zwi­schen der Tra­di­ti­ons­werft KSD und der Bau­stel­le des künf­ti­gen Colo­neo II, zwi­schen dem Bau­tau­cher und der Dis­co Boots­haus gebe es „ein gro­ßes Poten­ti­al der räum­li­chen Anders­ar­tig­keit.“ Indus­trie­area­le die­ser Art sei­en dank der beson­de­ren Kon­tras­ter­fah­rung gleich­sam „auf­re­gend und anre­gend“. Die Kraft die­ser Area­le lie­ge im anders­ar­ti­gen Maß­stab, im anders­ar­ti­gen Wirt­schaf­ten und der anders­ar­ti­gen Flä­chen­öko­no­mie. Das Zusam­men­spiel von bebau­ter und unbe­bau­ter Flä­che ist span­nen­der als in der Stadt. Auf gro­ßen Indus­trie­flä­chen ist die Abgren­zung von Stra­ßen, von Bau­par­zel­len nicht defi­niert.

Ästhetik einer Industrieruine
Ästhe­tik einer Indus­trie­rui­ne

Am Bei­spiel der Che­mi­schen Fabrik in Kalk zeig­te der Stadt­füh­rer, was sich im Stadt­bild ver­än­dert, wenn gro­ße Indus­trie­area­le ver­schwin­den. „Hier wur­de die Kraft des Anders­ar­ti­gen zunich­te gemacht“, so Sie­verts mit Blick auf die rie­si­ge Flä­che, auf der nur noch der Was­ser­turm ste­hen­ge­blie­ben ist. Anders in Deutz, wo noch Hal­len der alten Wag­gon­fa­brik KHD als Denk­mä­ler frü­he­rer Indus­trie­kul­tur zu bestau­nen sind – und auch noch der ältes­te Ver­bin­dungs­weg zwi­schen Deutz und Mül­heim exis­tiert. „Und die Zoo­brü­cke wur­de bei lau­fen­dem Betrieb drü­ber gebaut“, so Sie­verts. Das Herz­stück der Fir­ma KHD waren die heu­te noch ste­hen­den Gie­ße­rei­hal­len, auch die Bahn­bö­gen am Ran­de sind unge­wöhn­li­che Zeit­zeu­gen. Sie­verts prä­sen­tier­te wei­te­re Bei­spie­le urba­ner Köl­ner Kon­tras­te, der Schrott­platz in Mül­heim, neben dem Bou­le­vard am Auen­weg und der Vor­zei­ge­stra­ße in Ehren­feld.

Brigitte Scholz Leiterin des Amts für Stadtentwicklung
Bri­git­te Scholz Lei­te­rin des Amts für Stadt­ent­wick­lung

Bri­git­te Scholz, Lei­te­rin des Amts für Stadt­ent­wick­lung, stell­te ihre Sicht­wei­se eines Neben­ein­an­ders von Indus­trie und Woh­nen vor. „Die Schwie­rig­keit liegt in der Umnut­zung. Es kann nach­her nicht alles blit­ze­blank sein. Man muss sich die Offen­heit der Orte erhal­ten.“ Es gäbe unter­schied­li­che Stra­te­gi­en zur Umnut­zung eines Gebäu­des, ver­schie­de­ne Rah­men­be­din­gun­gen, ob man es zum Arbei­ten oder Woh­nen nut­ze. „Wel­chen Stel­len­wert habe sol­che Orte der Tätig­keit im Innen­stadt­be­reich, wel­che Anstren­gun­gen wer­den unter­nom­men, die Indus­trie an Ort und Stel­le zu hal­ten“, frag­te Boris Sie­verts die Stadt­pla­ne­rin. Momen­tan beschäf­ti­ge sich die Stadt mit dem The­ma, „wie man die Arbeit in der Stadt hal­ten kann.“ Man wol­le Stra­te­gi­en für den jewei­li­gen Typ von Arbeit ent­wi­ckeln, um Arbeits­plät­ze in der Stadt zu hal­ten und eine pro­duk­ti­ve Stadt zu sichern. Eine Mög­lich­keit sei, Gebie­te über das Bau­recht zu schüt­zen. Doch dazu müs­sen die Stadt auch Eigen­tü­mer der Grund­stü­cke sein. „Momen­tan haben wir einen unheim­li­chen Flä­chen­druck“, so Scholz. „Wir müs­sen nach innen wach­sen.“

Marc Leß­le von Raum 13, das in Deutz alte Indus­trie­ge­bäu­de für kul­tu­rel­le Zwe­cke, berich­te­te von sei­nen beson­de­ren Kon­tras­ter­fah­run­gen. „Das kann man hier im Hafen bes­tens umset­zen.“ Und auch Boris Sie­verts ist über­zeugt davon, dass man „die­sen Ort der Anders­ar­tig­keit auch als Denk­mal bewah­ren muss.“ Doch es gibt auch dif­fe­ren­zier­te­re Mei­nun­gen, wie es ein Zuhö­rer for­mu­lier­te: „Alles erhal­ten zu wol­len, sehe ich als schwie­rig an. Man kann den Zustand nicht fixie­ren, es ist ein flie­ßen­der Pro­zess. Viel­leicht ist ja irgend­wann auch mal der Dom weg.“ Ein gutes Bei­spiel für die Auf­wer­tung von Indus­trie­kul­tur sei die Zeche Zoll­ver­ein in Essen – oder auch vor Ort die Schan­zen­stra­ße, in der neben Arbeit auch die Kul­tur exis­tie­re.

Hafengespräch mit offenem Rolltor
Hafen­ge­spräch mit offe­nem Roll­tor

Im Audi­to­ri­um saß auch Hans Klaus San­der, Geschäfts­füh­rer der Köl­ner Schiffs­werft Deutz. Er erin­ner­te dar­an, dass eine funk­tio­nie­ren­de Indus­trie sei­nen berech­ti­gen Platz habe, erhal­ten wer­den müs­se – und kei­nen Neu­bau­ten Platz machen dür­fe. „Man darf kei­nen funk­tio­nie­ren­den Betrieb kaputt machen.“ Und Gast­ge­be­rin Ilo­na Gren­ze­mann-Ham­bü­chen wünscht sich mehr Enga­ge­ment sei­tens der Stadt in Sachen Ent­wick­lung des Mül­hei­mer Hafens. „Die Stadt gehört uns allen, aber man bekommt wenig Fee­ling zurück. Es scheint, als wol­le man gar nicht mit einem spre­chen.“ Bri­git­te Scholz nahm jeden­falls eini­ge Anre­gun­gen mit – für ein künf­ti­ges Neben­ein­an­der von Indus­trie und Woh­nen, von Arbeit und Ästhe­tik.

Text: Chris­ti­an Schy­ma – Bil­der: Rats­grup­pe GUT


Die hier bespro­che­ne Ver­an­stal­tung Schrott­platz & Milch­kaf­fe fand am 8. Okto­ber 2018 im Mül­hei­mer Hafen statt, und ist Teil unse­rer Rei­he Leben in der Stadt. Infor­ma­tio­nen zu unse­rer Stadt­ent­wick­lungs­rei­he hier.
Wei­te­re Berich­te über unse­re Ver­an­stal­tun­gen im Rah­men die­ser Rei­he fin­det Ihr unter dem tag: Leben in der Stadt

Autor: Gastautor*in

Dieser Autorenname steht für Autor*innen die für uns Gastbeiträge schreiben. Wer dies ist erfahrt Ihr im Artikel.

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