Die Kölner Unfallstatistik 2016 — Wie man aus Zahlen Mythen macht

Ein Kom­men­tar von Tho­mas Schmeck­pe­per

27 % mehr ver­un­glück­te Radfahrer*innen in Köln! Die erschre­cken­den Zah­len des Poli­zei­be­rich­tes 2016 lie­ßen uns auf­hor­chen. Unse­re Rats­grup­pe bat Tho­mas Schmeck­pe­per sich den Bericht mal genau­er anzu­schau­en …


Es ist Sonn­tag. Die Fami­lie hat zum Essen gela­den. Tan­te I. tischt „Königs­ber­ger Klop­se“ auf – mit Kapern und Piment­kör­nern, die sie bei­läu­fig „Lie­bes­kü­gel­chen“ nennt. Onkel W. ent­korkt den Ries­ling. Auch dabei ein Fläsch­chen Essig-Essenz zum Nach­wür­zen.
Das Amen des Tisch­ge­bets hallt noch nach, da ist das The­ma des Abends gefun­den: die Köl­ner Unfall­sta­tis­tik für das Jahr 2016. Oder nein,  eigent­lich geht es um die Stel­lung­nah­me des Poli­zei­prä­si­den­ten Mathies zu die­ser Stu­die. Oder noch prä­zi­ser: es geht um die Über­schrift des KSTA-Arti­kels über die Stel­lung­nah­me des Poli­zei­prä­si­den­ten zu die­ser Stu­die: „Betrun­ke­ne Rad­fah­rer, unauf­merk­sa­me Auto­fah­rer“.
Ja, es braucht nicht einen Satz, um das auf den Punkt zu brin­gen, was Tan­te I. und Onkel W. tag­täg­lich auf ihrem Weg zwi­schen der Sül­zer Tief­ga­ra­ge und jener in der Komö­di­en­str. bzw. der Düs­sel­dor­fer Kö ertra­gen müs­sen: den anar­chi­schen Stra­ßen­kampf mit dege­ne­rier­ten Rad­lern.
Jenen voll­trun­ke­nen Ver­kehrs­gue­ril­le­ros, die sich weder eine flot­te Limou­si­ne leis­ten kön­nen noch sich an das hun­dert­jäh­ri­ge Vor­machts­recht des Ver­bren­nungs­mo­tors erin­nern wol­len. „Links,rechts, auf dem Bür­ger­steig — die sin’ all’ bekloppt! Und dann sau­fen­se auch noch. Ja natür­lich bin ich da abge­lenkt und nicht auf­merk­sam. Sacht der Mathies och!“.
Und ich? Ich has­se Piment­kör­ner. Das ers­te steckt mir sogleich im Hals. Aber so ist das mit Lie­bes­kü­gel­chen. Manch­mal lan­den sie dort, wo sie nicht hin sol­len — so wie ich etwa vor drei Mona­ten in der Tür eines 2.Reihe-Parkers auf der Ber­ren­ra­ther­stra­ße.
Mögen die Spie­le begin­nen, hier im fami­liä­ren Mikro­kos­mos, dem ehr­lichs­ten aller gesell­schaft­li­chen Spie­gel­bil­der. Lie­be gegen Hass. Ver­stand gegen Schild­drü­sen. Genera­tio­nen gegen­ein­an­der. Ring Frei! Alles bes­ser als Stil­le. Und Dan­ke, Herr Mathies!
5772 Ver­un­glück­te hat uns der Ver­kehr 2016 in Köln beschert, 10,7% mehr als noch im Vor­jahr. Damit lie­gen wir im Bun­des­trend (der kommt ja nicht von irgend­wo her). Das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt spricht vom  „unfall­reichs­ten Jahr seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung“.

Den voll­stän­di­gen Bericht haben wir als pdf unten auf die­ser Sei­te hin­ter­legt

Platz 1 bei den Unfall­grün­den mit Ver­un­glück­ten macht in Köln bei Abstand der „Abstand“ (764 Unfäl­le).
Ihm fol­gen Unfäl­le auf­grund fal­schen, vor­ei­li­gen oder kopf­lo­sen „Abbie­gens“ (671).
„Vor­fahrt ohne Rot­licht“ auf Platz 3 (435), dann „Geschwin­dig­keit“ (365) und den geteil­ten Platz 5 holen sich die „Feh­ler von Fuß­gän­gern“ bzw. die „Feh­ler gegen­über Fuß­gän­gern“ (jew. 347).
Es fol­gen eben­falls mit einer Dop­pel­plat­zie­rung der etwas mys­te­riö­se Grund „Stra­ßen­nut­zung“ sowie „Rot­licht“ (jew. 261) auf Platz 6.
Und dann, als abge­schla­ge­ner 9. Grund auf Platz 7, mit nüch­ter­nen 173 Unfäl­len, der „Alko­hol“.
Und was sagt die Erhe­bung „Unfall­ur­sa­che Alko­hol“ expli­zit dazu?

Den voll­stän­di­gen Bericht haben wir als pdf unten auf die­ser Sei­te hin­ter­legt

Bei­gefüg­te Gra­phik „Ver­kehrs­be­tei­li­gung der Unfall­ver­ur­sa­cher“ meint: PKW (362), LKW (152), Fuß­gän­ger (152), und dann — vor Bus­sen (27) und mot. Zwei­rä­dern (19) — die Rad­fah­rer mit 59 betei­lig­ten Ver­ur­sa­chern.
Spä­tes­tens hier darf man rät­seln. Des­we­gen also 27% Pro­zent mehr ver­un­glück­te Rad­fah­rer (insg.1880)? Und was ist eigent­lich mit den 18,8% mehr ver­un­glück­ten Senio­ren (insg. 652) in unse­ren Stra­ßen? Kaum aus­zu­den­ken, wenn uns Ömsche auf ihrem Pedel­ec auch noch zum Smart­pho­ne grei­fen wür­de — mit Pic­co­lö­chen im Körb­chen…
Natür­lich darf man auf kri­tik­re­sis­ten­te Rad­fah­rer hin­wei­sen. Aber ist das eine Erklä­rung für die­se Zah­len? Die Kam­pa­gne „Köln steht bei Rot“ (man erin­nert sich, die KVB-Werks­stu­den­ten kos­tü­miert als rote und grü­ne Ampel­männ­chen) sol­le nun auch auf Rad­fah­rer aus­ge­wei­tet wer­den, so Herr Mathies. Also Erzie­hung durch Ver­mei­dung auf Basis einer Ampel­schal­tung des letz­ten Jahr­hun­derts. Gute Idee.
Nein, Pole­mik scheint nicht die bes­te Ant­wort auf staat­li­chen Zynis­mus. Genug Öl im Feu­er. Es sind nicht die „bösen Autos“ oder ihre Fah­rer und Hal­ter, die den Poli­zei­prä­si­den­ten in Erklä­rungs­not oder mich in Auto­tü­ren kata­pul­tie­ren. Kei­ne Macht den Quack­sal­bun­gen, wel­che,
sämt­li­che Infra­struk­tur­män­gel aus­blen­dend, das Ver­hal­ten der Ver­kehrs­teil­neh­mer als über­säu­er­te Sau durchs zu enge Dorf trei­ben. Wir brau­chen weder Rot-Kam­pa­gnen noch die prä­si­dia­le Essig­fla­sche im exe­ku­ti­ven Nadel­öhr. Auch die Kam­pa­gne „Köln steht bei Rot“ scheint mehr als über­flüs­sig. „Köln steht ja schon bei Rot, nur meis­tens eben die Fuß­gän­ger oder Rad­fah­rer“, so Roland Schü­ler vom VCD.
Die Pro­ble­me sind haus­ge­macht. Die Zahl der Rad­fah­rer steigt kon­ti­nu­ier­lich. Längst sind es nicht mehr nur Stu­den­ten oder ande­re Gering­ver­die­ner, die das Velo für sich als das Trans­port­mit­tel der Wahl tnut­zen. Die Erkennt­nis über Raum‑, Immis­si­ons- und Zeit­ein­spa­rung voll­zieht sich milieu­über­grei­fend. Pro­fes­so­ren, Fami­li­en, Senio­ren und Hand­wer­ker inkl. Aus­rüs­tung stei­gen um.
Las­ten­fahr­rä­der und elek­tro­ni­sche Tritt­un­ter­stüt­zung schaf­fen mehr Last­ka­pa­zi­tä­ten, grö­ße­re Distan­zen und höhe­re Geschwin­dig­kei­ten. Auch hier machen wir den Trend. Bun­des­weit stieg im Zeit­raum zwi­schen Janu­ar und Sep­tem­ber 2016 die Zahl der Unfäl­le mit Pedel­ecs um 39% im Ver­gleich zum Vor­jahr. Also mal alle etwas vor­sich­ti­ger (run­ter) fah­ren?
Vor­sicht ist jedem Ver­kehrs­teil­neh­mer gebo­ten inner­halb der ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Infra­struk­tur und dem gel­ten­den Recht. Nur hier ist der Haken. Wer in Köln sein Rad täg­lich nutzt, wird zwangs­wei­se in die Ille­ga­li­tät getrie­ben. Manch ein benut­zungs­pflich­ti­ger Rad­weg ist der­art eng, dass die 50cm Sicher­heits­ab­stand zur Doo­ring­Zo­ne der gepark­ten Autos mit­nich­ten mög­lich wären. Das Haf­tungs­ri­si­ko aber liegt beim Rad­fah­rer. So auch im Fal­le des Aus­wei­chens auf Geh­we­gen, sofern der Rad­weg wie­der ein­mal zuge­parkt ist.

Wo soll ich denn sonst par­ken?

Auf Stra­ßen ohne ange­leg­ten Schutz­strei­fen (Bsp. Luxem­bur­ger Stra­ße) schei­nen Rad­ler nicht nur nicht erwünscht, son­dern für man­chen Auto­fah­rer auch nicht erlaubt. Die Fol­ge: Hup­kon­zer­te und schärfs­te Über­hol­ma­nö­ver, die bei Tem­po 70 und weni­ger als einer Arm­län­ge Abstand als phy­si­sche Gewalt zu ver­ste­hen sind. Man ahnt wie sich die Kapern zwi­schen den Klöp­sen füh­len.
Doch die gefähr­lichs­ten Situa­tio­nen schaf­fen nach wie vor jene durch miss­ach­te­te Vor­fahrt von Rechts­ab­bie­gern. Wer hier als Rad­fah­rer blind auf sein Recht pocht, darf getrost als lebens­mü­de titu­liert wer­den. Schwer ein­seh­ba­re Rad­we­ge durch par­ken­de Autos, zusätz­lich instal­lier­te Rekla­me­ta­feln (die größ­ten an den gefähr­lichs­ten Kreu­zun­gen!), der feh­len­de Schul­ter­blick. Man ist geübt von 30 km/h auf 5 km/h run­ter zu brem­sen, sich vor­sich­tig ran zu tas­ten, um sich dann dan­kend an der Motor­hau­be vor­bei zu schie­ben. Dafür gibt’s kei­nen Ver­dienst­or­den. Höchs­tens ent­spre­chen­de Kom­men­tie­rung, punkt­ge­nau zusam­men­ge­fasst in einer DuMont-Head­line.
Dabei man­gelt es weder an guten Vor­schlä­gen noch an guten Vor­bil­dern, die eben nicht die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Ursa­chen für sol­che Sta­tis­ti­ken scheu­en. Rad­ver­bän­de wie der VCD und ADFC kämp­fen seit Jah­ren für eine ver­bes­ser­te Rad­in­fra­struk­tur sowie auch die längst eta­blier­te und wach­sen­de Cri­ti­cal-Mass-Bewe­gung. Man ist sich nicht in allem eins, ob Zwei- oder Ein­rich­tungs­rad­we­ge, Sepa­ra­ti­on oder Ein­glie­de­rung in die bestehen­den Fahr­bah­nen. Aber im Kern blei­ben die For­de­run­gen die­sel­ben: Mehr Raum und ver­bes­ser­te Sicht­bar­keit für den Rad­ver­kehr und v.a. kon­se­quen­tes Ahn­den von Par­ken auf Rad­we­gen oder in zwei­ter Rei­he, nicht ein­ge­hal­te­nen Über­hol­ab­stän­den und miss­ach­te­ter Vor­fahrt.
Metro­po­le sein bedeu­tet mehr als nur Dör­fer ein­ge­mein­den. Man schaue nach Oslo, Paris, New York, Chi­ca­go, Kopen­ha­gen, Ams­ter­dam, Bar­ce­lo­na oder Sevil­la.
Sze­nen­wech­sel: Don­ners­tag­abend, Pfarr­saal St. Niko­laus in Sülz. Die SPD lädt zum offe­nen Bür­ger­ge­spräch. The­ma: „Sülz­burg­stra­ße als Fuß­gän­ger­zo­ne?“. Ein Anwoh­ner stellt sei­ne Idee einer vom MIV befrei­ten Fla­nier­mei­le auf der Sülz­burg­stra­ße vor.
Die ört­li­che Inter­es­sen­ge­mein­schaft der Ein­zel­händ­ler hat mobi­li­siert. Die Stim­mung ist auf­ge­la­den. Was für ein Quatsch, und die 90 Park­plät­ze die weg­fal­len, und wo sol­len die Hür­ther Kun­den par­ken? Wer soll dann über­haupt noch bei uns ein­kau­fen, wo die Sül­zer doch mit ihrem Auto raus auf die soge­nann­te „Grü­ne Wie­se“ fah­ren?
Hier sit­zen sie. Die Tan­te I’s und Onkel W’s die­ser Stadt. Und sie haben Angst. Angst vor noch mehr Ver­än­de­rung. Angst vor ein­ge­schränk­ter Mobi­li­tät. Angst vor beschnit­te­ner Frei­heit. Sie malen Schre­cken­sze­na­ri­en an die Wand, grum­meln und grö­len. Ihr Vee­del sei in Gefahr. Hier, wo sowie­so schon die Miet­prei­se stei­gen durch jun­ge Gut­ver­die­ner, die nur noch ihren Lap­top und das Fahr­rad brau­chen. Die den Alt­ein­ge­ses­se­nen ihre Lebens­wei­se vor­schrei­ben wol­len. Es hat ein Geschmäck­le von Klas­sen­kampf. Mobi­li­täts­wen­de bedeu­tet hier vor allem: Brand­be­schleu­ni­ger für die fort­schrei­ten­de Gen­tri­fi­zie­rung. Als wäre es ein Duell zwi­schen But­ter­milch und Club­Ma­te.
Hin­wei­se auf die zahl­rei­chen Stu­di­en­ergeb­nis­se, nach denen der loka­le Ein­zel­han­del von einer geför­der­ten Rad­in­fra­struk­tur erheb­lich pro­fi­tiert (Rad­fah­rer kau­fen lokal ein, ent­wi­ckeln eine stär­ke­re Kun­den­bin­dung) wer­den müde belä­chelt. Gewöh­nung und Stim­mung zäh­len und
arti­ku­lie­ren sich dabei recht laut. Zumin­dest laut genug für alle anwe­sen­den Lokal­po­li­ti­ker, die mit mei­nungs­be­frei­ten Flos­keln bril­lie­ren. Man wol­le nur mal hören, wie denn so die Stim­mung sei!?
Nein. Man möch­te es sich vor Mai nicht mit dem Ein­zel­han­del ver­scher­zen. Aber gut. Ein paar Stim­men ein­ge­sackt. Auf­klä­rung dann nach der Wahl. Wei­ter im Text.
Und in eben jenes lodern­de und emo­tio­na­li­sier­te Feu­er des Stra­ßen- und Genera­tio­nen­kamp­fes gießt Herr Mathies mit sei­ner Stel­lung­nah­me und Kraft sei­nes Amtes noch ein Tröpf­chen Spi­ri­tus.

Soge­nann­te „Geis­ter­rä­der“ erin­nern inzwi­schen welt­weit an im Stra­ßen­ver­kehr getö­te­te Radfahrer*innen – hier eines an der Oskar-Jäger-Stra­ße in Ehren­feld (Bild: Rats­grup­pe GUT)

Er stig­ma­ti­siert Ver­kehrs­teil­neh­mer und schürt Feind­bil­der mit der päd­ago­gi­schen Fein­füh­lig­keit eines Königs­ber­ger Klop­ses. Und Tan­te I., als Kind einer Vorei­fe­ler Arbei­ter­fa­mi­lie, die sich müh­sam zu ihrem Sport­wa­gen mit Tief­ga­ra­gen­platz im bür­ger­li­chen Teil Kölns hoch­kämpf­te? Die applau­diert, aber kräf­tig.
Das Rad­ver­kehrs­kon­zept Innen­stadt spricht von sei­nen Big FIVE. Kon­kre­te Schrit­te in der Umset­zung zum Aus­bau der Infra­struk­tur, wie z.B. die Ein­rich­tung ein­zel­ner Fahr­rad­stra­ßen. Dabei wünscht man sich die vor­ge­la­ger­ten Big SIX, die die Grund­la­gen für künf­ti­ge Ent­schei­dun­gen neu kon­sti­tu­ie­ren, indem sie den Dis­kus­sio­nen an der Basis den Schlei­er der Ideo­lo­gie neh­men und allen Ent­schei­dungs­trä­gern die Pro­ble­me wie auch deren Lösun­gen durch sinn­li­che Erfah­rung ein­flö­ßen.

1) Ver­wal­tung — the Big Pic­tu­re
Wie flie­ßen der Aus­bau des ÖPNV, die Umstruk­tu­rie­rung des  Stra­ßen­rau­mes, die För­de­rung von inklu­so­ri­scher Rad- und  Fuß­gän­ge­rinfra­struk­tur, Park­raum­be­wirt­schaf­tung für Anwoh­ner und die ver­bes­ser­ten P+R Ange­bo­te für Pend­ler inein­an­der?
Die gefühl­te Sta­gna­ti­on im Aus­bau des Umwelt­ver­bun­des wird zu oft als Grund für einen Nicht-Umstieg aus dem Hut gezau­bert. Die  Stadt­ver­wal­tung selbst muss pro­ak­tiv in die Öffent­lich­keits­ar­beit gehen. Kam­pa­gnen, die die ein­zel­nen Scha­blo­nen der Ver­kehrs­wen­de
über­ein­an­der legen und so nicht nur „den gro­ßen Plan“ ver­ständ­lich, son­dern auch die Fort­schrit­te sicht­bar machen, moti­vie­ren mehr Men­schen umzu­stei­gen — ein Teil des Pla­nes zu wer­den.
Denk­bar wäre eine eigens ein­ge­rich­te­te Home­page, in der Fort­schrit­te doku­men­tiert, aber auch Her­aus­for­de­run­gen kom­men­tiert wer­den. Hier muss die Ver­kehrs­wen­de als das prä­sen­tiert wer­den, was sie ist: ein not­wen­di­ger Schritt hin zum Bes­se­ren für alle — und nicht die
Ein­schrän­kung oder Aus­gren­zung weni­ger. Dabei spielt die Spra­che eine wich­ti­ge Rol­le. Mit dem Begriff „Ver­bot“ weckt man nur schwer­lich Begeis­te­rung.

2) Poli­tik auf Rädern
Für Auto­fah­rer gibt es VR-Bril­len, die das Fah­ren unter Alko­hol­ein­fluss simu­lie­ren. Viel­leicht braucht es für die Ent­schei­dungs­trä­ger in der kom­mu­na­len Poli­tik eine Simu­la­ti­ons­bril­le, die einem eine Rad­fahrt über die Luxem­bur­ger Stra­ße wäh­rend der Rush­Hour oder eine Roll­stuhl­fahrt durch Ehren­feld simu­liert? Denk­bar wäre auch ein obli­ga­to­ri­scher Wan­der­tag, an dem sämt­li­che Rats­frau­en und ‑her­ren, und ger­ne auch Vertreter*innen der Ver­wal­tung, beson­ders bean­spruch­te Pend­ler­stre­cken abfah­ren — natür­lich nicht im Ver­bund.
Das Rad ist mehr als nur Frei­zeit­be­schäf­ti­gung. Jedes ein­zel­ne mehr ist ein Gewinn für die Stadt (übri­gens auch für jeden, der wirk­lich auf sein Auto ange­wie­sen ist). Wer sich über Ram­bo-Rad­ler echauf­fiert und das Velo gemein­hin als gedul­de­tes Objekt ver­steht, dem man­gelt es an der sinn­lich-sub­jek­ti­ven Erfah­rung, was ein Tag auf dem Rad in Köln bedeu­ten kann.

3) Ver­bands­still­le­ben
Der Vor­teil von Ver­bän­den: ihre Akteu­re sind Voll­pro­fis in der The­ma­tik, gut ver­netzt und kön­nen frei von par­tei­po­li­ti­scher Fär­bung auf­spie­len. Ihr Nach­tei­le? Das Ehren­amt prägt maß­geb­lich die Struk­tu­ren. Gre­mi­en und Arbeits­krei­se, Orts‑, Kreis- und Lan­des­ver­bän­de müs­sen häu­fig lang­wie­rig weil sta­tu­ten­treu mit ein­be­zo­gen wer­den. Für die meis­ten Enga­gier­ten ist es ein biss­chen mehr als Frei­zeit und wer sich der­art inten­siv in teils sehr tech­ni­sche The­men rein­fuchst und zusätz­lich den Unmut der eige­nen Peer-Group absor­biert, büßt mit­un­ter die Chan­ce zu neu­en, krea­ti­ven Ansät­zen ein. Die patho­lo­gi­sche Fol­ge? „Rudellei­den“.
Mehr Bewe­gungs­men­ta­li­tät in der Ver­bands­welt kann neue und agi­le Bünd­nis­se för­dern. Wer einen Brief vom VCD und ADFC bekommt, der ahnt schon, was ihm schwant. Was aber, wenn ein Brief von VCD, ADFC, Sport­ver­ei­nen, Senio­ren­ver­tre­tun­gen, dem Stu­die­ren­den­werk und der ört­li­chen Inter­es­sen­ge­mein­schaft der Ein­zel­händ­ler ins Post­fach flat­tert? Hier­in liegt der Erfolg von Ring­Frei, hier­in könn­te auch der Erfolg neu­er Lob­by­ar­beit lie­gen.
Eine milieu­über­grei­fen­de Anspra­che und Mobi­li­sie­rung wird den fol­gen­rei­chen Aus­wir­kun­gen ver­kehrs­tech­ni­scher Maß­nah­men gerecht. Brei­te Koali­tio­nen, die ein­trai­nier­te Bünd­nis-For­ma­te neu defi­nie­ren, tra­gen zur Ver­sach­li­chung und „Ent­mi­lieui­fi­zie­rung“ bei, set­zen poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger unter Druck und mobi­li­sie­ren die Ver­wal­tung.

4) (Raum)Handel
30% aller Ein­käu­fe im urba­nen Raum sind Ziel­ein­käu­fe. 70% Umsatz hin­ge­gen wer­den durch eher spon­ta­ne Gele­gen­heits­ein­käu­fe gene­riert. Wem bie­ten sich mehr Gele­gen­hei­ten im All­tag vor Ort „mal eben rein­zu­sprin­gen“? Auto­mo­bil­nut­zern? Oder doch Fuß­gän­gern und
Rad­fah­rern?
Hier ist der Ein­zel­han­del gefragt und mit ihm die ört­li­chen  Inter­es­sen­ge­mein­schaf­ten, derer poli­ti­scher Ein­fluss ger­ne unter­schätzt wird. Aber gera­de hier sitzt auch die Furcht um die eige­ne Exis­tenz bei jedem weg­fal­len­den PKW-Stell­platz auf­fal­lend tief. Dass die­se Furcht jeder fak­ti­schen Grund­la­ge ent­behrt, zeigt die wach­sen­de Anzahl in- wie aus­län­di­scher Stu­di­en.
Nein, es geht nicht um das Schre­ckens­ge­spenst der 70er­Jah­re-Fuß­gän­ger­zo­ne, son­dern um eine Infra­struk­tur, die die öko­no­mi­schen Bezie­hun­gen auf Vee­dels­ebe­ne wie­der loka­li­siert — nicht trotz, son­dern mit Hil­fe neu durch­dach­ter Ver­kehrs­in­fra­struk­tur. Hier kön­nen Ver­bän­de und Poli­tik Work­shops und Dis­kus­si­ons­aben­de initi­ie­ren, wel­che weni­ger die öko­lo­gi­sche Not­wen­dig­keit, son­dern mehr die öko­no­mi­schen Chan­cen beleuch­ten.

5) Zivil­ge­sell­schaft
Auch auf die Gefahr hin der päd­ago­gi­schen Plat­ti­tü­de bezich­tig zu wer­den, aber gera­de dort, wo’s klin­gelt und hupt, zählt doch der Ton. Manch ein­schlä­gi­ge FB-Grup­pe, wo sich all­täg­lich der ange­stau­te Druck erleb­ter Nah­tod­erfah­run­gen ent­lädt, zeugt vom auto­ma­ti­sier­ten Grup­pen­duk­tus, der schnell sei­nen Feind gefun­den hat. So wird das Amt für Stra­ßen und Ver­kehrs­tech­nik nur noch lie­be­voll „Amt 666“ genannt (eigent­lich das Amt 66). Ja, Pawl­ov macht auch vor Rad­lern nicht halt.
Man ahnt, welch Beschwer­de-Mails zwi­schen Mo. und Fr. in der Ver­wal­tung ein­tru­deln. Aber bei allem Ver­ständ­nis für die Wut, hel­fen tut dies meist nicht.

Nur zu erah­nen. Der Schutz­strei­fen für Radfahrer*innen am rech­ten Rand (inzwi­schen gibt es ein paar Rad-Pik­to­gram­me)

Man wünscht sich den Über­ra­schungs­mo­ment auf „sei­ner Sei­te“, die kon­struk­ti­ve Hin­wen­dung, den Gruß und Dank an den Auto­fah­rer für das Beach­ten der Vor­fahrt in unüber­sicht­li­cher Situa­ti­on.
Es tut nicht weh und bringt doch viel. Also, Con­ten­an­ce Mother­fu­ckers!

6) Poli­zei und Ord­nungs­dienst
Ja, ihr ihr seid immer schnell die Buh­män­ner und ‑frau­en, wer­det an Kar­ne­val ange­pin­kelt oder bei Fahr­zeug­kon­trol­len ange­spuckt. Ihr müsst her­hal­ten für eine Poli­tik der Ver­wal­tung, die die Abwä­gung im Ein­zel­fall pro­kla­miert hin­ter der Mas­ke­ra­de eines miss­in­ter­pre­tier­ten Uti­li­ta­ris­mus,
doch am Ende die Ver­ant­wor­tung auf euch da drau­ßen als Bau­ern­op­fer des Stra­ßen­kamp­fes abwälzt. Dass das Stim­mung und Ver­hal­ten im Ver­kehr kaum ver­bes­sert, merkt ihr ja selbst.
Des­we­gen an Sie, Herr Mat­t­hies und Herr Rum­mel, die Haupt­un­fall­ur­sa­chen in ihrer und unse­rer Sta­tis­tik sind Geschwin­dig­keit, Abstand und Vor­fahrts­miss­ach­tung. War­um? Weil ihre Kon­trol­len und Sank­tio­nen sich lie­ber auf die Stel­len kon­zen­trie­ren, wo man mehr und ein­fa­cher „abfan­gen“ kann. Z.B. an Fuß­gän­ger- und Rad­über­que­run­gen, bei Rot­licht­ver­stö­ßen und Alko­hol­kon­sum. Zuge­park­te Rad­we­ge, miss­ach­te­te Über­hol­ab­stän­de, feh­len­der Schul­ter­blick? War­um wird dies nicht oder kaum kon­trol­liert? War­um gibt es hier kei­ne Kam­pa­gnen? “Köln fährt mit siche­rem Abstand?“
Harr Mathies und Herr Rum­mel, Rad­fah­rer und Fuß­gän­ger brau­chen ihren Schutz, nicht ihre Vor­wür­fe.
Gesetz­lich vor­ge­ge­be­ne Min­dest­ab­stän­de brau­chen kei­ne Inter­pre­ta­ti­on. Sie sind kei­ne Hand­lungs­emp­feh­lung, genau­so wenig wie Weg­gu­cken eine köl­sche Lösung ist. Wenn ein Poli­zist 30 cm Abstand für einen “guten Kom­pro­miss” hält (true sto­ry), wenn Falsch­par­ken ein Kava­liers­de­likt ist und außer an Events nie, aber wirk­lich nie abge­schleppt wird, wenn jede
Geschwin­dig­keits­kon­trol­le für Autos öffent­lich ange­kün­digt und bewor­ben wird, dann pro­du­ziert das har­te Fak­ten in ihrer Sta­tis­tik.
Den Rad­lern dann die rote Kar­te hin­zu­schie­ben — irgend­was zwi­schen vic­tim bla­ming und Tätig­keits­ver­wei­ge­rung im Amt. Die Cri­ti­cal Mass als ver­kehrs­päd­ago­gi­sches Insti­tut in einer Stadt, wo Ord­nungs­amt und Poli­zei Auto­fah­rern mit einem “du Schlin­gel du” ent­ge­gen­tre­ten – das funk­tio­niert so nicht.
Herr Mathies und Herr Rum­mel — wir brau­chen sie. Schau­en sie noch­mal in ihre Sta­tis­tik, hören sie uns zu, reden sie mit statt über uns Rad­fah­rer und Fuß­gän­ger, und han­deln sie end­lich.


Hier als pdf: Der Bericht Ver­kehrs­un­fall­ent­wick­lung 2016 des Poli­zei­prä­si­di­um Köln, Direk­ti­on Ver­kehr

Unser ers­ter Bei­trag zum Unfall­be­richt

In unse­rem Arbeits­kreis Ver­kehr und Sozia­les mit­ma­chen?!

Bild­quel­len: Titel­bild (Poli­zis­ten im Auto) und Gra­fi­ken dem bespro­che­nen Bericht ent­nom­men, die wei­te­ren Fotos wur­den vom Autor zur Ver­fü­gung gestellt.

Autor: Thomas Schmeckpeper

Thomas Schmeckpeper arbeitet als Referent für unsere Ratsgruppe, zudem freiberuflich im Bildungssektor.

3 Gedanken zu „Die Kölner Unfallstatistik 2016 — Wie man aus Zahlen Mythen macht“

  1. Hal­lo,

    wie alles, hat auch die­se Sta­tis­tik zwei Sei­ten (nur 2?).
    Die Sta­tis­tik (ich glau­be nur an jene, die ich selbst gefälscht habe..Zitat) spie­gelt ja nur aus­zugs­wei­se die Situa­ti­on wie­der. Da kom­men vie­le Fak­ten zusam­men:
    Wir haben durch­aus ver­nünf­ti­ge Kraftfahrer,sie fal­len nur nicht auf und lan­den des­halb nicht in der Sta­tis­tik.
    Wir haben auch Rad­fah­rer, über die zu reden wäre, die ohne Licht fah­ren (1/3 ?), die zu schnell fah­ren, die mit Kopf­hö­rern unter­wegs sind, frei­hän­dig tele­fo­nie­rend radeln, auf der fal­schen Sei­te
    fah­ren, neben­ein­an­dern pala­vernd den Ver­kehr behin­dern, auf dem Bür­ger­s­tei klin­gelnd Fuß­gän­ger bei­sei­te scheu­chen uam…
    Nein, ich habe gar nichts gegen Rad­fah­rer aber ohne Spiel­re­geln und deren Ein­hal­tung gehts nicht.

    Ich habe etwas gegen SUV´s ‑vor allem wenn Unge­üb­te minu­ten­lang ran­gie­ren oder groß­kot­zig ande­re bei­sei­te drän­geln, wenn sie 8 Meter Park­platz brau­chen. Ich habe etwas gegen Potenz­ge­ha­be
    via PS. Ich muß auch nicht qual­men­de Socken an der Ampel haben, Besch­lei­ni­gungs­tests, auf Geschwin­dig­keits­test kann ich ver­zich­ten. Auch Hupen an der Ampel -“nun fahr´doch” braucht man nicht.
    Daß in den meis­ten Autos nur Einer sitzt ist ärger­lich, aber lie­ße sich ändern.
    Daß vie­le von aus­wärts mit dem Auto in die Stadt kom­men hat sicher­lich vie­le Grün­de, viel­leicht auch, daß es immer noch bil­li­ger ist, als eine Woh­nung in der Stadt.
    ÖPNV.
    Gott­sei­dank gibt es vor allem Jün­ge­re, für die ein Auto kein Sta­tu­sym­bol mehr ist.
    Mit dem Autor bin ich sehr oft einer Mei­nung aber sein Blick, sei­ne Art, die Din­ge zu beur­tei­len, hat so etwas vom Schieds­rich­ter auf dem “Hoch­sitz” beim Ten­nis.
    Ach ja, was die Poli­zei angeht: auf dem Got­tes­weg sprach ich einen höhe­ren Poli­zei­be­am­ten an:
    “Wie wäre es, wenn Sie eine Beam­tin und einen Beam­ten mit einem Schä­fer­hund durchs Vier­tel patroulie­ren lie­ßen. Man wür­de sie ken­nen, sie wür­den die Men­schen im Vier­tel ken­nen. Wenn die Beam­ten mit Blau­licht im Blech­ge­häu­se durch die Stra­ßen jagen — wer kennt dann wen?”
    “Sie haben recht. Ich sehe das auch so, aber mir feh­len 27 Beam­te”.
    Unse­re Zie­le sind gleich ‑aber Klas­sen­kampf? Bloß kei­ne Ver­än­de­rung? Ste­hen­ge­blie­ben­de?
    Ach ja, ich bin übri­gens ein Opa aus dem Sül­zer Vier­tel, woh­ne hier seit über 40 Jah­ren, aus 3 Autos in der Fami­lie wur­de 1 und das Grei­sen­ti­cket der KVB wird hef­tig genutzt — dazu könn­te man auch noch etwas sagen.
    Freund­li­cher Gruß
    Man­fred Hüb­ner

    1. Hal­lo Herr Hüb­ner,

      das mit dem “Hoch­sitz” mag mir manch­mal pas­sie­ren. Die Gefahr besteht bei poli­ti­schen Bewer­tun­gen von Zah­len. Kri­tik ange­nom­men.

      Gruß in die Nach­bar­schaft
      Tho­mas Schmeck­pe­per

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