Luftreinhalteplan – Gesundheit first?

Unse­rer Rats­grup­pe GUT geht es nicht dar­um Fahr­ver­bo­te durch­zu­set­zen. Uns geht es um die Gesund­heit! Mit einem Luft­rein­hal­te­plan der die Über­schrei­tung der Grenz­wer­te in Kauf nimmt, kön­nen wir da wenig anfan­gen …

luftreinhalteplan köln

Zur Zeit ist es etwas ruhi­ger gewor­den um den Die­sel, die Fahr­ver­bo­te und den “Luft­rein­hal­te­plan für das Stadt­ge­biet Köln, Zwei­te Fort­schrei­bung 2019”. Die­ser Luft­rein­hal­te­plan ist nun seit dem 1. April 2019 in Köln in Kraft, in den Mona­ten davor ging es mit­un­ter hoch her. Hef­tig wur­de um die Höhe von Grenz­wer­ten und die Ent­eig­nung der Die­sel-Fah­rer gestrit­ten. Als klar wur­de, dass die Bezirks­re­gie­rung Köln auf Fahr­ver­bo­te ver­zich­ten wür­de, beru­hig­te sich alles wie­der ziem­lich schnell.
Beim Luft­rein­hal­te­plan geht es jedoch nicht um Fahr­ver­bo­te, son­dern in ers­ter Linie um die Gesund­heit unse­rer Einwohner*innen und Gäs­te. Die Luft ist in Köln zu dre­ckig, die Grenz­wer­te wer­den nicht ein­ge­hal­ten und die­ses kann die Gesund­heit gefähr­den. Mit einem lan­gen Maß­nah­men­ka­ta­log (Aus­bau ÖPNV, …) will man die Belas­tung in Griff krie­gen. Das die Grenz­wer­te aber so nicht ein­ge­hal­ten wer­den kön­nen, scheint zwar allen klar zu sein – macht aber nichts! Die Bezirks­re­gie­rung Köln hält Fahr­ver­bo­te für unver­hält­nis­mä­ßig, schließ­lich sei­en von der Gesund­heits­ge­fähr­dung nur weni­ge betrof­fen, ein Fahr­ver­bot wür­de jedoch sehr vie­le tref­fen. Wei­ter setzt man schlicht auf Zeit, alte Autos wer­den weni­ger, die neu­en sind sau­be­rer.
Am 6. Febru­ar 2018 hat­te der Rat der Stadt Köln noch beschlos­sen, dass der Schutz der Gesund­heit der Bevöl­ke­rung “höchs­te Prio­ri­tät” genie­ße. Doch die Bezirks­re­gie­rung dreh­te den Spieß um, nach ihrer Logik ist die Gesund­heit nicht als vor­ran­gi­ges Gut zu betrach­ten, son­dern Eigen­tum (am Die­sel­fahr­zeug) und Mobi­li­tät (ohne Fahr­ver­bo­te) höher­ran­gig.
Es wird noch bizar­rer. Nach Auf­fas­sung der Bezirks­re­gie­rung Köln wären Fahr­ver­bo­te kein Mit­tel um die Gesund­heit zu schüt­zen, son­dern die­se wür­den die Gesund­heit sogar gefähr­den! – ??? – Ein Argu­ment: Ex-Die­sel-Pend­ler stei­gen auf den über­las­te­ten ÖPNV um, und bekom­men in über­füll­ten Stadt­bah­nen kei­ne Luft mehr!
[Haben wir uns nicht aus­ge­dacht, so zu lesen auf Sei­te 112 des LRPs.]

Ob die­se Argu­men­ta­ti­on vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter ver­fan­gen wird? Einer­seits wird die aus­ge­bau­te Leis­tungs­fä­hig­keit des ÖPNV gefei­ert, und mit als Grund dafür her­an­ge­zo­gen, dass die Wer­te zukünf­tig sin­ken wer­den, ande­rer­seits wird das glei­che ÖPNV-Netz als “über­al­tert und sanie­rungs­be­dürf­tig” bezeich­net …

Der Ent­wurf die­ses Luft­rein­hal­te­pla­nes wur­de Anfang Febru­ar 2019 ver­öf­fent­licht, in den Wochen danach konn­ten Ein­wen­dun­gen ein­ge­bracht wer­den, und auch die Stadt Köln nutz­te die Gele­gen­heit zu einer Stel­lung­nah­me. Die­se wur­de von Ober­bür­ger­meis­te­rin Hen­ri­et­te Reker Mit­te März an Regie­rungs­prä­si­den­tin Gise­la Walsken gerich­tet.
Ent­täu­schend! Obwohl die Bezirks­re­gie­rung eine Gesund­heits­ge­fähr­dung “Weni­ger” in Kauf nimmt, kein Wider­spruch unse­rer Ober­bür­ger­meis­te­rin. So viel zum The­ma Gesund­heit & höchs­te Prio­ri­tät.

Wie geht es wei­ter? Das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln hat­te in sei­nem Urteil am 8. Novem­ber 2018 Fahr­ver­bo­te ange­ord­net, dage­gen leg­te die Bezirks­re­gie­rung Beru­fung ein. Nun fin­det am 9. und 10. Mai eine Erör­te­rung in Müns­ter statt, spä­ter dann die münd­li­che Ver­hand­lung, mit einem Urteil wird im Som­mer gerech­net.


Unse­re Rats­grup­pe GUT hat zum Luft­rein­hal­te­plan und der städ­ti­schen Stel­lung­nah­me eine Anfra­ge im Haupt­aus­schuss gestellt. Eine Fra­ge betrifft eine bis­lang unbe­ach­te­te Klei­nig­keit, die viel­leicht den­noch wich­tig wer­den könn­te: Die Ober­bür­ger­meis­te­rin woll­te sich ihre Stel­lung­nah­me vom Rat im Nach­hin­ein geneh­mi­gen las­sen, dies tat er jedoch nicht, er nahm die Stel­lung­nah­me nur zur Kennt­nis

Unse­re Anfra­ge im Rats­in­for­ma­ti­ons­sys­tem der Stadt Köln (bit­te auf pdf-Sym­bol kli­cken). Auch hier im Wort­laut doku­men­tiert:


Luftreinhalteplan – Stellungnahme der Stadt Köln

Sehr geehr­te Frau Ober­bür­ger­meis­te­rin,

unse­re Rats­grup­pe GUT bit­tet Sie fol­gen­de Anfra­ge auf die Tages­ord­nung  der Sit­zung des Haupt­aus­schus­ses am 29. April 2019 zu set­zen.

Der Rat der Stadt Köln bekräf­tigt, den Schutz der Gesund­heit der Bevöl­ke­rung im Zusam­men­hang mit der Luft­rein­hal­tung als höchs­te Prio­ri­tät zu behan­deln.”, so vom Rat am 6. Febru­ar 2018 (3428/2017) beschlos­sen1.

Um die­sen Schutz der Gesund­heit sicher­zu­stel­len hält das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln Fahr­ver­bo­te für not­wen­dig, in sei­ner Urteils­be­grün­dung2 (Abs. 126) führt das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln aus: “Vor dem Hin­ter­grund der erheb­li­chen Gesund­heits­ge­fah­ren durch Stick­stoff­di­oxid ist die (gege­be­nen­falls nur vor­über­ge­hen­de) Ein­füh­rung von Fahr­ver­bo­ten zur Sicher­stel­lung gesetz­li­cher Grenz­wer­te und zum Schutz der Gesund­heit aller, die sich in Köln auf­hal­ten, nicht nur grund­sätz­lich ver­hält­nis­mä­ßig, son­dern auch gebo­ten und alter­na­tiv­los.”

Das von der Stadt Köln beauf­trag­te AVI­SO-Gut­ach­ten zur Wirk­sam­keit von Maß­nah­men kommt zu dem Schluss: “Erst die Kom­bi­na­ti­on der Fahr­ver­bo­te mit ande­ren Maß­nah­men füh­ren laut Gut­ach­ten zu einer Unter­schrei­tung der Grenz­wer­te.”, so die Zusam­men­fas­sung der Stadt Köln, zu lesen auf einer Web­sei­te der Stadt Köln3.

Nach Beschluss des Rates (“Gesund­heit höchs­te Prio­ri­tät”), dem Urteil des Ver­wal­tungs­ge­rich­tes (Fahr­ver­bo­te gebo­ten und alter­na­tiv­los) und dem Ergeb­nis des Avi­so Gut­ach­tens (nur Fahr­ver­bo­te und ande­re Maß­nah­men wirk­sam) ist es uns unver­ständ­lich, war­um die Stadt Köln in ihrer Stel­lung­nah­me der Ansicht der Bezirks­re­gie­rung nicht wider­spro­chen hat, das „gegen­läu­fi­ge Betrof­fen­hei­ten“4 (wie Eigen­tum und Mobi­li­tät) gegen­über dem Recht auf Schutz der Gesund­heit „ein­deu­tig Vor­rang genie­ßen“4. Auch die Anmer­kung der Bezirks­re­gie­rung eine gerin­ge Über­schrei­tung der Grenz­wer­te betref­fe nur weni­ge Bewoh­ner Kölns, for­dert unse­ren Wider­spruch her­aus: Selbst­ver­ständ­lich gilt der Schutz der Gesund­heit aller Einwohner*innen und Besucher*innen Kölns als höchs­te Prio­ri­tät.

Der Rat ver­zich­te­te in sei­nem Beschluss vom 6. Febru­ar 2018 zwar auf die For­de­rung nach Fahr­ver­bo­ten, schränk­te die­sen Ver­zicht jedoch ein. So zähl­te der Rat die Ein­füh­rung einer Blau­en Pla­ket­te wei­ter­hin zu den mög­li­chen Maß­nah­men, und unter Punkt 4 des Beschlus­ses heißt es:
„Der Rat beauf­tragt die Ver­wal­tung, für den Fall der Ein­füh­rung einer Blau­en Pla­ket­te durch den Bund oder der Bestä­ti­gung der Recht­mä­ßig­keit von ver­gleich­ba­ren Maß­nah­men durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, einen Ent­wurf für eine ent­spre­chen­de Anpas­sung der bestehen­den Umwelt­zo­ne zur erneu­ten Beschluss­fas­sung vor­zu­le­gen. Ein der­art beschlos­se­ner Vor­schlag soll sodann in den Pro­zess der Fort­schrei­bung des Luft­rein­hal­te­plans der Bezirks­re­gie­rung Köln ein­ge­bracht wer­den.“
Drei Wochen nach Rats­be­schluss, am 27. Febru­ar 2018, hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt5 die Recht­mä­ßig­keit von ver­gleich­ba­ren Maß­nah­men (dazu zäh­len wir Fahr­ver­bo­te) bestä­tigt. Eine gefor­der­te Anpas­sung der bestehen­den Umwelt­zo­ne erfolg­te jedoch nicht, und so wur­den ver­gleich­ba­re Maß­nah­men auch nicht in den Pro­zess der Fort­schrei­bung des Luft­rein­hal­te­plans ein­ge­bracht. Für unse­re Rats­grup­pe GUT stellt dies eine Miss­ach­tung der Zif­fer 4 des Beschlus­ses vom 6. Febru­ar 2018 dar.

Luftreinhalteplan Köln
Kin­der gel­ten als beson­ders gefähr­det, da sich ihre Lun­gen noch in der Ent­wick­lung befin­den.

Der Rat der Stadt Köln nahm die Stel­lung­nah­me der Stadt Köln zur 2. Fort­schrei­bung des Luft­rein­halt­plans der Bezirks­re­gie­rung Köln ledig­lich zur Kennt­nis, und geneh­mig­te sie nicht, wie eigent­lich in der Beschluss­vor­la­ge 0815/20196 von der Ver­wal­tung gewünscht. Da Ober­bür­ger­meis­te­rin Hen­ri­et­te Reker ihre Stel­lung­nah­me7 ledig­lich vor­läu­fig, vor­be­halt­lich einer Zustim­mung Rates abgab, liegt für unse­re Rats­grup­pe GUT der Schluss nahe, dass die Stel­lung­nah­me nun als nicht abge­ge­ben gel­ten müss­te.

Zum Urteil des Ver­wal­tungs­ge­rich­tes Köln am 8. Novem­ber 2018, und zum wei­te­ren Ver­fah­ren erklär­te Ober­bür­ger­meis­te­rin Hen­ri­et­te Reker: “Die Stadt­ver­wal­tung wird die­sen Pro­zess in enger Abstim­mung mit ihren poli­ti­schen Gre­mi­en beglei­ten.“8 Doch die Stel­lung­nah­me der Stadt Köln gegen­über der Bezirks­re­gie­rung wur­de dem Rat erst am 2. April 2019 bekannt, einem Tag nach dem Inkraft­tre­ten der 2. Fort­schrei­bung des Luft­rein­hal­te­plans. Für unse­re Rats­grup­pe GUT  ist nach dem bis­he­ri­gen Vor­ge­hen der Stadt­ver­wal­tung weder ersicht­lich mit wel­cher abge­stimm­ten Posi­ti­on die Stadt Köln in die Revi­si­ons­ver­hand­lung nach Müns­ter geht, noch wie und wann die Abstim­mung der  Posi­ti­on mit den poli­ti­schen Gre­mi­en erfol­gen soll.

Vor die­sem Hin­ter­grund stel­len sich uns fol­gen­de Fra­gen:

  1. War­um wider­sprach die Stadt Köln in ihrer Stel­lung­nah­me nicht der Auf­fas­sung der Bezirks­re­gie­rung Köln, dass die Gesund­heit der Köl­ner Bevöl­ke­rung kein vor­ran­gi­ges Gut gegen­über ande­ren Gütern wie Eigen­tum oder Mobi­li­tät sei?
  2. War­um wider­sprach die Stadt Köln in ihrer Stel­lung­nah­me nicht der Auf­fas­sung der Bezirks­re­gie­rung Köln, dass Fahr­ver­bo­te nicht not­wen­dig sei­en, obwohl das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln wie das von der Stadt Köln in Auf­trag gege­be­ne “Aviso”-Gutachten zu dem Schluss kom­men, dass nur eine Kom­bi­na­ti­on von den vor­ge­schla­ge­nen Maß­nah­men und Fah­rein­schrän­kun­gen eine Ein­hal­tung der Grenz­wer­te in Zukunft mög­lich machen kön­ne?
  3. Da die Ober­bür­ger­meis­te­rin ihre Stel­lung­nah­me unter Vor­be­halt abgab, und deren Vor­läu­fig­keit beton­te: Wie bewer­tet die Ver­wal­tung den recht­li­chen Sta­tus die­ser Stel­lung­nah­me zur 2. Fort­schrei­bung des Luft­rein­hal­te­pla­nes, nach­dem der Rat die­se nicht (wie gewünscht) geneh­mig­te, son­dern ledig­lich zur Kennt­nis nahm?
  4. Wie wird die Ver­wal­tung mit dem Rat ihre Posi­ti­on bei den anste­hen­den Erör­te­rungs­ter­mi­nen und der münd­li­chen Ver­hand­lung in Müns­ter abstim­men?
  5. War­um wur­de Zif­fer 4 des Beschlus­ses 3428/2017 vom 6. Febru­ar 2018 nicht umgesetzt?gez. Thor Zim­mer­mann

Quellen/Anmerkungen:

 Alle Her­vor­he­bun­gen sind durch die Antrag­stel­ler erfolgt.

1) Nie­der­schrift der Rats­sit­zung vom 6.2.2018, Sei­te 46ff https://ratsinformation.stadt-koeln.de/getfile.asp?id=653364&type=do&

2) Quel­le: https://www.justiz.nrw.de/nrwe/ovgs/vg_koeln/j2018/13_K_6684_15_Urteil_20181108.html

3) https://www.stadt-koeln.de/leben-in-koeln/umwelt-tiere/luft-umweltzone/66584/index.html Unter­punkt „Zu wel­chen Ergeb­nis­sen ist das neue Gut­ach­ten …“
4) Sie­he LRP Köln, Zwei­te Fort­schrei­bung 2019, Sei­te 155f https://www.bezreg-koeln.nrw.de/brk_internet/leistungen/abteilung05/53/luftreinhalteplaene/luftreinhalteplan_koeln_02_01_fortschreibung_2019.pdf

5) „Die­sel-Urteil“ https://www.bverwg.de/pm/2018/9

6) Beschluss­text in der Vor­la­ge (0815/2019) der Ver­wal­tung: „Der Rat nimmt den Ent­wurf der 2. Fort­schrei­bung des Luft­rein­hal­te­plans Köln 2019 zur Kennt­nis und geneh­migt die abge­ge­be­ne Stel­lung­nah­me (Anla­ge 4).“. Geän­der­ter Beschluss des Rates vom 4.4.19 (AN/0465/2019; nur Zif­fer 1): „Der Rat nimmt den Ent­wurf der 2. Fort­schrei­bung des Luft­rein­hal­te­plans Köln 2019 sowie die sei­tens der Köl­ner Stadt­ver­wal­tung abge­ge­be­ne Stel­lung­nah­me zur Kennt­nis.“

7) „Die­se Stel­lung­nah­me gebe ich vor­be­halt­lich des Beschlus­ses des Rates der Stadt Köln ab. Inso­fern ist die­se Stel­lung­nah­me vor­läu­fig.“, so Ober­bür­ger­meis­te­rin Reker in ihrer Stel­lung­nah­me vom 14. März 2019. (sie­he Anla­ge 4 zu 0815/2019)

8) Quel­le: https://www.stadt-koeln.de/artikel/67666/index.html


Mehr zum The­ma Luft­rein­hal­te­plan Köln (Janu­ar 2018)


Bild (Kind mit Gas­mas­ke): Mural von LeLoup (Ham­burg), gese­hen in der Ehren­fel­der Stamm­stras­se

Autor: Thor Zimmermann

Thor ist Ratsmitglied der Stadt Köln, und auch in den Ausschüssen Kultur, Stadtentwicklung, sowie dem Hauptauschuss vertreten. Am 13. September 2020 kandidiert Thor zur Oberbürgermeister*in-Wahl in Köln.

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