Silvia Marchais-Raytchevska für Humboldt/Gremberg und Kalk

Silvia Marchais-Raytchevska

Als jun­ge, quee­re Frau, die mit 19 Jah­ren nach Deutsch­land kam, erleb­te ich von Anfang an sehr star­ke Aus­schlüs­se in insti­tu­tio­nel­len Struk­tu­ren. Die Erfah­rung ohne staat­li­che, struk­tu­rel­le Unter­stüt­zung in Deutsch­land zurecht zu kom­men, war eine sehr bedeut­sa­me Prä­gung für mei­ne per­sön­li­che und zivil­ge­sell­schaft­li­che Hal­tung. Dass dies struk­tu­rel­ler Ras­sis­mus und insti­tu­tio­nel­le Benach­tei­li­gung war, konn­te ich fast 20 Jah­re spä­ter rea­li­sie­ren und benen­nen. Erst heu­te habe ich die Res­sour­cen, Kraft und Pri­vi­le­gi­en (vor allem das Erlan­gen der deut­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit), mich mit die­sen belas­ten­den ras­sis­ti­schen Erfah­run­gen und Mehr­fach­dis­kri­mi­nie­run­gen pri­vat und poli­tisch aus­ein­an­der­zu­set­zen und mich für struk­tu­rel­le Ver­bes­se­run­gen ein­zu­set­zen.

In mei­nem stadt­teil­po­li­ti­schen Enga­ge­ment in dem Gemein­schafts­gar­ten „Pflanz­stel­le Kalk“ und der Bürger*in-Initiative „Mehr Grün in Kalk“ stel­le ich sehr oft fest, dass Teil­ha­be und Mit­spra­che bei Betei­li­gungs­pro­zes­sen vor­wie­gend ein Pri­vi­leg ist, das meis­tens wei­ßen cis-männ­li­chen Men­schen vor­ent­hal­ten ist. In die­sen Betei­li­gungs­pro­zes­sen feh­len die Per­spek­ti­ven, The­men und Bedürf­nis­se von diver­sen Grup­pen. Zum Bei­spiel von nicht-wei­ßen quee­ren Men­schen und Regen­bo­gen­fa­mi­li­en, die täg­lich All­tags­ras­sis­mus und struk­tu­rel­le Dis­kri­mi­nie­rung erfah­ren. Oder von Kin­dern und Jugend­li­chen, die oft kei­nen Zugang zu For­ma­ten der „demo­kra­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­on“ haben.

Das grau­sa­me ras­sis­ti­sche Atten­tat in Hanau, die men­schen­ver­ach­ten­de deut­sche und euro­päi­sche Asyl­po­li­tik wäh­rend der Pan­de­mie-Bekämp­fung, der Mord an Geor­ge Floyd und der Selbst­mord der les­bi­schen Akti­vis­tin Sarah Hega­zi im kana­di­schen Exil haben mich inner­lich stark auf­ge­wühlt. Auch die Dis­kus­si­on um die „Grund­rech­te“ wäh­rend der Pan­de­mie ent­larv­te für mich ein wei­te­res Mal, dass vie­len poli­tisch akti­ven Men­schen in Deutsch­land nicht bewusst war, dass Grund­rech­te schon lan­ge vor der Pan­de­mie nicht allen Men­schen in Deutsch­land gewährt wur­den.

Alle die­se Erfah­run­gen sind ein Beweg­grund für mich, für die Kom­mu­nal­po­li­tik eine poli­ti­sche Kul­tur und Struk­tu­ren zu for­dern, die sen­si­bel für Macht­ver­hält­nis­se und wei­ße cis-männ­li­che Domi­nanz sind. Die zen­tra­le Fra­ge dabei ist für mich: Wie kön­nen poli­ti­sche Räu­me und Pro­zes­se gestal­tet wer­den, die weni­ger aus­schlie­ßend und ver­let­zend sind?

Ein wei­te­rer Beweg­grund ist für mich der man­geln­de Zugang zu Grün- und Erho­lungs­flä­chen in Stadt­tei­len wie Kalk und Humboldt/Gremberg sowie zu guten und siche­ren Wegen für Radfahrer*innen oder Fußgänger*innen. Die­ser wird für uns als Eltern von Zwil­lin­gen in Kalk tag­täg­lich unter ande­rem bei unse­ren Fahr­ten mit dem Las­ten­rad zur Kita sehr spür­bar. Der man­geln­de Zugang ist für mich eine sozia­le Fra­ge, die eben­falls sehr stark mit struk­tu­rel­ler ras­sis­ti­scher Benach­tei­li­gung ver­bun­den ist. Der Stadt­teil Kalk ist einer der dich­tes­ten Stadt­tei­le mit einem der gerings­ten Grün­an­tei­le in Köln. Sehr vie­le Men­schen – ins­be­son­de­re Kin­der und Jugend­li­chen, besit­zen nicht die Res­sour­cen, um an Orte zu kom­men, wo man fri­sche Luft, Schat­ten, Ruhe oder Bewe­gung in der Natur genie­ßen kann. Die­se (Umwelt-)Ungerechtigkeit wur­de gera­de zu Pan­de­mie-Zei­ten sehr sicht­bar.

Eine gute Stadt­pla­nung muss in mei­nen Augen die­sen Ungleich­hei­ten ent­ge­gen­wir­ken, Zugän­ge schaf­fen und eine nach­hal­ti­ge, lebens­wer­te und gesun­de Stadt für alle Men­schen als Ziel haben. Städ­ti­sche Gesundheits‑, Sozial‑, Umwelt- und Grün­flä­chen­po­li­tik müs­sen noch stär­ker zusam­men gedacht wer­den. Die Per­spek­ti­ve der in den Stadt­teil leben­den Men­schen muss für Stadt­pla­nung der zen­tra­le Aus­gangs­punkt sein. Hier braucht es mehr ange­mes­se­ne Betei­li­gungs­pro­zes­se, die alle (auch nicht-wei­ßen) Men­schen, auch Kin­der und Jugend­li­chen mit­ein­be­zie­hen. Dies wäre ein ers­ter wich­ti­ger Schritt zum Abbau von struk­tu­rel­ler Benach­tei­li­gung in Stadt­tei­len wie Kalk und Humboldt/Gremberg.

Ich glau­be dar­an, dass eine zukunfts­ori­en­tier­te, gesund­heits­för­dern­de und umwelt­ge­rech­te Stadt­ent­wick­lung für Kalk und Humboldt/Gremberg mög­lich ist. Das The­ma „Stadtgrün“/“Klimanotstand“ bewegt in ganz Köln sehr vie­le Men­schen. Es braucht dafür aber den poli­ti­schen Wil­len und eine Visi­on. Neben mei­nem Enga­ge­ment in der kom­mu­na­len Stadt­po­li­tik brin­ge ich mich wei­ter in die schon bestehen­den vie­len tol­len Initia­ti­ven und Grup­pen in Kalk und Köln ein. Denn sie sind für mich zen­tral für die Ent­wick­lung von Visio­nen und gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung.


Silvia Marchais-Raytchevska
Sil­via fährt Las­ten­rad, auch ins Foto­stu­dio …

Kalk/Humboldt/Gremberg benötigt dringend Folgendes:

  1. Finan­zie­rung und För­de­run­gen von Maß­nah­men und Pro­jek­ten der Umwelt­bil­dung sowie all­ge­mein zur För­de­rung von mehr Bil­dungs­ge­rech­tig­keit in Kalk und Humboldt/Gremberg
  2. Bar­rie­re­freie, fuß­gän­ger- und fahr­rad­freund­li­che Ver­bin­dungs­we­ge von Kalk und Hum­boldt-Grem­berg zu den außen­lie­gen­den Grün­flä­chen
  3. Ver­bin­dungs­we­ge inner­halb der zer­split­ter­ten Grün­flä­chen inner­halb des Wahl­be­zirks, gera­de auch für eine gefah­ren­freie Mobi­li­tät für Kin­der und Jugend­li­che.
  4. In den Stadt­tei­le Kal­k/Hum­boldt-Grem­berg deut­lich mehr attrak­ti­ve, natur­na­he Grün­flä­chen, die Natur­er­le­ben und Erho­lung bie­ten, gera­de für älte­re Men­schen und Kin­der.
  5. Eine die Bio­di­ver­si­tät för­dern­de Gestal­tung von den bis­he­ri­gen Grün­flä­chen.
  6. Natur­na­he Gestal­tung der Spiel­plät­ze — auch mit dem Ele­ment Was­ser

Dies bedeutet für mich konkret unter anderem:

  • Ein­rich­ten von tem­po­rä­ren Spiel-/Nach­bar­schafts-Stra­ßen für Kalk und Hum­boldt-Grem­berg
  • Ein­rich­ten von Was­ser­spiel­plät­zen in Kalk und Hum­boldt-Grem­berg (wie z.B. im Bür­ger­park)
  • Regel­mä­ßi­ge Sper­rung der Kal­ker Haupt­stra­ße und Olpe­ner Stra­ße, damit Men­schen bar­rie­re­frei und bequem zum Königs­forst radeln, zu Fuß oder mit sons­ti­gen rol­len­den Fahr­zeu­gen fah­ren kön­nen
  • Die Rea­li­sie­rung eines Natur­er­fah­rungs­raum auf der Bra­che an der Neu­er­burg­stra­ße statt Neu­bau­ten
  • Begrü­nung und Gestal­tung vom Ott­mar-Pohl-Platz als ange­neh­mer und sau­be­rer Ort der Begeg­nung
  • Kin­der­si­che­rer Tau­nus­platz und Schutz für die Bäu­me dort

In Köln möchte ich mich einsetzen für:

  • Kom­mu­na­les Wahl­recht für alle in Köln ange­mel­de­ten Men­schen – nicht nur für Men­schen mit EU- oder deut­scher Staats­bür­ger­schaft
  • Anbe­tracht des Kli­ma­wan­dels gesamt­städ­tisch Min­dest­flä­chen für Grün- und Erho­lungs­flä­chen in den Stadt­tei­len ein­füh­ren
  • Eine dis­kri­mi­nie­rungs- und ras­sis­mus­kri­ti­sche Kom­mu­nal­po­li­tik auf Augen­hö­he, in der Platz für alle Per­spek­ti­ven und Bedürf­nis­se aller Men­schen ist
  • Mit­spra­che von Kin­dern und Jugend­li­chen inner­halb von Insti­tu­tio­nen, die sie besu­chen in Bezug auf Inhal­te, das Per­so­nal, die Kon­zep­te oder Gestal­tung der Räu­me
  • Mit­spra­che von Kin­dern und Jugend­li­chen bei der Stadt­pla­nung