IAA Cologne 2021

Köln hat sich um die Aus­rich­tung der IAA 2021 bewor­ben. Damit betreibt die Stadt für den Ver­band der Auto­mo­bil­in­dus­trie green­wa­shing in Reinst­form. Lau­ni­sche, per­sön­li­che Anmer­kun­gen von Thor Zim­mer­mann.

iaa cologne 2021

So schnell kann es gehen: Kurz nach Erschei­nen die­ses Arti­kel flog Köln aus der Bewer­ber-Run­de raus. Noch im Ren­nen: Ber­lin, Ham­burg, Mün­chen. #tschöIAA


(Der Arti­kel stammt vom 29.1.2020, Stand 17:06)
Das Ende des Zeit­al­ter des Auto­mo­bils, wie wir es bis­lang ken­nen,  wird oft beschwo­ren. Doch wer auf Kölns Stra­ßen schaut stellt Ande­res fest: Immer mehr, immer dicke­re Autos. Auch mit der Sau­ber­keit ist es nicht weit her, trotz tech­ni­schen Fort­schritts und zahl­rei­cher Infra­struk­tur-Maß­nah­men schram­men die Fein­staub­wer­te noch immer an ihren Gren­zen ent­lang. Vom CO2-Aus­stoß möch­te ich gar nicht erst reden …
Dass wei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung dies nicht län­ger hin­neh­men wol­len, bewie­sen im ver­gan­ge­nen Jahr ein­drucks­voll die Demons­tra­tio­nen rund um die IAA in Frank­furt am Main. Sand im Getrie­be und #aus­stei­gen mobi­li­sier­ten Zehn­tau­sen­de, die Mes­se wur­de blo­ckiert, die Innen­stadt lahm­ge­legt.

“Die IAA kann weg”

Die IAA ist eine alte Mes­se, Vor­läu­fe­rin­nen datie­ren bis ins Jahr 1897 zurück. Seit den 1950er Jah­ren wird die IAA vom Ver­band der Auto­mo­bil­in­dus­trie (VDA) meist in Frankfurt/M. aus­ge­rich­tet. Im 21. Jahr­hun­dert jedoch steckt die IAA in einer Kri­se und ist auf einem abstei­gen­den Ast. Nicht nur die Pro­tes­te neh­men zu, auch Aus­stel­ler und Besucher*innen blei­ben fern. Eini­ge Grün­de für den Nie­der­gang kann man nicht schö­ner benen­nen als Micha­el Herl in der Frank­fur­ter Rund­schau:

Der längst über­fäl­lig gewor­de­ne Umstieg vom Ver­bren­nungs­mo­tor zu alter­na­ti­ven Antrie­ben wur­de nicht ver­schla­fen, wie es oft heißt, son­dern bewusst unter­las­sen. So geriet der anfäng­li­che Schwach­sinn [Anmer­kung: gemeint ist die PS-Prot­ze­rei der IAA] zum vor­sätz­li­chen Kapi­tal­ver­bre­chen — und die einst so prunk­vol­le IAA peu à peu zu einem Sym­bol für über­bor­den­de Gewinn­sucht, ver­ant­wor­tungs­lo­se Umwelt­zer­stö­rung und Groß­manns­sucht in Tat­ein­heit mit Lug und Trug. Sie kann also weg.

Der VDA ist als Aus­rich­ter der Mes­se in den letz­ten Jah­ren in der Tat eher nega­tiv in den Schlag­zei­len. Sind im VDA doch auch die Auto­kon­zer­ne orga­ni­siert, die auch auf­grund euphe­mis­tisch umschrie­be­ner Schum­mel-Soft­ware für zahl­rei­che Todes­fäl­le durch Fein­staub mit­ver­ant­wort­lich sind. Die Sta­tis­ti­ken* sind ein­deu­tig, die Beweis­füh­rung im Ein­zel­fall natur­ge­mäß schwie­rig.
Auch die Modell­po­li­tik der deut­schen Auto­bau­er wirkt ana­chro­nis­tisch. Klar es wird gebaut was sich ver­kauft, und dies sind nun mal klas­si­sche Ver­bren­nungs­mo­to­ren, ver­packt in SUV-geform­ten zwei Ton­nen Blech. Wirt­schaft­lich ver­ständ­lich, aber dem Image trotz hoher Ver­kaufs­zah­len nicht zuträg­lich.
Die ver­meint­li­che Öko-Läu­te­rung des VDA führ­te der Ver­band anläss­lich der IAA 2019 in Frank­furt selbst ad absur­dum: Der höchs­te Reprä­sen­tant der gast­ge­ben­den Stadt, Ober­bür­ger­meis­ter Peter Feld­mann (SPD) wur­de aus­ge­la­den. Er galt als Kri­ti­ker und zeig­te im Vor­feld Ver­ständ­nis für die Pro­tes­te gegen die IAA.


Ein Video zur attac-Demo 2019 gegen die IAA in Frank­furt

So wun­der­te es nicht, dass im Sep­tem­ber 2019 auch Fra­gen nach Neu-Kon­zep­tio­nie­rung und der Weg­gang der Mes­se aus Frank­furt im Raum stan­den. Die ver­meint­li­che Gunst der Stun­de woll­ten sich im Okto­ber dann Ober­bür­ger­meis­te­rin Hen­ri­et­te Reker und NRW-Minis­ter­prä­si­dent Armin Laschet nicht ent­ge­hen las­sen: sie bekun­de­ten Inter­es­se die IAA zukünf­tig in Köln aus­zu­rich­ten.

Wir staun­ten nicht schlecht, ohne Abspra­che mit dem Rat soll Köln für den VDA und sei­ner IAA die Kas­ta­ni­en aus dem Feu­er holen? Für die­sen oben beschrie­be­nen Ver­band? Ein Ver­band, der gewähl­te Ober­bür­ger­meis­ter aus­lädt?

Zur Dezem­ber-Rats­sit­zung stell­te unse­re Rats­grup­pe GUT einen Antrag, der expli­zit den Abbruch der Gesprä­che mit der IAA for­der­te. Klar war der Antrag in die­ser Form chan­cen­los, auch der Köl­ner Rat ist mit Auto-Lob­by­is­ten durch­setzt, also eher Sym­bol­po­li­tik. Doch die­ses Zei­chen des Wider­stan­des woll­ten wir set­zen, und die Erfah­rung zeigt, dass die ande­ren Frak­tio­nen meist reagie­ren. Unser Antrag war tri­cky auf­ge­setzt: er for­der­te ja eine Mobi­li­täts­mes­se für Köln, eine schlich­te Ableh­nung einer Mobi­li­täts­mes­se hät­te auch als Ableh­nung der IAA ver­stan­den wer­den kön­nen. Was wird in sol­chen Fäl­len gemacht? Ein Ände­rungs­an­trag!
Die­ser begrüßt nun solch eine nach­hal­ti­ge Mobi­li­täts­mes­se, im Gegen­satz zu uns aller­dings ohne die IAA aus­zu­schlie­ßen. Gewünscht wer­den  Schwer­punk­te wie „Ver­kehrs­wen­de“, „Auto­no­mes Fah­ren“, “Mobi­li­täts­ver­bin­dun­gen zwi­schen unter­schied­li­chen Ver­kehrs­trä­gern“ sowie „Inno­va­ti­ve Was­ser­stoff- und Elek­tro­mo­bi­li­tät“. Dazu noch wei­te­re Anre­gun­gen zur kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung der Mes­se und im Punkt 3 des Antra­ges heißt es: In den Dia­log um die Mobi­li­tät der Zukunft sind neben der Indus­trie auch Uni­ver­si­tä­ten und For­schungs­ein­rich­tun­gen sowie die Zivil­ge­sell­schaft und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen ein­zu­bin­den.

Da auch das Wört­chen IAA nicht auf­tauch­te konn­ten wir die­sem Ände­rungs­an­trag guten Gewis­sens bei­tre­ten. Auch wenn uns klar war, dass die­ser Beschluss eine IAA-Bewer­bung wei­ter­hin mög­lich mach­te, aber eben zu ande­ren Bedin­gun­gen. Unser Haupt­be­weg­grund war jedoch ein ande­rer: Wir wol­len solch eine nach­hal­ti­ge Mobi­li­täts­mes­se in Köln! Die Zukunft der Mobi­li­tät gehört zu den zen­tra­len The­men, und wir den­ken, es stün­de Köln gut an, sich hier inter­na­tio­nal als inno­va­ti­ve Stadt zu prä­sen­tie­ren. Die IAA-Bewer­bung möge bit­te schei­tern, danach haben Ver­wal­tung und köln­mes­se wei­ter­hin den Auf­trag ein Kon­zept für solch eine eige­ne Mes­se zu ent­wer­fen.

Stand heute?

Mit einer solch modi­fi­zier­ten, nach­hal­ti­ge­ren Bewer­bung im Gepäck prä­sen­tier­ten sich nun Ende Janu­ar Ober­bür­ger­meis­te­rin Hen­ri­et­te Reker und die koeln­mes­se in Ber­lin. Der VDA hat­te meh­re­re Städ­te ein­ge­la­den, denn neben Köln bewer­ben sich auch Ber­lin, Frank­furt am Main, Ham­burg, Han­no­ver, Mün­chen und Stutt­gart um eine Aus­rich­tung der IAA ab 2021.
Also alles gut? Schon allein das Wört­chen “bewer­ben” soll­te stut­zig machen. Wir erin­nern uns: der IAA geht es schlecht, nicht uns! Im Gegen­teil, die koeln­mes­se steht glän­zend da. War­um also bewirbt sich die IAA nicht bei uns? Köln wäre für sol­che eine Mes­se ein idea­ler Stand­ort, mit einem Mes­se­ge­län­de in Innen­stadt­la­ge, am Bahn­kno­ten Euro­pas, Flug­ha­fen, Auto­bah­nen, Hotels … alles da. Genau die­se Punk­te wirft Köln nun in die Waag­scha­le, und hofft den Zuschlag zu bekom­men.
In einer Pres­se­mit­tei­lung der Stadt Köln heißt es:

“Unser Kon­zept zeich­net aus, dass wir die IAA zu einer Ver­an­stal­tung ganz neu­en Typs wei­ter­ent­wi­ckeln wol­len – weg von einer rei­nen Auto­schau hin zu einer Mobi­li­täts­mes­se der Zukunft. Wir wol­len mit­ten in der Stadt Inno­va­tio­nen tes­ten. Zum Bei­spiel mit einer Blue Lane, einer Fahr­spur von 15 Kilo­me­ter Län­ge, die wir für “Shared Mobi­li­ty” und emis­si­ons­freie Fahr­zeu­ge reser­vie­ren. Köln ist ein idea­ler Stand­ort, weil wir uns auf den Weg gemacht haben, moder­ne Mobi­li­tät zu leben: vom Aus­bau des Rad­ver­kehrs über die Stär­kung von Bus und Bahn bis hin zur För­de­rung alter­na­ti­ver Antriebs­tech­no­lo­gien,” so Ober­bür­ger­meis­te­rin Hen­ri­et­te Reker.

 

Doch hin­ter all den buz­z­words wie Blue Lane, Shared Mobi­li­ty und emmis­si­ons­frei wird etwas bewusst ver­steckt …

Außen hui, innen pfui!

Denn in den Mes­se-Hal­len soll es wei­ter wie gehabt zuge­hen. Natür­lich wer­den auch E- und Was­ser­stoff-Autos zu sehen sein, doch die meis­ten aus­ge­stell­ten Autos wer­den wei­ter­hin SUVs und sons­ti­ge Ver­bren­ner sein. Außen jedoch, wird von uns, unse­rer (!) Stadt öffent­li­ches Stra­ßen­land zur Ver­fü­gung gestellt. Flä­che, die allein dazu dient das Image der IAA wie­der auf­zu­po­lie­ren. Ich nen­ne dies green­wa­shing. Natür­lich kann es im Rah­men eines anvi­sier­ten beglei­ten­den “Fach- und Bür­ger­dia­lo­ges” zu inter­es­san­ten Ver­an­stal­tun­gen kom­men. Doch dies alles soll­te die Stadt Köln auch ohne die IAA hin­be­kom­men – dies wäre in der Tat span­nend!


Die­ser Bei­trag gibt mei­ne per­sön­li­chen Ansich­ten zum The­ma IAA in Köln wie­der. Die­se ent­spre­chen nicht unbe­dingt der Mei­nung unse­rer Rats- und Wäh­ler­grup­pe.


Quellen/Anmerkungen:

* Das Umwelt­bun­des­amt errech­net jähr­lich(!) 44.900 vor­zei­ti­ge Todes­fäl­le die auf Fein­staub­ex­po­si­ti­on zurück­ge­führt wer­den kön­nen. Die Emis­sio­nen im Stra­ßen­ver­kehr sind dar­an zu 20- 25% betei­ligt, dazu zäh­len neben den Abga­sen aus Ver­bren­nungs­mo­to­ren auch Rei­fen­ab­rieb und ande­res.
Unser Ursprungs-Antrag für eine moder­ne Mobi­li­täts­mes­se in Köln

Der erwähn­te gemein­sa­me Ände­rungs­an­trag
Die Pres­se­mit­tei­lung der Stadt Köln zur IAA-Bewer­bung
Der IAA-kri­ti­sche Kom­men­tar von Micha­el Herl in der Frank­fur­ter Rund­schau (10.09.2019)
Wiki­pe­dia zur IAA

Autor: Thor Zimmermann

Thor ist Ratsmitglied der Stadt Köln, und auch in den Ausschüssen Kultur, Stadtentwicklung, sowie dem Hauptauschuss vertreten. Am 13. September 2020 kandidiert Thor zur Oberbürgermeister*in-Wahl in Köln.

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