Das Kölner Klima braucht mehr Politik

Im Juli 2019 hat Köln den Kli­ma­not­stand aus­ge­ru­fen. Aber was bedeu­tet das über­haupt? Wel­che Maß­nah­men sind jetzt not­wen­dig? Wel­che Wege zur Kli­ma­neu­tra­li­tät beschrei­tet die Stadt? Hel­fen dabei CO2-Kom­pen­sa­tio­nen? Wie kön­nen bewuss­te Ernäh­rung und Kreis­lauf­wirt­schaft hel­fen unse­re Kli­ma­zie­le zu errei­chen? Eine Podi­ums­dis­kus­si­on am 8. Dezem­ber befass­te sich mit die­sen Fra­gen.

Publikum und Bühne Climate.Cologne Podium

Etwa 100 Leu­te haben an die­sem Sonn­tag­abend den Weg ins Film­Fo­rum NRW im Muse­um Lud­wig gefun­den. Ein „Besu­cher­re­kord“ im Ver­gleich zu ähn­li­chen Ver­an­stal­tun­gen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, wie Thor Zim­mer­mann von der Rats­grup­pe GUT zur Begrü­ßung erfreut fest­stellt. 2019 war ein beweg­tes Jahr in Sachen Kli­ma­schutz, das zeigt der klei­ne Licht­bild­vor­trag zur Ein­stim­mung: Die ers­ten Groß­de­mons­tra­tio­nen im Ham­ba­cher Wald, die ers­te Fri­days-for-Future-Demo in Köln, Wahl­er­fol­ge der Grü­nen bei der Euro­pa­wahl, schließ­lich der sym­bol­träch­ti­ge Beschluss des Stadt­ra­tes den „Kli­ma­not­stand“ aus­zu­ru­fen.

Es sei eher eine Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung als eine Podi­ums­dis­kus­si­on, sagt Mode­ra­to­rin Dr. Chris­ti­ne Kuch. Die Fach­leu­te und Aktivist*innen (die meis­ten sind eigent­lich bei­des) auf dem Podi­um ver­tre­ten schließ­lich kei­ne gegen­sätz­li­chen Posi­tio­nen. Das Publi­kum kann Fra­gen stel­len, schrift­lich oder münd­lich, Co-Mode­ra­to­rin Ali­ne Raab-Damas­ke koor­di­niert die­sen inter­ak­ti­ven Teil.

Zunächst aber erklärt Flo­ri­an Eick­hold, Exper­te für den Han­del mit Emis­si­ons­rech­ten, wie sein  Arbeit­ge­ber „Atmos­fair“ arbei­tet und wie CO2-Kom­pen­sa­ti­on nicht Ablass­han­del son­dern eine sinn­vol­le Über­gangs­lö­sung sein kann. Die gemein­nüt­zi­ge GmbH finan­ziert sich aus Spen­den, zum Bei­spiel von Flug­rei­sen­den. Einen Flug nach Madei­ra kann man mit 216 Euro zu 100 Pro­zent kom­pen­sie­ren. Mit dem Geld unter­stützt „Atmos­fair“ dann kli­ma­freund­li­che Pro­jek­te in der Drit­ten Welt, die das von den Flug­rei­sen­den pro­du­zier­te CO2 wie­der ein­spa­ren. Doch gilt immer das Prin­zip: „Ver­mei­den ist bes­ser als redu­zie­ren – kom­pen­sie­ren nur die  dritt­bes­te Lösung“, so Eick­hold. RWE zum Bei­spiel dürf­te des­halb bei „Atmos­fair“ gar nicht kom­pen­sie­ren „weil sie zuerst den Koh­le­aus­stieg voll­zie­hen müss­ten. Nur wenn dann noch unver­meid­ba­re Emis­sio­nen ent­ste­hen, könn­te man sich an einen Tisch set­zen. Frei­kauf als ers­ter Schritt, dass geht mit uns nicht.“

Wenn RWE sei­ne Emis­sio­nen tat­säch­lich kom­pen­sie­ren woll­te, wäre das für sie ein­deu­tig Green­wa­shing, sagt Ant­je Gro­t­hus, eine der bekann­tes­ten Umwelt­ak­ti­vis­tin­nen aus dem rhei­ni­schen Braun­koh­le­re­vier. Genau wie die­se neue Kam­pa­gne des Kon­zerns „Kli­ma­neu­tral bis 2040“. Nach ihrer Erfah­rung arbei­te­ten „gro­ße Kon­zer­ne ver­ant­wor­tungs­los, da geht es nur um die Divi­den­de“. Des­halb lau­tet ihre For­de­rung: „Dezen­tral erneu­er­ba­re Ener­gie pro­du­zie­ren, regio­nal und am bes­ten in Genos­sen­schafts­hän­den, dass ist ver­ant­wor­tungs­vol­les gesell­schaft­li­ches Han­deln.“

 

FFF-Pressesprecher der Kölner-Demo Jan Tecklenburg mit Valentin Thurn und Dr. Harald Rau. (v.l.n.r.)
Köl­ner Ver­tre­ter der  FFF-Bewe­gung Jan Teck­len­burg mit Valen­tin Thurn und Dr. Harald Rau. (v.l.n.r.)

Jan Teck­len­burg ist seit Janu­ar bei Fri­days for Future aktiv. Die haben ja vehe­ment den Kli­ma­not­stands­be­schluss vom Rat der Stadt Köln gefor­dert, „Das hat eine gro­ße Signal­wir­kung“ sagt der Schü­ler, „aller­dings müs­sen dar­auf Taten fol­gen.“ Mit wel­chen Mit­teln Indus­trie und Pri­vat­per­so­nen zu einem kli­ma­freund­li­chen Ver­hal­ten moti­viert oder gezwun­gen wer­den soll­ten, ist eines der gro­ßen The­men des Abends. Harald Rau, Bei­geord­ne­ter der Stadt Köln für die The­men Umwelt und Sozia­les und gelern­ter Psy­cho­lo­ge weiß: „Erkennt­nis ist nicht ent­schei­dend für Ver­hal­tens­än­de­rung, allen­falls eine hilf­rei­che Bedin­gung. Es sind gesell­schaft­li­che Kul­tur­merk­ma­le, die unser Ver­hal­ten bestim­men. Wir brau­chen Instru­men­te, die Ver­hal­tens­wirk­sam­keit haben.“

Politische Regulation ist notwendig

Dabei befür­wor­te­ten die meis­ten der Podiumsteilnehmer*innen Regu­lie­run­gen, die über Geld funk­tio­nie­ren. Auch Teck­len­burg meint: „Solan­ge wir noch in einem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem leben, kom­men wir um die CO2-Beprei­sung nicht her­um.“

Valen­tin Thurn, Fil­me­ma­cher („Tas­te The Was­te“) und Vor­sit­zen­der des Ernäh­rungs­ra­tes für Köln und Umge­bung, hat aus­ge­rech­net: „Wären Kli­ma­schä­den und  Was­ser­ver­schmut­zung nach dem Ver­ur­sa­cher­prin­zip in den Preis von Lebens­mit­teln ein­ge­rech­net, kos­te­ten Bio­pro­duk­te das Glei­che wie kon­ven­tio­nel­le.“ Man sol­le die Rol­le der Ernäh­rung in der Kli­ma­po­li­tik nicht unter­schät­zen.

„Welt­weit trägt Ernäh­rung 40 Pro­zent zu den Kli­ma­ga­sen bei. Wir set­zen uns des­halb für ein regio­na­les Ernäh­rungs­sys­tem ein“. Aber es sei­en nicht nur der Spar­gel aus Peru und die Trau­ben  aus Chi­le, die die Kli­ma­bi­lanz der Ernäh­rung so mise­ra­bel mach­ten. „Unse­re Land­wirt­schaft nutzt Stick­stoff­dün­ger, der mit Unmen­gen fos­si­ler Ener­gie her­ge­stellt wird. Beim Aus­brin­gen ent­weicht Lach­gas.“ Und das ist ein Kli­ma­kil­ler 200 mal so potent wie CO2.

Beein­dru­cken­de Zah­len, Fak­ten und Ver­glei­che haben sie alle auf dem Kas­ten, die da auf dem Podi­um sit­zen. Jan Teck­len­burg sagt: „Von den zehn größ­ten euro­päi­schen CO2-Emmi­ten­ten haben wir acht in Deutsch­land. Das sind alles Koh­le­kraft­wer­ke, jedes davon stößt mehr aus als alle Flug­zeu­ge von Ryan­air zusam­men. Man könn­te das mit einem Gesetz ver­bie­ten, aber das wird nicht gemacht. Statt­des­sen geht nächs­tes Jahr ein wei­te­res Stein­koh­le­kraft­werk ans Netz.“

Die eine genia­le Metho­de schnell und effi­zi­ent kli­ma­neu­tral zu wer­den, die gibt es nicht, sagt Jana Nico­las, wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin in der Abtei­lung Kreis­lauf­wirt­schaft beim Wup­per­tal Insti­tut. „Wenn es ein­fach wäre, wären wir nicht an dem Punkt, an dem wir jetzt sind“, so die For­sche­rin. Auch sie will über den Geld­beu­tel Ver­än­de­run­gen erzie­len: „Wir brau­chen Regu­la­tio­nen, die Markt­me­cha­nis­men ver­än­dern, damit es sich auch öko­no­misch lohnt und wir brau­chen ein kon­se­quen­te­res Durch­set­zen der Abfall­hier­ar­chie.“ Das bedeu­tet: An ers­ten Stel­le steht die Ver­mei­dung des Ein­sat­zes neu­er Roh­stof­fe, an zwei­ter die lan­ge Lebens­dau­er der Pro­duk­te und die Mög­lich­keit sie zu repa­rie­ren, an drit­ter das Recy­cling und erst ganz unten auf der Lis­te die ener­ge­ti­sche Ver­wer­tung, vul­go Ver­bren­nung.

Publi­kum und Podi­um sind sich einig: Ange­sichts der erns­ten Lage geht der Kli­ma­schutz nicht schnell genug vor­an. „Die Fak­ten haben wir seit dem Bericht des Welt­kli­ma-Rates von 1999“, sagt der 17jährige Jan Teck­len­burg, „da steht eigent­lich schon alles drin, was wir heu­te wis­sen.“

 

Gäste auf dem Podium der Climate.Cologne. GUT Ratsherr Thor Zimmermann spricht zu den Kölner Klimabeschlü
GUT Rats­herr Thor Zim­mer­mann spricht mit den Podi­ums­gäs­ten über Köl­ner Beschlüs­se zum Kli­ma­schutz. Im Bild: Dr. Harald Rau, Ant­je Gro­t­hus und Flo­ri­an Eick­hold (v.l.r.).

Thor Zim­mer­mann sieht den­noch Fort­schrit­te: „Wir haben einen Koh­le-Aus­stieg beschlos­sen, das war vor weni­gen Jah­ren noch unvor­stell­bar. Ver­ant­wor­tungs­vol­le Poli­tik wäre: Wir müs­sen den Leu­ten bei Ford jetzt sagen was für Arbeits­plät­ze wir in Köln in Zukunft haben. Denn das Auto mit Ver­bren­nungs­mo­tor wird es in weni­gen Jah­ren  nicht mehr geben.“

Harald Rau kün­digt an, sich unver­züg­lich an die Arbeit zu machen: „Ich wer­de mit Ober­bür­ger­meis­te­rin Reker einen Aus­stiegs­fahr­plan auf­stel­len, der sich die gro­ßen Emit­ten­ten in Köln vor­nimmt: Gebäu­de, Indus­trie, Ver­kehr und Nah­rung. Für die­se vier wer­den wir Emis­si­ons­fahr­plä­ne machen, mit denen wir ein kli­ma­neu­tra­les Köln 2050 oder deut­lich frü­her errei­chen kön­nen.“


Bil­der: Sebas­ti­an Bänsch

Autor: Chris­ti­an Gott­schalk

Autor: Christian Gottschalk

Gottschalk schreibt für „WDR Print“ und für die Wahrheits-Seite der „taz“. Er tritt bundesweit auf Kleinkunstbühnen und bei Poetry-Slams auf. – Für uns schreibt er als Gastautor.

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