Oper bleibt Baustelle – auch personell

Die Entscheidung von Oberbürgermeisterin Reker, den Vertrag von Opernintendantin Meyer nicht verlängern zu wollen, kann ich respektieren, verstehen muss ich sie nicht.
Ein Kommentar von Thor Zimmermann

Birgit Meyer Oper köln

Zurück ins Jahr 2012. Die Zeit der Oper im Haus am Offenbachplatz ging zu Ende. Intendant Eric Laufenberg soll den Etat der Oper massiv überzogen haben, der Etat wurde daraufhin unter OB Jürgen Roters und Rotgrün gekürzt. Es begann eine spektakuläre Schlammschlacht zwischen Laufenberg und der Stadtspitze. Am Ende stand der Rauswurf von Eric Laufenberg, dem Intendanten der im gleichen Jahr zum ersten (und bislang einzigen) Mal den Titel Opernhaus des Jahres nach Köln holte.
Frau Dr. Birgit Meyer war zu diesem Zeitpunkt bereits Operndirektorin und stellvertretende Intendantin. Das Frau Meyer, nach Laufenbergs Ausscheiden, in dieser für die Oper prekären Situation die Nachfolge als Intendantin antrat, war nicht nur der Not geschuldet, sondern sicher auch als ein Zeichen des Respekts vor ihrer, bis zu diesem Zeitpunkt bereits geleisteten Arbeit zu werten.
Ihr Vertrag wurde anschließend immer wieder neu verlängert, dabei spielte auch die Situation einer Oper im Interim eine  wichtige Rolle. Die aktuell letzte Version der Vertragsverlängerung berücksichtigt ebenfalls die besondere Situation in Köln. Eine Intendanz nur im Interim, nur unter erschwerten Bedingungen ist nicht befriedigend. So wurde Frau Meyer vertraglich zugesichert, auch zwei volle Spielzeiten einem sanierten(!) Haus am Offenbachplatz als Intendantin vorzustehen. Längstens solle jedoch ihr Vertrag bis zum 31. August 2022 laufen.

© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Da war die Welt noch in Ordnung. 31. August 2012 – Vertragsunterzeichnung durch Kölns ehemaligen Kulturdezernenten Prof. Georg Quander und Dr. Birgit Meyer. Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Wenn Oberbürgermeisterin Henriette Reker nun den Vertrag von Frau Birgit Meyer nicht weiter verlängern möchte, wählt sie also nur eine Option die ausdrücklich im Vertrag so vereinbart wurde. Die Tatsache, dass Frau Meyer so eben nicht in den Genuss einer Intendanz im sanierten Haus kommt ist zu bedauern, rechtlich ist die Situation aber eindeutig.

Überhaupt das Interim

Als Frau Meyer die Intendanz 2012 übernahm ging man noch von drei Jahren Interim im “Blauen Zelt” am Breslauer Platz aus. Alles war organisiert, im Herbst 2015 sollte das sanierte Haus am Offenbachplatz feierlich neu eröffnet werden. Frau Meyers Vertrag lief zu diesem Zeitpunkt bis zum 30. August 2017, sie wäre also rund zwei Jahre im sanierten Haus gewesen.

Doch es kam leider ganz anders, zum totalen Desaster (welches uns bis heute beschäftigt): Am 23. Juli 2015, knapp vier Monate vor der Wiedereröffnung (Programmhefte waren bereits gedruckt, Abos verkauft) wurde alles abgesagt. Sanierung ist bis zu diesem Termin nicht zu schaffen, alles dauert länger, alles wird teurer. So ist der Stand bis heute.
Für die Oper eine doppelte Katastrophe. Nicht nur die Blamage, sondern auch der Interimsstandort am Breslauer Platz war weg!
Ein weiterer Umzug musste organisiert werden, mit dem Staatenhaus wurde ein neuer Spielort gefunden. Der aber natürlich erst für einen Opernbetrieb tauglich gemacht werden musste. Dies gilt im übrigen nicht nur für das Gebäudeinnere, auch das Umfeld musste ertüchtigt werden. Dies geht hin bis zu Fragen der ÖPNV-Anbindung und der Bekanntmachung des Standortes.

Das Opernmagazin kommt zu dem Schluss, dass Intendantin Meyer diese Herausforderung “grandios gemeistert” hat.
“Und das Publikum?”, fragt das Klassikmagazin concerti. Wie reagierte das Publikum auf Auszug, Interim, Absage der Eröffnung, weiteres Interim an wieder neuem Standort? Wäre ja nur verständlich wenn das Publikum da laufen ginge.
Doch Meyer schaffte das Gegenteil, die Kartenverkäufe stiegen, eine Auslastung bei 86%, und  concerti stellte bezüglich der Publikumsreaktion im Februar 2020 fest: “Anstatt sich abwartend zurückzuziehen, hat seine Leidenschaft für das Musiktheater noch zugenommen.”
Zu den Ursachen des Erfolgs schreibt concerti weiter: “Dass die Kölner Oper derzeit so beliebt ist, verdankt sie auch ihrer Intendantin Birgit Meyer, die das Musiktheater als probates Mittel gegen den allgemeinen Empathieverlust begreift (…).”

Vor der zukünftigen neuen Kinderoper, Baustelle 2017

Aus Platzgründen nicht erwähnen kann ich hier die großen Erfolge einzelner Inszenierungen wie der Wiederaufnahme von “Die Soldaten” von Bernd Alois Zimmermann, die Kinderoper, das Projekt “Oper für Demenzkranke” und-und-und …

… und dann kam Corona!

Als wäre die Situation im Interim nicht schon schwierig genug, kam dann auch noch die Pandemie hinzu. Nun wurde und wird alles zum Drahtseilakt. Was ist erlaubt? Wieviel Publikum? Können die Solist*innen aus dem Ausland überhaupt anreisen? Eine weitere Herausforderung, die (wenn überhaupt) nur mit einem eingespielten Team zu bewerkstelligen ist.
Mein Eindruck (zugegeben als Laie) ist, dass Frau Meyer dies gewährleisten kann.

Nun mag man einwerfen, dass Frau Rekers Entscheidung ja nur eine in die Zukunft gerichtete ist, eine die erst in zwei Jahren wirksam ist. In einer Presseerklärung zollt unsere Oberbürgermeisterin der Leistung von Frau Meyer “allergrößten Respekt”, wünscht sich jedoch mit der Rückkehr zum Offenbachplatz eine neue Intendanz mit einer “neuen Handschrift”.
Auch kann man der Meinung sein, dass im Jahr 2022 zehn Jahre Intendanz Meyer genug seien, da ein Wechsel an der Spitze Institutionen generell gut tut.

Doch wird auch die Situation im Jahr 2022 keine sein, die einen “gewöhnlichen” Wechsel der Intendanz überhaupt zu lässt. Denn der Umzug der Oper wird im Jahr 2022 überhaupt nicht stattfinden. Im Sanierungs-Monatsbericht vom Juli 2020 geht man von einer “Schlüsselübergabe” im 3. Quartal 2023 aus, anschließend folgt die Finalisierungsphase. Neueste Berichterstattung lässt eher eine Eröffnung zur Spielzeit 2024/25 vermuten.
Da Meyers Vertrag nun zum August 2022 auslaufen soll, würde eine neue Intendanz mitten im weiter andauernden Interim übernehmen. Der Vorteil einer neuen Intendanz, die Wieder-Eröffnung mit genügend Vorlauf aus dem Interim heraus organisieren zu können, bleibt immer gepaart mit dem Nachteil sich in ein Interim überhaupt erst einfinden zu müssen.

Die Aachener Zeitung spricht in diesem Zusammnehang von einem “riskanten Sprung in Dunkle”. Auf die Konsequenz von Frau Rekers Entscheidung mitten im Interim das Team zu wechseln, reagieren auch Mitarbeiter*innen der Oper mit Unverständnis. In einem Offenen Brief halten sie dieses Vorgehen gar für “grob fahrlässig“.

Gibt es  einen “richtigen” Zeitpunkt für einen Wechsel?

Mit zehn Jahren Intendanz würde sich Frau Meyer im oberen Mittelfeld der Dauer einer solchen bewegen. Deutlich länger stand in Köln nur Michael Hampe (1975-1995) der Oper als Intendant vor. Auch in Berlin gab es an der Deutschen Oper mit Götz Friedrich (1981–2000) nur einen Intendanten der derart lange diese Funktion ausfüllte. Nach zehn Jahren das Haus zu wechseln ist also durchaus üblich.

Den Mitarbeiter*innen der Oper ist meiner Ansicht nach dennoch zu folgen. Bei allen Erfolgen ist das Interim kein Spaß, sondern verlangt allen seit Jahren ein hohes Maß an Geduld ab. (Zustände unter denen an anderen Häusern nicht gearbeitet werden muss!) Diese eingeübte Improvisationskunst, die definitiv nicht zum eigentlichen Aufgabengebiet gehört, dieses Arbeiten unter erschwerten Bedingungen mit einem Wechsel an der Spitze zusätzlich zu belasten, dies hat weder die Intendantin, noch ihre Mitarbeiter*innen verdient. Respekt vor dieser Leistung zollen sieht für mich anders aus.

Natürlich wäre eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit Ende des Interims ebenfalls problematisch. “Danke fürs Interim, aber jetzt übernimmt jemand anders.”, klingt ebenfalls nicht fair. Und wer würde in einem solchen Fall die Wiedereröffnung am Offenbachplatz eigentlich vorbereiten? Die neue Intendanz sicher nicht ehrenamtlich in ihrer Freizeit.

Die bisherigen Verträge mit Frau Meyer gaben ihr immer die Chance auch zwei Jahre im wiedereröffneten Haus arbeiten zu können. Warum diese Position nun aufgegeben wurde ist mir nicht klar. Die Verzögerungen bei der Sanierung der Oper sind nicht Frau Meyer anzulasten. Natürlich ist es befremdlich, dass sie das drohende Fiasko 2015 nicht erkannte, oder frühzeitig kommunizierte. Doch Frau Meyer ist keine Bauleiterin, sondern Intendantin einer Oper, und als solche musste sie die langen chaotischen Interimsjahre managen, und dies hat sie mit großem Erfolg getan.
In dieser Situation sollten ihr mindestens zwei Jahre am Offenbachplatz zugestanden werden. Eine solche Entscheidung zeigt nicht nur Respekt und Empathie – sie wäre auch für eine erfolgreiche Beendigung des Interims das Beste.


Anmerkungen:

Die Festlegung von Frau Reker, Frau Meyers Vertrag nicht erneut verlängern zu wollen, hat auch noch einen formalen/politischen Aspekt. Über das weitere Vorgehen müssen auch Betriebsausschuss Bühnen und der Rat beraten/entscheiden. Eine weitere Vertragsverlängerung bleibt politisch möglich. Diese Chance sollten wir nutzen.


Der Offene Brief der Mitarbeiter*innen:

Sehr geehrte Frau Reker, sehr geehrte Frau Laugwitz-Aulbach,

wie wir heute der Presse entnehmen mussten, beabsichtigen Sie offenbar, den laufenden Vertrag mit Opernintendantin Dr. Birgit Meyer nicht zu verlängern.

Als Grund wird Ihr persönlicher Wunsch nach einem „Neuanfang” genannt – außerdem gebe es Stimmen, dass der „Führungsstil” an der Oper zu wünschen übrig lasse.

Als Mitarbeiter*innen der Oper Köln bedauern wir Ihre Entscheidung nicht nur, sondern sie ist uns auch schlechterdings unverständlich.

An der Oper Köln wurden in den vergangenen Spielzeiten im Staatenhaus hervorragende künstlerische Ergebnisse erzielt – all dies gelang unter Leitung von Frau Dr. Meyer und allen Unkenrufen zum Trotz, die vorab – wenig hilfreich – die Tätigkeit der Intendantin von außen torpediert hatten.

Auch in der jetzigen Pandemie-Situation war und ist es Birgit Meyer, die – gemeinsam mit dem Technischen Direktor – unermüdlich und über die offiziellen Verordnungen hinaus die bestmöglichen Bedingungen für alle Ensemblemitglieder, Gewerke und Mitarbeiter*innen geschaffen hat, um den Betrieb zu stabilisieren und eine Fortsetzung des Probenbetriebs zu ermöglichen.

Die erfolgreiche Führungskonstellation an der Oper zum jetzigen Zeitpunkt, mit derart knappem Vorlauf, zu sprengen, sehen wir als grob fahrlässig an. Diese Entscheidung entbehrt jeglicher sachlicher Begründung.

Es ist uns unverständlich, dass Sie es tatsächlich riskieren, die ohnehin interims-bedingt komplizierte Planung der Oper für die nachfolgenden Spielzeiten einer solchen Gefährdung auszusetzen.

Die Atmosphäre an der Oper Köln ist überaus positiv und motivierend, der Führungsstil von Birgit Meyer ist sachorientiert und fair. Frau Dr. Meyer ist eine Intendantin, die nicht nur für hervorragende Opernabende einsteht, sondern auch hinter den Kulissen ihre Aufgabe mit einem Höchstmaß an Einsatzbereitschaft wahrnimmt. Wir verwahren uns gegen die ‚protektionistische’ Unterstellung, die Mitarbeiter*innen würden unter ihrem ‚Führungsstil’ leiden.

Nebenbei bemerkt ist Birgit Meyer die einzige weibliche Intendantin unter allen Führungsspitzen der großen deutschen Opernhäuser. Hat das für Sie, sehr geehrte Frau Reker, denn überhaupt keine Bedeutung?

Wir bitten Sie eindringlich, Ihre Entscheidung zu überdenken.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Oper Köln, 19.11.2020

[Quelle: https://www.report-k.de/Kultur/Buehne/Die-Causa-Opernintendantin-Meyer-wirft-Fragen-auf-l-opera-c-est-moi-137678 ]


Weitere Quellen:

 

 

 

Autor: Thor Zimmermann

Thor ist Ratsmitglied der Stadt Köln, und in den Ausschüssen Umwelt, Stadtentwicklung, Digitales sowie dem Hauptauschuss vertreten.

Ein Gedanke zu „Oper bleibt Baustelle – auch personell“

  1. Frau Reker rief mal bei meiner Freundin an, lobte ihr Grafik-Design, gab den Hörer an ihre Vorzimmerdame weiter. Sie würden gerne eine Einladung ohne Ausschreibung machen, man könne die Entwürfe dann jedoch nicht per Mail abstimmen. Seltsames Verhalten scheint bei der Frau nicht ungewöhnlich zu sein.

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