Corona & der Straßenraum

Coronabedingt werden Pop-Up-Radwege in vielen Städten eingerichtet – oder zumindest gefordert. Dies scheint weiter zu polarisieren, die Stimmung schwankt zwischen: “Habt Ihr keine anderen Sorgen?” und “Unbedingt notwendig!”

pop up

Räumlichen Abstand von anderen Personen zu halten ist eine der zentralen Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes in der Corona-Pandemie. Zugleich ist es generell geboten im Straßenverkehr einen Sicherheitsabstand zu anderen Verkehrsteilnehmer*innen zu halten.
In Corona-Zeiten wird dies vor allem in engeren Straßenräumen schwierig. Nahezu alle Verkehrsarten sind von diesem Problem betroffen:
Im Fußverkehr gibt es auf zu schmalen Gehwegen oft nicht genügend Raum einander ausweichen zu können. Dies betrifft nicht nur die „prominente“ Ehrenstraße, sondern unter anderem all die Orte wo sich Fußgänger knubbeln (beziehungsweise dies nicht tun sollen): Passanten kommen an Schlangen vor Geschäften schwer vorbei und vor Geldautomaten bilden sich oft Reihen quer zum Fußgängerverkehr. Wer um einen Sicherheitsabstand redlich bemüht ist, muss oft Slalom laufen, manchmal gar auf die Straße ausweichen.
Das Fahrrad erlebt zur Zeit einen weiteren Boom. Die Zahl der Nutzer*innen steigt stetig, aktuell rapide da viele den ÖPNV zur Zeit nicht nutzen möchten. Doch das Plus an Radverkehr braucht auch mehr Raum. Eine Idee sind sogenannte Pop-Up-Radwege.
An Haltestellen und in den Fahrzeugen des ÖPNV gibt ebenfalls Abstands-Problemen. Mit ein Grund warum viele Fahrgäste auf das Rad oder Zu-Fuß-Gehen ausweichen. Soll der ÖPNV zukünftig nicht dauerhaft gemieden werden, müssen die Verkehrsbetriebe (mit Unterstützung der Stadt) das persönliche Sicherheitsempfinden ihrer Fahrgäste erhöhen.
Der PKW mag ein Ansteckungsrisiko mindern, wird von vielen Kölner*innen aber nicht genutzt. Dies hat nicht nur
umweltpolitische Gründe, ein PKW ist für viele Kölner*innen in Anschaffung und Unterhalt schlicht zu teuer.

Pop-Up-Halteverbot
Mäßig erfolgreiches Pop-Up-Halteverbot in der Kölner Ehrenstraße

Pop-Up-Radwege

werden in vielen europäischen Städten kontrovers diskutiert.  Die Idee dahinter ist dabei eigentlich einfach und überzeugend:
Es geht nicht nur darum mehr Platz für mehr Radfahrende zu schaffen, sondern auch darum die Radfahrer*innen von den Gehwegen zu holen. Denn ein Großteil der Radwege verläuft auch in Köln weiterhin “hochbordig”, dass heisst in direkter Nachbarschaft zum Fußverkehr. Werden Radwege nun auf eigene neue Pop-Up-Spuren auf die Straße verlagert, haben auch Fußgänger*innen mehr Platz. Also ein Gewinn für alle? Nein!, sagt die Auto-Lobby. Und auch in den Kommentarspalten auf facebook & Co wird diese Idee oft wütend abgelehnt: “Habt Ihr keine andere Sorgen?” ist dabei noch die mildeste Variante.  Während des harten Lock-Downs waren die Straßen frei, genug Platz für neue Radwege, doch mit Beginn der Lockerungen holt sich auch das Auto Stück für Stück “seinen” Raum zurück.
Die Diskussion um Flächengerechtigkeit im Strassenverkehr wird in Köln seit Jahrzehnten kontrovers geführt. Als besonders progressiv erwies sich Köln dabei bislang nicht. Das es jedoch ganz anders geht zeigen Großstädte und Metropolen weltweit. Ob in Berlin, Brüssel, London oder Tel Aviv: viele Städte reagieren auf das veränderte Mobilitätsverhalten ihrer Einwohner*innen. In Köln passiert nahezu nichts …
Als ein Beispiel, für etwas Aktivität der Stadtverwaltung in dieser Richtung, muss die Ehrenstraße herhalten. Um mehr Platz für den Fußverkehr zu schaffen wurden zunächst alle PKW-Parkplätze abgeschafft damit Passant*innen auch auf die Straße ausweichen können. Doch einmal den Gehweg nach unten auf die Straße verlassen, stehen schon bald Bäume und Fahrräderständer im Weg, also wieder rauf den Gehweg … Zudem: natürlich war alles weiterhin zugeparkt. Nächster Versuch: die Ehrenstraße wird komplett für den Autoverkehr gesperrt! Klingt radikal, gilt allerdings nur samstags. Näher an eine Posse rücken die verzweifelten Bemühungen wenn man bedenkt, dass es seit Jahren zahlreiche Beschlüsse zur Rad- und Fußgänger-freundlicheren Umgestaltung der Ehrenstraße gibt – diese von der Verwaltung aber nicht umgesetzt werden.
(Zahlreiche weitere Infos zu Pop-Up-Radwegen und unserer Rats-Initiativen im Info-Block am Ende dieses Artikels)

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Pop-Up-Spielstrasse in Kalk

Mehr Spielstrassen!

Pop-Up-Radwege sind aber nicht die einzigen Ideen den Strassenraum neu aufzuteilen. Seit Mitte März sind Kitas und Schulen für die meisten Kölner Kinder geschlossen, rund zwei Monate lang sogar sämtliche Spielplätze. Doch Kinder müssen raus, sie brauchen Bewegung, und ganzen Familien fällt in der eigenen Wohnung (#stayhome !!!) die Decke auf den Kopf.
Aber wohin? Dies Problem stellt sich besonders in Stadteilen die mit Parks und Spielplätzen unterversorgt sind. In Kalk bildete sich nun eine Initiative die fordert während der Pandemie mehr Spielstrassen einzurichten.
Eigentlich ein grundsympathischer Vorschlag, denn Kinder leiden mit am meisten unter den Einschränkungen. Wäre es da nicht nur gerecht ihnen mehr Raum zu geben? Kölns dafür zuständige Verkehrsdezernentin Andrea Blome dämpft leider die Erwartungen. Statt sich begeistert zur Fürsprecherin dieser Idee zu machen, wird an die formalen Vorraussetzungen für verkehrsberuhigte Bereiche erinnert. Auch die Prüfung der konkreten Kalker Vorschläge kann nicht kurzfristig erfolgen, sondern bedarf (natürlich) einer “gewissen Bearbeitungszeit”.

spielstrasse corona
Positives Beispiel aus Berlin

Fazit

Die Corona-Pandemie ändert unser Mobilitätsverhalten massiv. Auch durch die geringere Nutzung des ÖPNV nehmen Fuß- und Radverkehr deutlich zu. Eine kluge Kölner Verwaltung muss diesem geänderten Verhalten nicht
nur Rechnung tragen, sie kann dabei gleichzeitig die angestrebte Verkehrswende weiter voran bringen.
Im Auftreten sollten alle Befürworter*innen einer Neu-Aufteilung des Strassenraumes etwa durch Pop-Up-Radwege möglichst sensibel sein. Es besteht die Gefahr, dass Auto-Lobbyisten den Vorwurf erheben, diese Aktionen würden nur von der Corona-Pandemie “profitieren” wollen. Auch wenn dies nicht beabsichtigt ist, wird mensch sich mit dieser Kritik auseinandersetzen müssen. Jede Neu-Aufteilung des Strassenraumes benötigt die Akzeptanz aller Beteiligter, dazu müssen die Argumente überzeugen.

Nur “auf Corona zu setzen” wäre auch falsch, denn: Die Schubladen und Schreibtische des Kölner Verkehrsdezernates sind voll mit positiven Beschlüssen zur Verkehrswende, wenn Zeit & Willen gefunden würde diese endlich umzusetzen wäre schon viel geholfen. Im Umfeld einer überlasteten Verwaltung besteht daher die Gefahr, dass neue Forderungen und Beschlüsse sich kontraproduktiv auswirken könnten.

Eine ökologische Verkehrswende bleibt dennoch jeden Tag von Nöten, mit oder ohne Pandemie. Um die Aufmerksamkeit hierfür weiterhin aufrecht zu halten, sind Aktionen und Demonstrationen natürlich ebenfalls jeden Tag sinnvoll!


Unsere aktuellen Anfragen und (gemeinsamen) Anträge zum Thema:

Unsere Anfrage im Rat “Straßenverkehr – mt Abstand am sichersten

Gemeinsamer Antrag in der Bezirksvertretung Innenstadt zu Pandemiebedingungen (Verkehrsaspekte)

Gemeinsamer Antrag in der Bezirksvertretung Innenstadt zu Pop-Up-Spielstraßen


Weitere Informationen:

Samstag, 23. Mai 2020, bundesweiter Aktionstag für Pop-Up-Bike-Lanes

Aktionstag in Köln: Samstag, 23. Mai, 11 – 13 Uhr Hahnenstraße/Rudolfplatz. Veranstaltung bislang nur auf facebook gefunden.
Veranstalter*innen:
Greenpeace Köln, ADFC Köln, Agora Köln, Verkehrsclub Deutschland (VCD) Regionalverband Köln e.V., Kidical Mass Köln

Eine Anleitung für Pop-Up-Radwege-Aktionen

Die Spielstraßen-Aktion in Kalk

Einige Beispiele für neue Wege in der Verkehrswende aus Berlin, Brüssel, London und Tel Aviv

 

 

Autor: Thor Zimmermann

Thor ist Ratsmitglied der Stadt Köln, und in den Ausschüssen Umwelt, Stadtentwicklung, Digitales sowie dem Hauptauschuss vertreten.

Ein Gedanke zu „Corona & der Straßenraum“

  1. Hallo Thor,

    wir begrüßen die Bemühungen, die Kölner Innenstadt attraktiver für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen zu machen! Vielleicht noch ein. Argument mehr: Es gibt sicherlich auch Straßen, die geeignet wären, den Autoverkehr zu Gunsten der Außengastronomie zu beschränken. Das würde sowohl die Attraktivität der Veedel erhöhen als auch den notleidenden Gastwirten helfen.

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