Köln – Diagnose: Gefährlicher Selbstbetrug?

Ist der rhei­ni­sche Froh­sinn für kom­mu­nal­po­li­ti­sche Pan­nen ver­ant­wort­lich?

Bereits 2005 unter­nah­men Clau­dia Hon­ecker und Jörg Sun­dermei­er (als Her­aus­ge­ber) mit ihrem Köln­buch den Ver­such, sich Köln zu nähern. Die Fra­gen: “Was aber ist denn Köln nun genau? Wie hat es sich ver­än­dert?” stan­den im Mit­tel­punkt der Antho­lo­gie, zu der zahl­rei­che Autor*innen (meist aus der ehe­ma­li­gen Spex und Six-Pack-Sze­ne) ihre Bei­trä­ge lie­fer­ten.

2017 nun wid­met die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung ihre Zeit­schrift “Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te” (APuZ) eben­falls Köln. Auf­hän­ger sind die Ereig­nis­se am Köl­ner Haupt­bahn­hof Sil­ves­ter 2015/2016. Zwar ist über die­se Kata­stro­phe schon viel geschrie­ben wor­den, doch die­ses The­men­heft geht der inter­es­san­ten Fra­ge nach, ob es einen Zusam­men­hang zwi­schen einer ver­meint­li­chen Köl­ner Selbst­be­sof­fen­heit und einem dar­aus resul­tie­ren­den zu laxen Umgang mit ernst­haf­ten Pro­ble­men gibt. So wirft im Edi­to­ri­al Lorenz Abu Ayyash fol­gen­de stei­le (aber nicht sei­ne eige­ne!) The­se in die Run­de: “Der rhei­ni­sche Froh- und Leicht­sinn sei nicht nur für den Köl­ner Klün­gel und für kom­mu­nal­po­li­ti­sche Pan­nen ver­ant­wort­lich, son­dern sei eben­so Teil einer falsch ver­stan­de­nen poli­ti­schen Kor­rekt­heit, wel­che die Ereig­nis­se auf dem Bahn­hofs­vor­platz begüns­tigt habe.”
Es ant­wor­tet ein pro­mi­nen­te Run­de, vom Kaba­ret­tis­ten bis zur ehe­ma­li­gen Dom­bau­meis­te­rin, aber auch Jour­na­lis­ten wie Frank Über­all oder Chris­ti­an Wert­schul­te von der Köl­ner Stadt­re­vue. – Span­nend auch: Im Bei­trag “NEUE HEIMAT AM RHEIN? „GASTARBEITER“ IN KÖLN ZWISCHEN 1955 UND 1983” erin­nert Lena Foers­ter unter ande­rem an den Ford-Streik 1973 “der das Bild der „Gast­ar­bei­ter“ in der Bun­des­re­pu­blik lang­fris­tig ver­än­der­te.”

Ein Man­ko des Hef­tes ist lei­der der feh­len­de Blick von Außen. Nahe­zu alle Autor*innen sind Köl­ner, man­che, wie Jür­gen Becker sind inzwi­schen auch Teil einer gewis­sen Köln­tü­me­lei.
In den Bei­trä­gen wird zurecht auf die Dis­kre­panz zwi­schen Wol­len (Welt­of­fen, Tole­rant) und dem Köl­ner Ist-Zustand hin­ge­wie­sen, ein schlüs­si­ger Nach­weis für einen direk­ten Zusam­men­hang zwi­schen die­sem Selbst­be­trug und den zahl­rei­chen Kata­stro­phen wird jedoch nicht erbracht. Da hat Wer­ner Jung (NS-Dok) recht, wenn er sei­nen Bei­trag mit “Eine ganz nor­ma­le Stadt” über­schreibt.

Kata­stro­phen und Pan­nen fin­den sich in allen deut­schen Groß­städ­ten, und die­se haben dann doch eher ande­re Grün­de. Grün­de wie man­geln­de Kom­pe­tenz, ver­krus­te­te Ver­wal­tung, Par­tei­en­filz, Kor­rup­ti­on, Lob­by­is­mus und vie­les mehr.
Die Köl­ner Sil­ves­ter­nacht gehört nicht in die­se Rei­he, und bedarf einer geson­der­ten Betrach­tung. Erfreu­li­cher­wei­se leis­tet auch dies die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung in Zusam­men­ar­beit mit der Köl­ner Aka­de­mie der Küns­te der Welt, auf einer Ver­an­stal­tung am 19. Janu­ar 2017.


Das bespro­che­ne Heft fin­det sich kos­ten­los in diver­sen Datei­for­ma­ten auf der Sei­te der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung, dort kann man es auch “gedruckt & gra­tis” zuge­schickt bekom­men.

Das Ein­gangs erwähn­te Köln­buch gibt es nicht gra­tis, aber für klei­nes Geld. Am ein­fachs­ten fin­det man es neu oder gebraucht mit der ISBN-Num­mer 9783935843546

Auch inter­es­sant: Der Blick von Ser­dar Som­mun­cu auf Köln

 

 

Autor: Thor Zimmermann

Thor ist Ratsmitglied der Stadt Köln, und auch in den Ausschüssen Kultur, Stadtentwicklung, sowie dem Hauptauschuss vertreten.

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