Klimapolitik für Haushalt, Stadtrat und Straße

Wir alle müs­sen CO2 ein­spa­ren, doch wie funk­tio­niert das im All­tag? Die Rats­grup­pe GUT hat­te dazu im Rah­men von  Climate.Cologne am 30.11. acht Kli­ma-Work­shops orga­ni­siert, um hand­fes­te Tipps für ein kli­ma­freund­li­che­res Leben zu ver­mit­teln

© Foto: Sebastian Bänsch

Harald Rau, Dezer­nent für Sozia­les, Umwelt, Gesund­heit und Woh­nen der Stadt Köln, ist eigens nach Ehren­feld gekom­men um die Teilnehmer*innen der Climate.Cologne–Workshops  in den Räu­men von „eco­sign – Aka­de­mie für nach­hal­ti­ges Design“ zu begrü­ßen. „Ich fin­de es gro­ße Klas­se, dass Sie die­sen Work­shop-Tag ver­an­stal­ten. Für mich steht da immer die Visi­on von Köln als ‚Stadt des guten Lebens‘ im Hin­ter­grund“, sagt der enga­gier­te Bei­geord­ne­te. Über vier­zig Erwach­se­ne und um die 20 Kin­der haben sich für die Work­shops ange­mel­det, die sich mit sehr unter­schied­li­chen Aspek­ten des Kli­ma­schut­zes befas­sen.

Die The­men rei­chen vom außer­par­la­men­ta­ri­schen Pro­test („Von Gras­wur­zeln und Geschich­ten des Kli­ma­wi­der­stands“), über Müll­ver­mei­dung, Ernäh­rung, Ener­gie­ver­sor­gung, kli­ma­freund­li­chem Rei­sen bis zum har­ten Brot der Lokal­po­li­tik mit ihren Anträ­gen und Anfra­gen („Kli­ma­po­li­tik kon­kret“). Doch alle Work­shops haben eines gemein­sam: Sie ver­mit­teln kon­kre­te Tipps für ein kli­ma­freund­li­che­res Leben. Die zwei Kur­se in denen die Kin­der unter­schied­li­che Insek­ten­ro­bo­ter bau­en kön­nen, fal­len dabei etwas aus dem Rah­men, aber ers­tens haben die Kin­der Spaß und zwei­tens ler­nen sie Grund­la­gen der Elek­tro­nik und den Umgang mit dem Löt­kol­ben. Kurs­lei­ter Ralf Schrei­ber hofft, dass er die Kin­der so auf die Idee brin­gen könn­te, defek­te Elek­tro­ar­ti­kel mal sel­ber zu repa­rie­ren. Ein­fach mal rein­zu­gu­cken, wie sie funk­tio­nie­ren. Auf jeden Fall sind am Ende alle Kin­der stolz auf ihre pie­pen­den oder tan­zen­den Robo-Insek­ten.

Ein selbstgebastelter Roboter im Hintergrund Kinder, die basteln
Kin­der bas­teln Insek­ten­ro­bo­ter aus Alt-Bat­te­ri­en und Recy­cling­ma­te­ria­li­en. Quel­le: Sebas­ti­an Bänsch
selbstgebastelter Insektenroboter
Insek­ten­ro­bo­ter. Quel­le: Bas­ti­an Bänsch

Im Work­shop „Wie ernäh­re ich mich kli­ma­freund­lich direkt aus der Köl­ner Regi­on“ läßt Katha­ri­na Schwartz vom „Ernäh­rungs­rat Köln“ der­weil die Teilnehmer*innen sich im Raum ver­tei­len. Auf eine Sei­te die­je­ni­gen, die immer frisch kochen, auf die ande­re Sei­te die­je­ni­gen, die das nie tun, die ande­ren je nach Selbst­ein­schät­zung irgend­wo dazwi­schen. Das Argu­ment „Mein Ita­lie­ner kocht ja auch frisch“ läßt sie dabei nicht gel­ten, ermu­tigt die Leu­te aber, auch in der Gas­tro­no­mie immer nach der Her­kunft der Lebens­mit­tel zu fra­gen. Mit all­tags­taug­li­chen Tipps und belast­ba­ren Zah­len beant­wor­tet sie die dann Fra­gen: Wie beein­flus­se ich mei­ne Kli­ma­bi­lanz durch Ernäh­rung und Lebens­mit­tel­ein­kauf. Bei­spiel: Eine Woche auf Fleisch zu ver­zich­ten spart im Ver­gleich zur gesamt­deut­schen Durch­schnitts­kost 8,3 Kilo CO2. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­spe­zia­lis­tin ver­gleicht außer­dem Alter­na­ti­ven zum nor­ma­len Super­markt, wie bei­spiels­wei­se Unver­packt­lä­den oder die „Soli­da­ri­sche Land­wirt­schaft“, in der Konsument*innen mit einem Monats­bei­trag das Gehalt von Erzeuger*innen sichern und dafür gute Nah­rungs­mit­tel erhal­ten. Wie trans­pa­rent und fle­xi­bel sind die­se Ein­kaufs­mo­del­le, wel­che CO2-Bilanz haben sie? Die Grund­fra­ge, so Schwartz: „Wie schaf­fen wir es, mehr Pro­duk­te der regio­na­len Land­wir­te in die Stadt zu bekom­men?“

Ganz ande­re Haus­halts­tipps für Klimaschützer*innen gibt der Work­shop „Plas­tik­frei leben im All­tag“. Nina Lap­pe, Kli­ma­schutz Bot­schaf­te­rin bei der „Kli­ma­schutz Com­mu­ni­ty Köln“, stellt anhand von all­täg­li­chen Bei­spie­len die fünf „R“ der Zero-Was­te-Prin­zi­pi­en vor: redu­ce, reu­se, repair, recy­cle und rott. Sie ver­mit­telt Anre­gun­gen für eine müll­re­du­zier­te Weih­nachts­zeit,  Müll­ver­mei­dungs­stra­te­gi­en für den All­tag sowie nach­hal­ti­ge Bas­tel-Ide­en: Häkeln Sie doch mal  Rei­ni­gungs­schwäm­me aus alten Oran­gen­net­zen! Die Teilnehmer*innen berich­ten von eige­nen Upcy­cling-Pro­jek­ten aber selbst die erfah­rens­ten Abfall-Vermeider*innen in der Run­de stau­nen nicht schlecht, als die Work­shop-Lei­te­rin erzählt, dass sie sich seit Jah­ren die Haa­re mit Rog­gen­mehl wäscht. Was man den Haa­ren nicht ansieht. Am Ende neh­men alle einen selbst gemach­ten All­zweck­rei­ni­ger aus äthe­ri­schen Ölen, Essig­es­senz und Was­ser mit nach Hau­se. Und vie­le gute Ide­en für den All­tag.

Schaubild plastikfrei leben Prinzipien.
Plas­tik­frei leben nach den Zero-Was­te-Prin­zi­pi­en. Quel­le: Sebas­ti­an Bänsch

„Unse­re Ethik muss sich ver­än­dern, sonst wer­den wir die Welt nicht ret­ten kön­nen“, lau­tet ist die Bot­schaft von Cath­rin Cam­pen von der „Energieagentur.NRW“. Dass man beim Welt ret­ten auch Geld spa­ren kann, ist ein posi­ti­ver Neben­ef­fekt. Wie das geht ver­mit­telt die Diplom-Bio­lo­gin im Work­shop „Ener­gie spa­ren – Kos­ten sen­ken – Umwelt schüt­zen“. Wie ent­lar­ve ich Strom­fres­ser in mei­nem Haus­halt? Wie kön­nen Leu­te, die kein Eigen­heim besit­zen, über die Wahl des Strom­an­bie­ters hin­aus erneu­er­ba­re Ener­gi­en för­dern? Wie erwer­be ich Antei­le an Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen oder Bür­ger­wind­parks? Wel­che För­der­mit­tel ste­hen dem Nor­mal­bür­ger zur Ver­fü­gung? Cath­rin Cam­pen ver­mit­telt prag­ma­ti­sche Vor­schlä­ge, wie alle Bürger*innen  Teil der Ener­gie­wen­de wer­den kön­nen.

Der Work­shop „Von Gras­wur­zeln und Geschich­ten des Kli­ma­wi­der­stands“ gibt Klima-Aktivist*innen Input für die all­täg­li­che Kam­pa­gnen­ar­beit. Was kön­nen wir aus der Geschich­te der Sozia­len Bewe­gun­gen ler­nen? Zum Bei­spiel, dass Demons­tra­tio­nen kei­ne Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen sind. Denn die Infor­mier­ten sind ja alle schon da. Es geht um Agi­ta­ti­on und Stär­ke. Georg Blo­kus von der »School of Poli­ti­cal Hope« (SPH) erklärt außer­dem, wie aus Apa­thie, Angst, Iso­la­ti­on und Selbst­zwei­feln, dem Gift­cock­tail des Neo­li­be­ra­lis­mus, posi­ti­ve Din­ge wie Wut, Hoff­nung, Soli­da­ri­tät und Hand­lungs­fä­hig­keit erwach­sen kön­nen. Dabei wirbt er für die Stra­te­gi­en des poli­ti­schen Sto­ry­tel­ling: Neben den ratio­na­len Fak­ten erreicht man die Leu­te mit Emo­tio­nen und All­tags­ge­schich­ten. Um die Bewe­gung grö­ßer zu machen.  Moti­vie­ren­de Stun­den vol­ler Denk­an­stö­ße für den poli­ti­schen Kampf.

Eine Lehr­stun­de in Lokal­po­li­tik für Anfänger*innen und Fort­ge­schrit­te­ne bie­tet der Work­shop „Kli­ma­po­li­tik kon­kret“. „Es geht ganz tech­nisch dar­um, wie man Anfra­gen und Anträ­ge stellt“, sagt Rats­mit­glied Thor Zim­mer­mann, der zusam­men mit Ali­ne Raab-Damas­ke (bei­de Rats­grup­pe GUT) den Work­shop lei­te­te. Die Referent*innen belie­ßen es nicht bei grau­er Theo­rie: Gemein­sam mit den Teilnehmer*innen for­mu­lier­ten sie eine ech­te Anfra­ge zum The­ma „Kli­ma­neu­tra­li­tät der Stadt Köln“. In der nächs­ten Rats­sit­zung wer­den die Politiker*innen wohl dar­über dis­ku­tie­ren müs­sen, war­um Kli­ma­neu­tra­li­tät, wie die Stadt Köln sie ver­steht, sich nur auf einen Pro­zent des Gesamt­aus­sto­ßes von CO2 bezieht.

Ratsgruppe GUT Referentin Aline Raab-Damaske mit Tom Geffe, BV-Innenstadt. Quelle: Sebastian Bänsch
Rats­grup­pe GUT Refe­ren­tin Ali­ne Raab-Damas­ke mit Tom Gef­fe, BV-Innen­stadt. Quel­le: Sebas­ti­an Bänsch

„Gro­ße Erleb­nis­se, klei­ner Fuß­ab­druck: Rei­sen ohne Flug­zeug“ heißt der Work­shop Ste­pha­nie Keil­holz und Phil­ipp Sta­ken­borg von der öko-sozia­len Krea­ti­va­gen­tur “Das Gute Ruft”.  Trotz Anmel­dun­gen muss­te die­ser Work­shop lei­der aus­fal­len. Sehr scha­de, denn das ist ein top­ak­tu­el­les The­ma, denn es ist gar nicht so ein­fach, eine Rei­se in den Süden zu buchen, wenn man beschlos­sen hat, nicht mehr zu flie­gen. Die bei­den haben aber nicht nur den Land­weg nach Mar­ra­kesch neu ent­deckt. Sie ken­nen den öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck aller Fort­be­we­gungs­ar­ten vom Rei­se­bus bis hin zum Tram­pen. Und die neus­ten Erkennt­nis­se der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft: Es nützt der Welt näm­lich durch­aus, als Ein­zel­ner auf Flug­rei­sen zu ver­zich­ten: „40 Pro­zent der Leu­te, die jeman­den ken­nen, der nicht mehr fliegt, flie­gen seit­dem auch weni­ger“, so Phil­ipp Sta­ken­borg. Ech­ten Aben­teu­rern emp­feh­len die bei­den einen unge­wöhn­li­chen Tape­ten­wech­sel: War­um als Nip­pe­ser nicht mal für ein Wochen­en­de mit Leu­ten aus der Süd­stadt die Woh­nung tau­schen. Die sol­len da ja eine ganz ande­re Men­ta­li­tät haben…


Autor: Chris­ti­an Gott­schalk

Fotos: Sebas­ti­an Bänsch

Autor: Christian Gottschalk

Gottschalk schreibt für „WDR Print“ und für die Wahrheits-Seite der „taz“. Er tritt bundesweit auf Kleinkunstbühnen und bei Poetry-Slams auf. – Für uns schreibt er als Gastautor.

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